Muhterem Aras, Revolutionsrednerin

GESICHT DER WOCHE: Frauen sind auch gefordert

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 22. September 2019

Südwest

Eine berufenere Revolutionsrednerin als sie hätte man für den diesjährigen Tag der Demokratie kaum finden können. Ist doch nicht alle Jahre der 100. Geburtstag des deutschen Frauenwahlrechts zu feiern. Und mit Muhterem Aras (Grüne), seit 2016 Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, steht die erste Frau und auch die erste Muslima an der Spitze eines Landtages, der bis 2011 noch durchgängig konservativ regiert war und bis 1988 auch zu über 90 Prozent aus männlichen Abgeordneten bestand. Auch daran erinnerte die 53-Jährige jetzt in ihrer Rede, die sie am gestrigen Samstag zwar nicht wie Gustav Struve am 21. September 1848 vom Balkon des alten Lörracher Rathauses aus hielt, sondern selbstbewusst darunter stehend.

Allen Gewinnen zum Trotz gelte es die Gegenwart im Blick zu behalten. Schließlich säßen auch heute nicht mehr als 26,6 Prozent weibliche Abgeordnete im Landtag. Etwa gleich groß sei der durchschnittliche Anteil in baden-württembergischen Stadt- und Gemeinderäten, in 22 Gemeinden säße keine einzige Frau im Rat und nur in drei von 35 Landkreisen stünden Frauen an der Spitze. Louise Otto Peters hatte sich das noch anders vorgestellt. Auch an die vor 200 Jahren geborene Mitbegründerin der deutschen Frauenbewegung erinnerte Aras, zugleich aber an die vielleicht wichtigste Peters-Forderung: Die Frauen hätten nämlich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, politisch aktiv zu werden. Das hatten die Revolutionäre 1848 noch längst nicht so gesehen, die mit dem Ruf "Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle" durch Stadt und Land gezogen waren.

Auch deren Vorläufer aus der französischen Revolution hatten bekanntlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefordert und dabei keine Schwestern gemeint, obgleich diese an ihrer Seite gekämpft hatten. 1919 wurde das anders, nicht zuletzt, weil Frauen nun mit einer Stimme sprachen. "Die Demokratie löste endlich das Versprechen der Gleichheit ein", so die Landtagspräsidentin. Und heute? Auch wenn die Republik seit 14 Jahren eine Bundeskanzlerin habe, spiegele sich doch noch lange nicht, so wie es eigentlich sein sollte, die Gesellschaft in ihren Parlamenten wider, und das, obgleich politische Parität seit 100 Jahren möglich sei. Frauen wie Muhterem Aras nehmen ihre Vorkämpferinnen beim Wort.

Annette Mahro