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Wo das Risiko einer Corona-Infektion hoch ist – und wo eher niedrig

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Sa, 30. Mai 2020 um 16:50 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Sogenannte Aerosole schweben lange in der Luft und könnten bei Sars-CoV-2-Infektionen eine wichtige Rolle spielen. Wissenschaftsjournalistin Claudia Füßler fasst zusammen, wo es gefährlich wird.

Traurige Bekanntheit erlangte in den vergangenen Wochen der Fall eines Chores im US-amerikanischen Bundesstaat Washington: Ein Sänger war mit Sars-CoV-2 infiziert zur Probe erschienen, danach waren 53 der insgesamt 60 Sänger krank. Bei 33 wurde eine Corona-Infektion bestätigt, 20 weitere hatten Symptome, wurden aber nicht getestet. Zwei Chormitglieder starben.

Das alles, obwohl sämtliche Abstands- und Hygieneregeln eingehalten worden sein sollen. Wissenschaftler gehen daher derzeit davon aus, dass das Virus sich über den feinen Atemnebel verbreitet hat, den wir beim normalen Atmen und Sprechen bilden. Endgültig bewiesen ist das zwar noch nicht, doch auch andere Untersuchungen deuten in diese Richtung. "Wir sehen jetzt wieder einmal deutlich, wie unsere Lernkurve bei diesem Virus verläuft und wir es zunehmend besser verstehen", sagt Hartmut Hengel, Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie an der Universitätsklinik Freiburg.
Ein Restaurantbesuch ist draußen deutlich weniger risikoreich als in den Innenräumen. Wer drinnen sitzt, sollte so kurz wie möglich bleiben. Das gilt auch für Kneipen, Bars, Eisdielen.

Wird Sars-CoV-2 tatsächlich auch über Aerosole übertragen, hat das gravierende Auswirkungen darauf, wie wir uns vor einer Ansteckung schützen können. Denn dann nutzt es wenig, wenn zwei Kollegen im Büro akribisch den Anderthalbmeterabstand einhalten und sich im Halbstundentakt die Hände waschen, das Fenster aber geschlossen bleibt. Damit lässt sich das Risiko einer Tröpfchen- und einer Schmierinfektion verringern, doch die Aerosole wabern von diesen Vorkehrungen unbeeindruckt durch die Luft.
Grillen im Garten mit Freunden ist mit Abstand und Hygiene wohl kein großes Risiko. Hier wie bei allen anderen Zusammenkünften auch sollte man es vermeiden, sich während eines Gespräches nah gegenüberzusitzen – so können Tröpfchen und Aerosole in die Atemwege des Gegenübers gelangen.

Grundsätzlich können sowohl Aerosole als auch Tröpfchen virusgeladen sein, den Erreger also von Mensch zu Mensch übertragen. Die beiden unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer Größe und dem Ort ihrer Entstehung. Tröpfchen bilden sich im Rachen und im Mund, sie sind zwar sehr klein, aber durchaus noch sichtbar. "Ihre Größe und dadurch relative Schwere sorgen dafür, dass sie sich kurz nach dem Ausstoßen beim Husten, Niesen oder dem, was landläufig als feuchte Aussprache bezeichnet wird, sedimentieren – sie sinken zu Boden und setzen sich auf Oberflächen ab", sagt Hengel. Daher rührt die Regel der anderthalb bis zwei Meter Abstand.
Besuch bei Freunden drinnen ist ein größeres Risiko, Stichwort Aerosole und stehende Luft. Im Garten feiern und die Toilette drinnen benutzen ist besser, allerdings sollte für jeden Gast ein eigenes Handtuch vorhanden sein.

Die Aerosole entstehen in den tiefen Atemwegen und gelangen beim Sprechen, Atmen und auch Singen über einen feinen Nebel ins Freie. Sie sind bis fünf Mikrometer groß und fürs menschliche Auge nicht sichtbar. "Sie sind so leicht, dass sie in einem Raum ohne Luftbewegungen stundenlang schweben können", sagt Hengel. Und dann zum Beispiel von jemandem eingeatmet werden, der sich mehrere Meter weit weg von einem Sars-CoV-2-Infizierten in Sicherheit wähnt.
Ein Tag am See oder im Freibad und Outdoorsport sind eine schöne Idee und bei entsprechend Abstand und Hygiene ein eher geringes Risiko.

Während die Tröpfchen höchstens bis zur Nase oder in den Rachenraum gelangen, schaffen es die Aerosole bis in die tiefen Atemwege. "Wir haben darüber noch kein umfassend gesichertes Wissen, doch dass das Virus auf diese Weise direkt tiefer in den Körper gelangt, könnte womöglich zu einem schwereren Verlauf beitragen", sagt Hengel. Man kenne das von anderen Erregern wie Masern, Influenza, Windpocken oder Tuberkulose, die sich ebenfalls über Aerosole verbreiten und systemische Infektionen auslösen können – also solche, die den ganzen Organismus und nicht nur einzelne Organe betreffen. Ein einfacher Mund-Nasen-Schutz verwehrt den Aerosolen keinen Zutritt, während eine richtig sitzende FFP2-Maske einen guten, aber nicht hundertprozentigen Schutz bieten kann.
Klamotten shoppen kann umso risikoreicher werden, je kleiner, voller und schlechter belüftet die Läden sind. Umso mehr, wenn man lange braucht, um sich für ein Teil zu entscheiden.

Wie viele möglicherweise virusbeladene Aerosole sich um einen herum befinden, wird durch mindestens drei Faktoren bestimmt: Wie eng und geschlossen ist der Raum? Wie viele Menschen befinden sich darin? Über welchen Zeitraum? "Man kann davon ausgehen, dass in engen, nicht oder schlecht gelüfteten Räumen mit zunehmender Personenzahl und zunehmender Aufenthaltsdauer die Konzentration an potentiell infektiösen Aerosolen steigt, wenn ein Sars-CoV-2-Träger unter den Leuten ist", sagt Hengel.

Mit diesem Wissen, den empfohlenen Abstands- und Hygieneregeln sowie einer Portion gesundem Menschenverstand lässt es sich gut durch den Corona-Alltag bewegen. Wer sein persönliches Risiko einer Infektion mit Sars-CoV-2 minimieren möchte, sollte abwägen, ob alles, was erlaubt ist, auch sinnvoll ist.
Urlaub in einem Hotel kann durch Aufenthalte in schlecht belüfteten Frühstücks- oder Fitnessräumen ein Risiko sein. Wer die meidet, senkt das Risiko.

Der Besuch von Restaurants, Kneipen, Theatern, Kinos mag verlockend erscheinen, doch ein Check, wie die Räume dort belüftet sind, ist ganz sicher kein Fehler. Klimaanlagen oder Ventilatoren, die Luft umwälzen, verwirbeln die Aerosole lediglich. Einige Wissenschaftler argumentieren allerdings, dass bei diesem Prozess Viren auch austrocknen und dadurch unwirksam werden können. Andere Anlagen sind mit speziellen Filtern ausgerüstet oder arbeiten mit frischer Luft von draußen. "Günstig sind beispielsweise Klimaanlagen in modernen Gebäuden, die die Raumluft innerhalb einer Stunde achtmal austauschen, das kommt der Frischluft schon sehr nahe", sagt Hengel.
Urlaub in einem Ferienhaus mit Freunden kann bei schlechtem Wetter und viel Drinhockerei ein großes Risiko sein. Scheint die Sonne, sind alle dauernd draußen, lüften das Haus häufig und achten auf Abstand bei Gesprächen, sinkt das Risiko.

Öffentliche Verkehrsmittel werden mit sehr unterschiedlichen Anlagen belüftet. Die Deutsche Bahn erklärt, in ihrer Flotte nationale und internationale Normen für Klimaanlagen einzuhalten. Der Flugzeughersteller Airbus teilt mit, die Luft in Passagierkabinen werde alle zwei bis drei Minuten erneuert. Hochleistungsfilter würden Partikel wie das Coronavirus mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,97 Prozent entfernen.

Zur Entspannung in die Sauna? "Wir wissen noch nicht genau, wie temperaturempfindlich das Virus ist, aber ich würde mich nicht darauf verlassen, dass in einer Biosauna mit 60 Grad Celsius Raumtemperatur das Virus zuverlässig abgetötet wird", sagt Hengel. Auch für höhere Temperaturen beim Saunieren gibt es bisher keine aussagekräftigen Studien. Hinzu kommt: enger Raum, viele Menschen, lange Zeit, in der zudem beim Schwitzen oft heftig ausgeatmet wird.
Mit Freunden Sport machen ist draußen sicherer als drinnen, auch hier an Abstand und Hygiene denken

Der beste Ort, sich derzeit aufzuhalten, ist also draußen. Denn weil draußen quasi immer ein Lüftchen weht, verdünnen sich die potentiell virusbeladenen Aerosole sehr schnell. Auch schnell genug, dass es Jogger ungefährlich macht? "Vor Joggern habe ich wenig Angst", sagt Hengel, "da bewegt sich ein Mensch an der frischen Luft schnell an mir vorbei, das ist ein recht geringes Risiko, dem ich mich aussetze, wenn der im Vorbeirennen neben mir ausatmet."