"Wir sind positiv-konservativ"

Julia Salome Richter

Von Julia Salome Richter

So, 12. Mai 2019

Basel

Der Sonntag Das Basler Marionettentheater feiert sein 75-jähriges Bestehen mit der Jubiläumsschau "Szenensprünge".

Seit 75 Jahren ist das Basler Marionettentheater eine Institution. Im Zehntenkeller am Münsterplatz gibt es in der Jubiläumsschau Figuren aus unterschiedlichen Epochen zu erleben.

Nur ein Gott könne sich mit der Anmut der Marionetten messen, schrieb Heinrich von Kleist 1810 in seinem Essay "Über das Marionettentheater". Menschen denken zu viel, so Kleists Annahme, und je mehr sie sich um grazile Bewegungen bemühen, desto weniger gelingen sie ihnen.

Bei der Premiere von "Szenensprünge", der Jubiläumsproduktion des Basler Marionettentheaters, machen die Spielfiguren Kleists Thesen alle Ehre. Die Bewegungen der Marionetten sind subtil und faszinieren durch ihre Schwerelosigkeit. Mit viel Witz und Nonchalance wird hier eine Figur namens Hanswurst durch die szenische Geschichte des Basler Marionettentheaters katapultiert.

Für den künstlerischen Leiter des Basler Marionettentheaters, Markus Blättler, gehören die Inszenierungen mit den Spielfiguren zu den faszinierendsten Kunstformen überhaupt. "Marionetten stehen für den Widerspruch von Leben und Tod." Denn die Figuren würden während einer Aufführung zum Leben erweckt, man lerne sie kennen und gewöhne sich an sie. "Und am Ende des Abends hängen sie dann verwirrend leblos wieder hinter der Bühne an einem Haken."

Die Leidenschaft für Marionetten teilte auch der gelernte Kaufmann Richard Koelner, der im Jahr 1943 das Basler Marionettentheater gründete. Während im benachbarten Ausland der Zweite Weltkrieg tobte und, wie Koelner notierte, "das Puppentheater gleich andern Zweigen kulturellen und künstlerischen Schaffens darnieder lagen", entstand damit in Basel eine Institution, die das Kulturleben der Stadt seit mehr als 75 Jahren prägt. Zu Beginn fanden die Aufführungen an verschiedenen Orten in Basel statt, 1956 bezog das Basler Marionettentheater den Zehntenkeller am Münsterplatz, wo es sich auch heute noch befindet. Markus Blättler schwärmt für diesen Ort – obwohl die Platzverhältnisse beengt sind und aus sicherheitstechnischen Gründen nur 100 Personen im Publikum sitzen können. "Der Zehntenkeller an sich ist schon ein Erlebnis", sagt Blättler. Nicht nur dem Ort, sondern auch seinem Stil bleibt das Basler Marionettentheater treu. Während sich andere Schweizer Figurentheater immer mehr von den traditionellen Formen des Marionettenspiels verabschieden und moderne Mittel wie beispielsweise Videoprojektionen in ihre Aufführungen integrieren, bleibt das Basler Marionettentheater bei klassischen Inszenierungen. Dies trotz der Herausforderungen, die diese Form stellt, wie etwa die Distanz der Spieler und Figuren zum Publikum. "Wir sind positiv-konservativ, das macht uns einzigartig", sagt Markus Blättler.

Die Inszenierungen des Basler Marionettentheaters richten sich an Kinder und Erwachsene und die Wahl der Stücke zeichnete sich von Anfang an durch eine große Vielseitigkeit aus. Mit Shakespeare über Lessing bis hin zu Brechts Dreigroschenoper zeigt das Theater die Ausdruckskraft und das Potenzial, das im Spiel mit den Puppen liegen kann.

Doch worin liegen die Vorteile, die ein Marionettentheater gegenüber dem Schauspiel mit realen Personen hat? "Als Marionettenspielern steht uns ein großes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung", sagt Markus Blättler. "Wir können mit verschiedenen Größenverhältnissen arbeiten und für die Marionetten die Schwerkraft aushebeln." Zudem hole das Marionettentheater das Publikum auf einer anderen Ebene ab: "Man erreicht das Unbewusste und löst womöglich auch Kindheitserinnerungen aus." Anspruchsvoll ist für die Marionettenspieler jedoch, dass bei den Gliederpuppen die Mimik fehlt. "Wir müssen andere Wege suchen, Gefühle zu vermitteln," sagt Blättler.

Bis zur Beherrschung des Marionettenspiels dauert es denn auch viele Jahre. "Um den Figuren Leben einzuhauchen, braucht es neben den technischen Fähigkeiten auch Intuition," erklärt Blättler und fügt hinzu: "Eigentlich lernt man sein Leben lang." Damit sich die Marionettenspieler ganz auf die Bewegung der Puppen konzentrieren können, sprechen sie nicht selbst – der Text wird mehrheitlich von Schauspielerinnen und Schauspielern eingesprochen und vom Computer abgespielt.

Zusätzlich zum Erlernen des Marionettenspiels gibt es für das Ensemble des Basler Marionettentheaters, das größtenteils freiwillig tätig ist, viel zu tun. Rund 60 Personen engagieren sich für das Theater und kümmern sich unter anderem um Garderobe, Bar und Kasse. Festangestellt mit insgesamt 250 Stellenprozent sind lediglich vier Personen. Finanziert wird das Theater durch Mitgliedsbeiträge, Eintritte, Beiträge aus dem Kulturvertrag zwischen den Kantonen Basel Stadt und Baselland sowie projektbezogene Spenden.

Die gutbesuchte Premiere der Jubiläumsschau "Szenensprünge" zeigt, dass das Publikum die Begeisterung für das Marionettentheater teilt. Markus Blättler ist denn auch überzeugt, dass die Freude an dieser Kunstform etwas Zeitloses ist. "Das Aufkommen des Fernsehens oder des Computerspielens hat nicht dazu geführt, dass die Leute nicht mehr ins Marionettentheater gehen wollen." Es sei einfach etwas anderes, ob sich ein Kind einen Trickfilm anschaue oder ob es sich gemeinsam mit seiner Familie in die greifbare Atmosphäre einer Puppeninszenierung begebe. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass das Marionettentheater auch in Zukunft als Kunst- form erhalten bleibt."
Weitere Informationen gibt es unter: http://www.bmtheater.ch