Alkoholfreie Getränke

Lust auf null Promille

Kathrin Blum

Von Kathrin Blum

So, 01. August 2021 um 07:00 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag Schmeckt nach Alkohol, ist aber keiner drin: Die Zahl der alkoholfreien Alternativen und deren Absatz wächst. Das bestätigen gleichermaßen Brauer wie Winzer – auch aus Südbaden.

"Jetzt komm schon, ein Gläschen!" Wer nicht mittrinkt in geselliger Runde, galt lange als Spaßbremse, Gesundheits- und Moralapostel oder ist – wenn weiblich – ganz bestimmt schwanger. Gera de scheint sich das Bewusstsein allerdings zu ändern, denn die Zahl der alkoholfreien Alternativen und deren Absatz wächst. Das bestätigen gleichermaßen Winzer wie Brauer.

Schon in ihrer südbadischen Heimat ist Isabella Steiner aufgefallen, wie stark das Trinken im Alltag verankert ist: Das Gläschen Wein gehört für viele zum Abendessen, zum Feierabend, es bereichert Feste und hilft vermeintlich gegen Frust. Als sie vor fünf Jahren von Lörrach nach Berlin zog, "habe ich festgestellt, dass dort sogar rund um die Uhr getrunken wird und vielen gar nicht bewusst ist, wie viel Alkohol sie tatsächlich konsumieren".

Deshalb begann die Soziologin, sich über die in den USA und Großbritannien aufgekommene "Mindful-Drinking"-Bewegung zu informieren: Mit dem Ergebnis, dass sie gemeinsam mit Katja Kauf den ihr zufolge "ersten alkoholfreien Späti Deutschlands" eröffnet hat. Dort verkauft sie mit wachsendem Erfolg mehr als 200 Getränkealternativen. Also Wodka, Whiskey und Wein, Gin, Rum und Aperitifs – alles komplett alkoholfrei. "Uns geht es nicht darum zu sagen: Alle sollen aufhören zu trinken", betont Steiner, "sondern darum, zu verstehen, wann, warum, wie viel und mit wem wir Alkohol konsumieren und um das Kennenlernen von Alternativen".

Die 32-Jährige möchte Diversität in der Trinkkultur und Toleranz schaffen. Über das "Mindful Drinking", also das "achtsame Trinken" haben Steiner und Kauf inzwischen sogar ein Buch geschrieben, das im September erscheint. Das Interesse an alkoholfreien Getränken, die geschmacklich an das Alkohol-Original erinnern, ist jedenfalls groß. Steiner macht das an den zahlreichen Bestellungen über den an den Späti angedockten Online-Shop fest. In alle Ecken Deutschlands haben Kauf und Steiner schon Produkte verschickt, erste Anfragen gibt es inzwischen auch aus Österreich und Italien.

Den Trend hin zu alkoholfreien Produkten kann auch der Deutsche Brauer Bund bestätigen. Von Anfang der 70er Jahre, als die ersten Alternativen auf den Markt kamen, bis 2007 sei der Absatz nahezu gleichgeblieben. Seit 2008 aber steige er zunehmend. "Ein Trend, der anhält", wie der Verband auf seiner Website schreibt. Bestätigen kann das die Brauerei Rothaus. "In diesem Bereich wachsen wir seit Jahren", sagt Jennifer Maurer von der Unternehmenskommunikation. Neben Pils und Hefeweizen gebe es deshalb seit Kurzem auch ein alkoholfreies Radler. "Aufgrund des veränderten Gesundheitsbewusstseins hat sich auch das Konsumverhalten geändert", sagt Maurer. Bei Rothaus zeigt man sich überzeugt, dass alkoholfreie Biere auch in Zukunft stark nachgefragt werden.

Auch Winzer in Baden experimentieren

Steigendes Interesse an nullprozentigen Alternativen, die mehr sind als Saft, registrieren auch Weingüter. "Wir haben bereits vor 15 Jahren mit einem alkoholfreien Traubensecco den Einstieg in das Alkoholfrei-Sortiment gewagt", sagt Julian Zotz vom gleichnamigen Weingut in Heitersheim. Vor sieben Jahren sei ein erster Rosé ohne Promille dazugekommen, seit drei Jahren gibt es zudem "Deutschlands ersten alkoholfreien Grauburgunder". Die Motivation dazu erklärt Zotz zum einen mit Interesse von Kunden aus Fachhandel und Gastronomie, zum anderen mit persönlichem Interesse. "Das hat uns angespornt, zu experimentieren." Zwar seien alkoholfreie Alternativen immer noch eine Nische im Sortiment insgesamt, aber die Nachfrage wachse – langsam, aber beständig.

Seit zwei Jahren bietet das Weingut L. Bastian in Endingen alkohol- und zuckerfreien Glühwein sowie eine Sektalternative an – damit beispielsweise auch die Fahrer bei Weinproben etwas kosten können, wie Geschäftsführer Andreas Neymeyer erklärt. Auch er bezeichnet die Nullpromilleprodukte als Nische, glaubt aber, dass sie ein Thema sein werden, wenn die Qualität stimmt.

Und die ist sehr unterschiedlich, wie Isabella Steiner bestätigt. "Klar gibt es Produkte, die Luft nach oben haben, aber es gibt beispielsweise einen Gin, der einen Blindtest übersteht und Weine, die an das Original heranreichen." Und sogar für Konsumenten, die wegen der vermeintlich entspannenden Wirkung trinken, hat Steiner gute Nachrichten: "Es gibt da inzwischen ein pflanzliches Produkt, das eine Wirkung hat, aber nicht süchtig macht."