Notruf aus Uganda

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 30. März 2020

Freiburg

Der Freiburger Nikolai Kirner hat in Afrika Sportprojekte an Schulen betreut, sitzt jetzt mit 14 anderen in Kampala fest und versucht verzweifelt, das Land zu verlassen.

KAMPALA/FREIBURG. Der Anruf erreicht die Sportredaktion der Badischen Zeitung am Sonntag um 16.55 Uhr. Virginia Welling-Kirner meldet sich, die Mutter des jungen Freiburgers Nikolai Kirner. "Unser Sohn sitzt in Uganda fest", sagt sie. "Bitte helfen Sie uns."

Wenige Minuten später kommt eine Verbindung mit Kirner über WhatsApp zustande. "Ich bin in Kampala, der Hauptstadt Ugandas", sagt der 19-Jährige. "Mir geht es körperlich soweit gut, aber psychisch bin ich sehr belastet. Meine Nerven sind am Ende und ich habe es satt, weiterhin in Ungewissheit zu sein." Kirner berichtet, er sitze zusammen mit 14 anderen jungen Deutschen seit dem 20. März in Kampala fest. Er versuche, das Land zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren. Auch in Uganda hätten die Menschen große Angst vor der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus. Er befinde sich mit vier anderen Freiwilligen im Haus eines Projektleiters der Organisation Weltwärts, die bis vor wenigen Tagen in ganz Afrika Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit organisiert hat. Für das Sportprojekt, an dem Kirner teilnahm, zeichne der Sportverein ASC Göttingen verantwortlich. Er sei die Entsendeorganisation. "Mein Projekt war in Bukoba, Tansania", berichtet Kirner.

Er habe dort an zwei Schulen gearbeitet, den Sportunterricht unterstützt und ein eigenes Fußballteam gegründet. "Ich habe es selbst angeleitet und trainiert." Sieben Monate habe er in Tansania verbracht. Kirner verfolgte aus der Ferne die dramatische Entwicklung in Europa, die Schließung der Grenzen und die Versuche der Bundesregierung, möglichst alle Deutschen, die sich in anderen Ländern aufhalten, nachhause zu holen. Seine Organisation habe beschlossen, ihn nach Uganda zu bringen – in der Hoffnung, dass er zusammen mit den 14 anderen am Flughafen in Entebbe eine Maschine besteigen und nach Deutschland zurückkehren kann.

Seither wartet Kirner in dem Haus des Projektleiters, verlässt es nicht mehr, denn in Afrika begegnen viele Menschen gerade Weißhäutigen zunehmend feindselig. Sie vermuten, Covid-19 sei ein Virus des weißen Mannes. "Wir sollten möglichst zuhause bleiben, aus Sicherheitsgründen", sagt er. Immerhin gebe es eine Terrasse. Seit zehn Tagen lebt Kirner nun in dem Haus und muss feststellen, dass alle bisherigen Versuche, einen Platz in einem Flugzeug zu bekommen, gescheitert seien. "Ich will wissen, wie es weitergeht", sagt er der BZ. "Die Warterei macht mich müde." Aber das sei gar nicht das Schlimmste. "Das Schlimmste ist, keine Verlässlichkeit zu haben und vor allem selbst nichts an der Lage ändern zu können. Man hat das Gefühl eine Marionette zu sein." Noch seien alle im Haus in Kampala soweit versorgt, es gebe genügend zu essen und zu trinken. "Aber heute Abend will der Präsident noch eine Rede halten." Kirner befürchtet, dass es von Montag an auch in Uganda eine Ausgangsbeschränkung geben wird. "Je nachdem, wir strikt die ausfällt, werden weitere Shops geschlossen, der Transport wird eingeschränkt oder abgesagt – sei es zum Flughafen oder zu den Supermärkten."

Die BZ kennt Kirner gut. Er hat vor mehreren Jahren ein Schul-Praktikum in der Sportredaktion absolviert. Der Abiturient des Freiburger Rotteck-Gymnasiums interessiert sich sehr für Sport. Im Rahmen der Reihe "Nachgefragt", der vom Gymnasium organisierten Talkshow-Serie, interviewte er den ehemaligen Diskuswerfer Alwin Wagner, einen ehemaligen deutschen Spitzenleichtathleten, der sich später kompromisslos im Kampf gegen Doping engagierte.

"Nur die Fluggesellschaft KLM fliegt Uganda noch an", berichtet Virginia Welling-Kirner, die Mutter. "Der ASC Göttingen hat schon drei verschiedene Flüge gebucht für die 15 Freiwilligen, aber alle wurden gecancelt." Auch mit dem Auswärtigen Amt stehe sie in Kontakt. Dort heiße es immer: "Haben Sie Geduld."

Die Kirners hoffen auf Hilfe aus Deutschland

Uganda sei bislang noch nicht als Risikogebiet eingestuft, habe man ihrem Sohn per E-Mail mitgeteilt. "Wir wissen inzwischen, dass es Rückholaktionen von Nairobi und von Sansibar gegeben hat." Die Mutter hofft, dass ihr Sohn bald heimkehrt: "Es muss doch möglich sein, junge Menschen, die sich in der Entwicklungshilfe engagieren und damit auch für unser Land, jetzt aus Afrika herauszuholen." Am späten Abend meldet sich noch einmal Nikolai Kirner selbst. "Der ASC Göttingen tut sehr viel für uns und sieht den Ernst der Lage", sagt er. "Wir haben aber alle nicht damit gerechnet, dass so etwas auf uns zukommt."