75 Jahre Kriegsende

Lahrer Zeitzeugin Gertrud Neumeister: "Wir sind Besiegte und nicht Sieger"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

So, 19. April 2020 um 08:00 Uhr

Lahr

BZ-Plus Die Zeitzeugin Gertrud Neumeister hat in ihrem Tagebuch beschrieben, wie in Lahr der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen ist.

Gertrud Neumeister war eine gebürtige Lahrerin, Jahrgang 1911. Bis zum Kriegsende war sie in der Engel-Apotheke auf dem Urteilsplatz beschäftigt. Die Zeit zwischen März 1945 und dem 22. April 1945 hat sie akribisch in ihrem Tagebuch beschrieben. Es handelt sich bei diesem Text um einen Zeitzeugenbericht, es ist kein redaktionell verfassten Beitrag. Die Ausführungen schildern die subjektiven Erlebnisse des Erzählers.
März 1945
Man spürt es, es liegt in der Luft, alles ist beunruhigt, was noch kommen wird. Der Volkssturm wird aufgerufen. Männer bis zu 60 Jahren und darüber müssen dazu. Wir bebauen unsere zwei Gärten. Man weiß nicht, ob der Hunger noch größer wird. Wenn wir nur Kartoffeln haben, sind wir vor dem Hungertod geschützt. Es wird immer schlimmer. Die Partei überkugelt sich mit Anordnungen. Was geht in Deutschland vor? Hat Hitler die Macht verloren? Warum sagt er jetzt nicht seinem Volke die Wahrheit? Wenn jetzt Deutschland Frieden schließen wollte, wer würde darauf eingehen? Das sind Fragen, die mich beschäftigen.
Die Flieger schlagen ganz Deutschland kaputt. Ich denke immer an jenen kalten Winterabend, als ich vom Dienste heimging und eine Kollegin zu mir sagte: "Sie werden Hitler lehren, was es heißt, den Krieg zuerst in andere Länder zu bringen." Sollte sie Recht behalten? Armes Deutschland. Aus wie viel Wunden hast du schon geblutet und immer kommen neue dazu.
Ostern, 1./2. April 1945
Ruhige Tage sind uns beschieden. Außer den Fliegern spüren wir sehr wenig. Der Feind rückt immer näher; wie lange noch und Lahr ist in Feindeshand? Wir machen einen Spaziergang nach Friesenheim zu Bekannten. Es war sehr nett. Lilo durfte zweimal den Has' jagen. Abends waren wir alle müde. Bruchsal, das schöne Schloss, haben die Bomber kaputtgemacht. Wer in seinem großen Saal gestanden hat und auf den Park geblickt hat, wird dich nicht vergessen. Köstliche Minuten seligen Alleinseins und Träumens habe ich in deinem großen Saal erlebt. Ich sah die Frauen in Reifröcken, die Herren in bunten Fräcken galant und graziös den Damen den Hof machen, im Parke lustwandeln. Hörte von weither die "Kleine Nachtmusik" von Mozart, war mit einem Worte verzaubert, bis mich die Stimme des Schlosswärters wieder in die Wirklichkeit rief. Ja, damals konnte man noch träumen. Heute ist die Wirklichkeit zu schrecklich. Du herrliches Schloss, was ist von dir geblieben?
Der Feind soll Heidelberg besetzt haben, ohne dass ein Schuss gefallen ist. Es ist gut für die wunderschöne Stadt. Auch in Heidelberg habe ich herrliche Stunden erlebt. Keine Abenteuer, nein, Stunden inneren Wertes. "Was ist aus dir geworden, seitdem ich dich verließ, Alt-Heidelberg, du Feine, du deutsches Paradies." Der Feind rückt immer näher. Wie lange noch und er steht vor unseren Stadttoren. Überall werden die Panzersperren zugemacht, als wenn das was nützen würde. Zwischen Ettlingen und Bruchsal ist ein großer Sperrriegel. Da wird heftig Widerstand geleistet. Jede Frau, jedes Mädchen, jeder Knabe und Greis soll sich wehren, wird im Radio verkündet, mit was? Wo bleiben die Stadtoberhäupter, die Herren der Partei? Die das Volk aufpeitschen. Sie bringen sich beizeiten in Sicherheit. Alles, was Name und Rang in der Partei hat, flüchtet. Nützt sie das was?
10. April 1945
Heute hat meine verstorbene Schwester Erika Geburtstag. Der Tag ist für mich immer ein schmerzhaftes Erinnern. Wir können nicht auf den Friedhof. Die Lage wird immer ernster. Eine Stadt nach der anderen wird besetzt. Wenn nur die Hetzereien im Radio aufhören würden. Es hört ja doch ...

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