Weil am Rhein

Musik, Kabarett, Akrobatik im Haus der Volksbildung – und alles aus der Schweiz

Yvonne Siemann

Von Yvonne Siemann

So, 17. Februar 2019 um 18:20 Uhr

Weil am Rhein

Bühnenkünstler aus dem Nachbarland geben ein Gastspiel im Haus der Volksbildung, das sogar dem Konsul gefällt.

Perlen der Bühnenkunst bot der "Schweizer Abend" im Haus der Volksbildung. Der Abend stehe somit genau für das, was er mit der Veranstaltungsreihe eigentlich im Sinn hatte, freute sich Kulturamtsleiter Tonio Paßlick beim Blick in den fast vollen Saal. Sogar der Schweizer Konsul aus Stuttgart war angereist. Bereits bestens in Weil bekannt sind Pianist Michael Giertz und Geiger Giovanni Reber. Wie Giertz erklärte, müsse man sich das Duo "Les Papillons" vorstellen wie einen Kohlweißling, der auf einer bunten Blume landet und zum Admiral wird. Nicht nur zeichneten die beiden für die Organisation verantwortlich; da Moderator und Clown Mägic Hene kurzfristig ausgefallen war, übernahm Giertz auch gleich die Rolle des Moderators.

Natürlich durften ihre virtuosen und theatralischen Collagen nicht fehlen, die Klassik, Volkslieder und Filmmelodien mit Chansons und Popsongs vereinen. So ging "I can’t get no satisfaction" nahtlos in "Freude schöner Götterfunken" über, mit Anleihen bei Supertramp ("Dreamer") und der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts "Zauberflöte". Giertz glänzte in der mit viel Wortwitz vorgetragenen Ballade über das Filet Stroganoff, und Reber machte beim Musizieren nicht nur allerlei Verrenkungen und Grimassen, sondern auch Luftsprünge auf der Bühne und bis zum Ende des Abends ließ der Geigenbogen bei so viel Einsatz etliche Fäden.

Wilhelm Tell hat auch nicht gegrüßt

Kabarettistin Margrit Bornet, eine der wenigen weiblichen Vertreterinnen ihres Fachs in der Schweiz, schlüpfte so spielend in verschiedene Frauenrollen, dass sie kaum wiederzuerkennen war. Die 15-jährige Göre Susi aus Zürich-Oerlikon, natürlich mit passender Züri-Schnurre, erklärte dem Publikum mit gelangweilter Coolness die Gesichtserkennungsfunktion und ihre Berufswahl-App. Die Witwe Fry dagegen will ein Alleinstellungsmerkmal der Tourismusdestination Schweiz erhalten – die Schweiz sei das unfreundlichste Ferienland Europas. Die Zuwanderung von Ausländern mit einem sonnigen Gemüt stelle demnach ein ernsthaftes Problem dar. Also bietet sie für Taxifahrer und Servicepersonal gleich Kurse an, nach dem Motto "Der Wilhelm Tell hat auch nicht gegrüßt, warum soll ich es dann?!" und verschenkt auch noch Spiegel dazu, damit man jederzeit den "suure Stei" kontrollieren könne – das Publikum hatte bei so vielen Pointen seinen Spaß. In eine Manege verwandelte sich die Bühne mit Solvejg Weyeneth und Valentin Steinemann vom kleinen Basler Zirkus "Fahraway", die das Publikum mit ihrer Akrobatik die Luft anhalten ließen. Weyeneth jonglierte gekonnt mit dem Diabolo, schien sich zeitweilig mit der Schnur selbst einzuwickeln, nur um dann das Gerät mit einem Schnurende gleich wieder einzufangen. Valentin Steinemann dagegen balancierte auf einem hin und her rollenden halbmondförmigen Metallbogen und verlor selbst beim Handstand nicht das Gleichgewicht, während ihn Weyeneth musikalisch mit gefüllten Wassergläsern begleitete.

Hymne auf die Mittelmäßigkeit

Teils bissigen Spott gab es beim Duo Pascal Nater und Diego Valsecchi. Das ging von der Hymne auf die Mittelmäßigkeit im Mittelland über das Lied von den langsam mahlenden Mühlen der Basisdemokratie bis hin zum Coaching für einen möglichst "authentischen" Auftritt an einer Casting-Show. Mit ihrem Lied über die Kritiker des Kapitalismus, die sich aber gut mit ihm arrangiert haben, hielten sie dem Publikum den Spiegel vor – aber zu allererst sich selbst. Und da das Leben bis zum Alter von 100 einfach nicht klimaneutral ist und vor allem Kosten bedeutet, riefen sie kurzerhand die Krankenkasse "Mortesana" ins Leben, die den ungesunden Lebensstil fördern will mit dem Slogan "Stirb langsam". Als das begeisterte Publikum die Künstler am Schluss nicht gehen lassen wollte, wurde es mit einer musikalischen Zugabe des Duos über all die übermüdeten Kleinkünstler verabschiedet, die sich um 23 Uhr nachts nach der Vorstellung am Bahnhof Olten über den Weg laufen.