Hans-Bunte-Fall

Mehrjährige Haftstrafen im Prozess um Gruppenvergewaltigung in Freiburg

Carolin Buchheim, Joachim Röderer

Von Carolin Buchheim & Joachim Röderer

Do, 23. Juli 2020 um 13:13 Uhr

Freiburg

Acht von elf Angeklagten im Prozess um die Gruppenvergewaltigung einer damals 18-Jährigen sind wegen Vergewaltigung und sexuellen Übergriffs verurteilt worden. Der Haupttäter muss für fünf Jahre und sechs Monate in Haft.

Im Verfahren um die Vergewaltigung einer damals 18-Jährigen im Oktober 2018 durch mehrere Männer in Freiburg hat der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin für die Jugendkammer des Landgerichts Freiburg am heutigen Donnerstagvormittag das Urteil im Paulussaal gesprochen.
  • Majd H.: Verurteilt wegen Vergewaltigung. 5 Jahre und 6 Monate Haft
  • Alaa A.: Verurteilt wegen Vergewaltigung. 4 Jahre und 3 Monate Haft
  • Timo P.: Verurteilt wegen Vergewaltigung. 4 Jahre Haft
  • Mustafa I.: Verurteilt wegen Vergewaltigung. 3 Jahre und 6 Monate Haft
  • Jekar D.: Verurteilt wegen Vergewaltigung. 3 Jahre und 6 Monate Haft
  • Mohamed H.: Verurteilt wegen Vergewaltigung. 3 Jahre Haft
  • Ahmed A.: Verurteilt wegen Vergewaltigung und Handels mit Betäubungsmitteln. 3 Jahre Jugendstrafe
  • Yahia H.: Verurteilt wegen sexuellen Übergriffs. 1 Jahr und 2 Monate Jugendstrafe
  • Muhanad M.: 11 Monate Jugendstrafe für Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz (in einem von diesem Fall unabhängigen Vorfall), vom Vorwurf der Unterlassenen Hilfeleistung freigesprochen
  • Kosay A.: Verurteilt wegen Unterlassener Hilfeleistung. 4 Monate Haft
  • Ayham A.: Verurteilt wegen Unterlassener Hilfeleistung. 6 Monate Jugendstrafe zur Bewährung
Muhanad M., Kosay A., Yahia H. und Ayham A. waren bereits während des Verfahrens aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Video: Staatsanwalt spricht von "absolut ungewöhnlichem Fall"



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Strafrahmen bei Vergewaltigung
Im Strafgesetzbuch ist Vergewaltigung im Paragraph 177 normiert: "Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft" heißt es im ersten Absatz. Absatz II stellt klar, dass das auch gilt, wenn die Person nicht in der Lage ist, einen entgegenstehenden Willen zu bilden oder zu äußern oder der Täter eine Lage der Person ausnutzt, in der sie in Bildung und Äußerung des Willens erheblich eingeschränkt ist.

Allein bei Majd H. ging das Gericht von einer Anwendung von Gewalt gegenüber der jungen Frau während der Vergewaltigung aus. Dann wird § 177 IV StGB angewendet – dieser bestimmt, dass die Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr betragen darf.

Keine Hinweise auf einvernehmlichen Sexualkontakt

Die junge Frau hatte laut dem Vorsitzenden Richter Stefan Bürgelin an den Haupttäter Majd H. eine gute Erinnerung und konnte den Tatablauf detailliert schildern. Sie habe auf die Kammer einen "sehr guten, glaubwürdigen Eindruck gemacht", so Bürgelin.

Während der Vergewaltigung durch Majd H. habe die junge Frau, ausgelöst durch Alkohol, Ecstasy und die Gewalterfahrung, die Kontrolle über ihren Körper verloren. Sie habe das Gefühl gehabt, nicht im eigenen Körper zu sein und habe auch nicht mehr schreien können. Anschließend habe sie nur teilweise, nicht einordbare Erinnerungen gehabt.

Die Behauptung des Haupttäters, sie habe den Sex gefordert, nannte Bürgelin "eine standardmäßige Schutzbehauptung bei Vergewaltigungsvorwürfen und nicht sonderlich originell". Sachverständige hatten ausgesagt, dass aus wissenschaftlicher Sicht nach Einnahme der Ecstasy-Tablette und des Alkoholkonsums ein sexualisiertes Verhalten nicht zu erwarten sei.

Richter Bürgelin zitierte eine Aussage des Toxikologen Volker Auwärter: Bei einer solchen Dosis des Ecstasy-Wirkstoffes MDMA denke man "an alles, aber nicht an Sex". Es habe keine Hinweise gegeben, dass die junge Frau auf ein sexuelles Abenteuer aus gewesen sei. Es passe auch nicht mit ihrem bisherigen Lebenswandel zusammen.

Die Schuldsprüche stützte das Gericht auf die Aussage des Opfers, auf Einlassungen der Angeklagten und weitere Zeugen, aber auch auf die Gutachten der Sachverständigen Auwärter und Passie. Diese hatten gesagt, dass aus wissenschaftlicher Sicht nach Einnahme der Ecstasytablette und dem Alkoholkonsum ein sexualisiertes Verhalten nicht zu erwarten sei. Richter Bürgelin zitierte eine Aussage des Toxikologen Auwärter: Bei einer solchen Dosis des Ecstasy-Wirkstoffes MDMA denke man "an alles, aber nicht an Sex".

Kammer sieht Hauptschuld eindeutig bei Majd H.

Die Strafzumessung bei Majd H. begründete die Kammer damit, dass er den Zustand der 18-Jährigen herbeigeführt und ausgenutzt habe und sie nach der Vergewaltigung den anderen Beteiligten zugeführt, beziehungsweise diese zu ihr gebracht hätte. "Deswegen, Herr H., haben sie in unseren Augen die höchste Strafe verdient", so Richter Bürgelin.

Man habe sich bemüht, ähnliche Tatbeiträge gleich zu bewerten. Die höhere Strafe von Timo P. im Vergleich mit Jekar D. und Mustafa I. ergebe sich aus dessen Vorstrafen.

"Ich bin zufrieden mit der Arbeit von Polizei und Gericht und bin zufrieden dass wir nach 43 Tagen ein Urteil haben", sagte Staatsanwalt Rainer Schmid
"Ich bin zufrieden mit der Arbeit von Polizei und Gericht und bin zufrieden dass wir nach 43 Tagen ein Urteil haben", sagte Staatsanwalt Rainer Schmid nach dem Urteil. Es sei ein absolut ungewöhnliches Verfahren gewesen, Druck der Öffentlichkeit habe er nicht gespürt. "Ich mache meinen Beruf, ich mache ihn nicht erst seit gestern. Was die Verfahrensführung angeht, schöpft man aus den Erfahrungen." In dieser Dimension habe man das erste Mal einen solchen Fall gehabt. "Wir hoffen, dass das auch dabei bleibt."

Nebenklagevertreterin Christiane Steiert, die vor Gericht die Interessen der betroffenen Frau vertrat, sagte nach der Urteilsverkündung: "Ich hoffe, dass das Urteil der Geschädigten die Möglichkeit gibt, das Geschehen abzuschließen und die Tatfolgen zu bewältigen." Die junge Frau leidet seit der Tat an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Verteidigung forderte Freisprüche

Die Staatsanwaltschaft hatte für acht Beschuldigte, die schon während des Prozesses in Haft saßen, mehrjährige Freiheits- sowie Jugendstrafen gefordert. Für zwei weitere Angeklagte forderte die Anklagebehörde wegen unterlassener Hilfeleistung Bewährungsstrafen, bei einem weiteren Mann plädierte sie auf Freispruch. Die Verteidiger forderten Freisprüche.

Die elf Angeklagten mussten sich seit Juni 2019 vor dem Landgericht Freiburg wegen Vergewaltigung und Unterlassener Hilfeleistung verantworten. Acht von ihnen wurde vorgeworfen, die junge Frau im Oktober 2018 in einem Gehölz unweit des Eingangs der Diskothek "Hans-Bunte-Areal" im Freiburger Industriegebiet Nord vergewaltigt zu haben. Die Männer hatten zum Teil zu ihrer Verteidigung vorgebracht, es habe sich um einvernehmlichen Sexualverkehr gehandelt.

Insgesamt dauerte der Prozess 43 Verhandlungstage und erstreckte sich über 13 Monate. Die Corona-Pandemie hatte zudem von einer Unterbrechung des Verfahrens von März bis Mai geführt. Der Fall hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und auch für politische Diskussionen gesorgt, weil zehn der Angeklagten Geflüchtete sind.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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