Für die Zukunft

Kim Lübke und Anika Maldacker

Von Kim Lübke & Anika Maldacker

Do, 19. September 2019

Freiburg

Es soll die größte Demonstration der Nachkriegszeit werden: In Freiburg rufen mehr als 500 Organisationen zum morgigen Streik für das Klima auf.

FREIBURG. Am morgigen Freitag, 20. September, wird weltweit gestreikt: Fridays for Future läutet damit eine Aktionswoche für das Klima ein. In Freiburg soll es die größte Demonstration der Nachkriegszeit werden. Mehr als 500 Organisationen, Verbände, Vereine und Institutionen unterstützen die Freiburger Fridays for Future-Gruppe dabei und rufen dazu auf, an der Demo teilzunehmen. Einige der Teilnehmenden stellen wir hier vor.

» Teachers for Future Freiburg
Die Teachers for Future sind keine zwei Wochen alt, die Freiburger Gruppe gibt es erst seit dem 9. September. Besonders zahlreich sind sie mit ihren 16 Aktiven nicht. Das hat einen Grund: "Ambivalent ist, dass wir die Schüler und Schülerinnen inhaltlich voll unterstützen, aber dass wir sie natürlich nicht zum Schwänzen auffordern können", sagt Mitglied Torsten Gass-Bolm, der am Wentzinger-Gymnasium Geschichte und Latein unterrichtet. Beamte haben kein Streikrecht. Gass-Bolm nimmt am Klimastreik am Freitag nicht teil – er wird seinen Unterricht halten, auch wenn wohl einige Schüler fehlen werden. "Sollten alle Schüler fehlen, gehe ich auch zur Demo", sagt er. Die Teachers in Freiburg sind sich einig, dass keiner der Beamten während seiner Arbeitszeit streiken soll – oder für den Streik Urlaub nimmt. "Das wäre ein Dienstvergehen", sagt Gass-Bolm. "Wir halten die Forderungen für dringend notwendig", sagt der 50-Jährige. Er fordert aber eine Debatte darüber, wo man die Grenze zwischen gutem und schlechtem politischen Engagement zieht. Gass-Bolm beharrt auf den zwei Rollen, zwischen denen er sich in der Diskussion um Fridays for Future befindet: Einerseits ist er ein politisch-interessierter Bürger, andererseits ein Lehrer, der seinen Unterricht führen will. An ein Bild vom Klimastreik im Juli, als allein beim Wentzinger-Gymnasium 200 Schüler gefehlt haben, erinnert er sich noch: "Da haben die Schüler den Studenten in der UB die 68er-Sprüche zugerufen."

Scientists for Future Freiburg
Bundesweit gibt es die Gruppe schon seit Anfang des Jahres. Mehr als 26 000 Wissenschaftler hatten die Forderungen von Fridays for Future damals unterstützt. Die Freiburger Regionalgrupppe hat sich im April 2019 gefunden und zählt rund 100 aktive und passive Mitglieder. Die Wissenschaftler laufen am Freitag mit eigenem Banner beim Streik mit. Dort sind die sogenannten "Warming Stripes" zu sehen – also die jährliche Durchschnittstemperatur Freiburgs über mehr als 100 Jahre hinweg. Das Motiv ist seit mehreren Tagen auf einer Freiburger Straßenbahn aufgedruckt. "Wir sind schon bei den zwei letzten Fridays-for-Future-Demos mitgelaufen", sagt Manuel Lämmle, der am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme forscht und Teil der Scientists ist. "Wir als Wissenschaftler sehen, wie wichtig die Forderungen von Fridays for Future sind", sagt Lämmle. "Außerdem wollen wir die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft mit unserer Teilnahme am Streik unterstreichen", fügt seine Mitstreiterin Mareike Blum, die am Lehrstuhl Forst- und Umweltpolitik der Uni Freiburg promoviert, hinzu. "Was bisher getan wurde, reicht nicht", sagt sie. Auch Wissenschaftler debattierten nun, wie Emissionen verhindert werden können – etwa bei Dienstreisen zu Konferenzen.

» Entrepreneurs for Future Freiburg
Bundesweit haben sich die Entrepreneurs for Future im Juni zusammengefunden, in Freiburg entstand die Regionalgruppe einen Monat später. "Wir sind am 20. September dabei, da wir die Kraft innovativer Geschäftsmodelle und Technologien kennen, die das Klima schützen und profitabel sind", sagt Ulrich Martin Drescher, Unternehmensberater aus Kirchzarten.

Die konsequente, schnelle Einführung erneuerbarer Energien sei notwendig, eine ökologische Landwirtschaft, eine Kreislaufwirtschaft und eine neue Mobilität. Um die Klimaschutzziele bis 2030 in und um Freiburg zu erreichen, müssten die Rahmenbedingungen von der Politik geändert werden, beispielsweise durch eine Bepreisung klimaschädlicher Treibhausgase. Die Entrepreneurs engagieren sich bereits für eine klima- und umweltschonende Zukunft. "Wir wollen die Botschaft senden, dass die nötige Transformation in und aus der Wirtschaft kommen muss", sagt Ulrich Martin Drescher.

Netzwerk solidarisches
Gesundheitswesen
Einen "weißen Block" will das Netzwerk solidarisches Gesundheitswesen, das es seit einem Jahr gibt, am Freitag im Freiburger Demozug mitlaufen lassen. Aufgerufen sind alle im Gesundheitswesen tätigen Menschen – auch die Gewerkschaft Verdi im Bezirk Südbaden-Schwarzwald beteiligt sich. Paul Brettel, der an der Uniklinik Freiburg promoviert und den Gesundheitsblock mitorganisiert, sagt: "Die Klimakrise ist auch eine Gesundheitskrise." Durch den Klimawandel würden sich etwa Mücken, die Dengue-Fieber oder Malaria übertragen, ausbreiten. "Auch durch Hitze oder Luftverschmutzung sterben Menschen", fügt er hinzu. "Wenn der Klimawandel eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit der Menschen ist, müssen wir Mediziner dafür eintreten, dass etwas gegen den Klimawandel unternommen wird", sagt Brettel.

» Artists for Future Freiburg
Auch die erst vergangene Woche gegründeten Artists for Future solidarisieren sich. Es soll ein breites Aktionsbündnis aller Kunstpartner für den Klimaschutz in Freiburg entstehen. "Ich finde, auch die Kulturschaffenden sind aufgefordert, den von den Schülerinnen und Schülern aufgebauten Druck zu erhöhen und die Entscheidungsträger zum Handeln zu bewegen – kommunal, bundes- und weltweit", sagt Mitglied Sarah Moll. Kunst sei eine wichtige Plattform, um Öffentlichkeit, Reflexion und Bewusstsein zu schaffen. "Die Welt ist besessen vom Wirtschaftswachstum, obwohl man weiß, dass man auf einem endlichen Planeten nicht unendlich wachsen kann. Deshalb müssen alle umdenken", sagt Sarah Moll.

Psychologists for Future Freiburg
"Mit der Klimakrise wird es auch eine psychologische Krise geben", sagt Verena Vierrath, Psychotherapeutin in Ausbildung, die Teil der Freiburger Psychologists for Future ist. Die Gruppe besteht zwar schon seit Juni, zählt aber nur fünf Mitglieder. Auch bundesweit gebe es eine Gruppe aus Psychologen nach dem Vorbild der Scientists for Future. Die Gruppe will ihr Fachwissen einbringen und erinnern, dass die Klimakrise auch psychologische Auswirkungen hat. "Es gibt auch schon wissenschaftliche Untersuchungen dazu, wie 2005 nach dem Hurrikan Katrina psychologische Störungen wie Depressionen zugenommen haben", sagt Vierrath. Die Psychologen wollen die Engagierten auch psychologisch mit Coaching unterstützen, etwa kommende Woche mit einem Workshop zur Stressbewältigung.

Studierendenvertretung
"Alle fürs Klima!" – Sprüche wie dieser werden auf den Plakaten der Studierendenvertretung stehen. Sie hat schon im Mai dazu aufgerufen, beim Streik mitzulaufen. "Der Studierendenrat hat abgestimmt und entschieden, dass wir uns positionieren und dem Klimaaktionsbündnis anschließen", sagt Tim Oliver Boettger vom Vorstand.

Der 23-Jährige betont: "Viele Studierende sämtlicher Fächer, insbesondere der Naturwissenschaften, sehen im Studium, dass es schon jetzt massive Probleme wegen des Klimawandels gibt." Die Studierendenvertretung hat Forderungen an die Universitätsleitung gestellt. Beispielsweise, dass die Albert-Ludwigs-Universität bis 2030 klimaneutral sein soll, dass Unigebäude klimagerecht umgebaut werden und dass das Fleisch-Angebot in der Mensa schrittweise reduziert wird.