BZ-Interview

Ökonom Mayer: "Das Unerwartete passiert andauernd"

weg,bkr

Von Jörg Buteweg & Bernd Kramer

Fr, 30. November 2012 um 00:01 Uhr

Wirtschaft

Für den Ökonomen Thomas Mayer tragen falsche Annahmen der Wirtschaftswissenschaften und zu niedrige Zinsen eine große Mitschuld an der Finanzkrise. Im Interview erklärt er, warum.

BZ: Herr Mayer, südbadische Häuslebauer können heute ihr Haus zu einem Zinssatz von knapp über zwei Prozent finanzieren. Das ist so hoch wie die Inflationsrate. Was den Häuslebauer freut, beunruhigt die Bundesbank. Die sagt, dass alle Zutaten für eine Immobilienpreisblase vorhanden seien. Sind die Zinsen in Deutschland zu niedrig, droht uns schon bald das gleiche Schicksal wie den USA, die nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes 2007/2008 einen wirtschaftlichen Einbruch erlebten?
Mayer: Die Zinsen sind in der Tat im historischen Vergleich sehr niedrig. Zum Teil haben wir sogar eine negative Realverzinsung, das heißt, die Zinsen sind niedriger als die Inflationsrate. All dies passt nicht zu einer Wirtschaft, die weiter wächst. Bei einer Wachstumsrate von einem Prozent müssten die realen Kreditzinsen (tatsächlicher Zins minus Inflationsrate) mindestens ein Prozent betragen. Hinzu kommen der Inflationsausgleich und ein entsprechender Risikozuschlag, weil man nicht mit Sicherheit weiß, ob der Schuldner die Schulden zurückbezahlt. Dann käme man auf einen Wert, der deutlich über drei Prozent liegt. Weil die Zinsen nicht angemessen sind, haben wir in einigen Ballungszentren übertriebene Immobilienpreise. Das ist noch keine flächendeckende Entwicklung, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass in der Bundesrepublik Ähnliches geschieht, wie wir es in den USA, Großbritannien oder Spanien in den vergangenen Jahren beobachten konnten.

BZ: Die Vertreter der österreichischen Konjunkturtheorie haben stets vor zu niedrigen Zinsen gewarnt. Ist der Zins zu gering, werden schuldenfinanzierte Investitionen wie beispielsweise der Immobilienerwerb attraktiver. Die Zinsbelastung sinkt ja. Das führt nach Ansicht der Österreicher zu einer Kreditausweitung und Überinvestitionen – grob gesagt werden zu viele neue Häuser errichtet, zu viel Kapital fließt in Immobilien. Das treibt die Preise in ungerechtfertigte Höhen. Haben die Österreicher recht?
Mayer: Die österreichische Konjunkturtheorie hat die Preisblase an den Immobilienmärkten deutlich besser erklärt als herkömmliche Ansätze. Vor diesem Hintergrund sollte man die Situation in der Bundesrepublik genau beobachten. Wir sind noch sehr weit von einer großen Blase mit anschließendem Crash entfernt. Aber Wachsamkeit ist auf jeden ...

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