Nachdenken über den Gemeinsinn

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Mi, 20. November 2019

Lahr

Aleida Assmann fordert in Lahr in der Stiftskirche einen Gesellschaftsvertrag über Formen des Umgangs und Anstands.

LAHR. Seit die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann zusammen mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, im vergangenen Jahr mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, ist die in Konstanz lebende Autorin einem größeren Publikum bekannt. Am Montagabend sprach Assmann vor gut 150 Zuhörern in der Lahrer Stiftskirche über "Gemeinsinn. Was ihn bedroht und was man für ihn tun kann".

Individueller und politischer Egoismus bedrohen den Gemeinsinn, der auf Menschenrechten, aber auch auf Menschenpflichten beruhe, so Aleida Assmann. Beispielhaft analysierte sie drei Phasen europäischer Politik und Selbstverständnisses: Im Kalten Krieg habe die Betonung der Traditionen des christlichen Abendlandes auch dazu gedient, eine Kontinuität zur Zeit vor dem Nationalsozialismus herzustellen.

Die Zeit von 1989 bis 2015 sieht Assmann als eine Phase der Pluralisierung. Die Osterweiterung sei zugleich eine Horizonterweiterung gewesen, unter anderem, weil osteuropäische Geschichtsarchive zugänglich wurden. Seit 2015 nehme die bindende und integrierende Kraft Europas ab. Ideologische Gräben innerhalb der Gesellschaften und zwischen den Nationen träten verstärkt zu Tage.

Dennoch hält Assmann am europäischen Traum fest, der als Friedens- und Freiheitsprojekt weiterhin unverzichtbar sei. Als Lehre aus der Geschichte Europas gehören für sie eine selbstkritische Erinnerungskultur und die Menschenrechte zum Kern der europäischen Idee. Statt einer nationalen oder europäischen Leitkultur gelte es, einen Gesellschaftsvertrag für alle über Formen des Umgangs und Anstands zu finden, in dem Menschenpflichten die Menschenrechte ergänzen.

Diese Menschenpflichten seien universell und schon im Altertum verankert, spiegelten sich aber auch in den sieben Werken christlicher Barmherzigkeit: Hungernden zu essen, Dürstenden zu trinken, Armen Kleidung und Obdachlosen eine Unterkunft zu geben, sei ein Weltkulturerbe, ebenso die Dankbarkeit dafür. Wie kann der Gemeinsinn wieder gestärkt werden? Was tun gegen gezielte Angriffe auf den Gemeinsinn? Aleida Assmann zitiert die Journalistin Carolin Emcke (Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2016): "Es braucht den Mut, den Hassenden zu widersprechen, indem man das aktiviert, was den Hassenden abgeht: Genaues Beobachten, Selbstzweifel und nicht nachlassende Differenzierung." In Städten und Schulen werde viel in dieser Hinsicht getan, nur geschehe es weithin unbemerkt, weil (vor allem im föderalen Deutschland) dezentral und selbstorganisiert. In der anschließenden Diskussion wies Assmann den Medien recht pauschal Schuld zu, zum Beispiel, weil über Positives zu wenig, über Terror zu viel berichtet werde und es nicht gelinge, "längere Entwicklungen im Fokus zu behalten". Es gelte, antidemokratische und den Gemeinsinn gefährdende Äußerungen mit "geduldiger Argumentation" zu erwidern.

Aleida Assmann hat ihrem Cousin, dem ehemaligen evangelischen Dekan Hans Bornkamm, ins Gästebuch geschrieben, dass bei ihren zahlreichen Lesungen "selten so ausführlich diskutiert" werde und zeigte sich "beeindruckt vom vielfältigen Engagement in Lahr". Die Veranstaltung fand auf Einladung der evangelischen und katholischen Frauenverbände im Dekanat Lahr, der evangelischen Erwachsenenbildung und des Landfrauenverbands statt.