Einwohnerversammlung

900 Freiburger diskutieren emotional über Mobilfunkstandard 5G

Jelka Louisa Beule

Von Jelka Louisa Beule

Do, 14. November 2019 um 14:21 Uhr

Freiburg

Selbst 900 Plätze reichten nicht: Das Interesse an der Einwohnerversammlung zum Thema 5G war so groß, dass nicht Platz für alle Interessierten war. Bisweilen hitzig wurde drei Stunden lang diskutiert.

Drei Stunden lang diskutierten Gegner und Befürworter im Paulussaal. Die Stimmung war emotional aufgeheizt, die Mobilfunkskeptiker deutlich in der Mehrheit. Mit minutenlangem Applaus und Standing Ovations unterstützten sie die Forderung des Aktionsbündnisses Freiburg 5G-frei nach einem Ausbau-Moratorium der neuen Mobilfunktechnologie.

Worum geht es?
In der Debatte geht es um mögliche gesundheitliche Gefahren durch 5G – Studien hierzu sind widersprüchlich – , aber auch um Klima- und Datenschutz. Karsten Buse, der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Physikalische Messtechnik, legte die physikalische Grundlage. Er erklärte, dass 5G mit höheren Frequenzen und dadurch geringeren Reichweiten arbeitet, weshalb mehr Sendeantennen nötig seien. Die ganz hohen Frequenzen sind im ersten Lizenzpaket allerdings noch nicht mit versteigert worden. Während die Vorgängertechnologie 4G dauernd Signale in alle Richtungen ausstrahle, sende 5G nur, wenn es gebraucht werde, die Strahlen könnten zudem auf den jeweiligen Empfänger konzentriert werden. Das mache den Energieverbrauch deutlich effizienter, sagte Buse. Weil aber mehr Basisstationen nötig seien, werde in der Summe bei 5G wohl mehr Energie verbraucht.

Was fordert das Aktionsbündnis?
Das Aktionsbündnis möchte ein Ausbau-Moratorium – so lange, bis es weitere wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Dass auch die bisherige Mobilfunkstrahlung krank macht, sieht das Aktionsbündnis durch zahlreiche Studien als bewiesen an. Durch die Funkwellen würden im menschlichen Körper "unnatürliche Kettenreaktionen" ausgelöst, sagte der Arzt und Homöopath Wolf Bergmann, dadurch nehme der oxidative Stress zu, der Grundlage sei für Krankheiten, "von Erschöpfung bis Krebs".

"Es ist ein Feldversuch, der hier gestartet wird." Jörg Gutbier, Vorsitzende der Initiative "Diagnose Funk"
Zur neuen Mobilfunktechnologie 5G gebe es bislang überhaupt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, sagte Jörg Gutbier, der Vorsitzende der bundesweiten Initiative "Diagnose Funk": "Es ist ein Feldversuch, der hier gestartet wird." Seiner Meinung nach muss der Mobilfunk komplett anders aufgestellt werden – auf Basis von Glasfaserkabeln. "Wir sind nicht gegen Digitalisierung", betonte Gutbier: "Aber die Mobilfunkbetreiber dürfen nicht mehr das Recht haben, unseren Wohnraum zu durchstrahlen." Auch auf kommunaler Ebene gebe es Handlungsspielräume, sagte der ehemalige Verwaltungsrichter Bernd Budzinski. Die Stadt Ravensburg habe zum Beispiel mobilfunkfreie Zonen ausgewiesen.


Was sagt die Stadtverwaltung?
Die Stadt Freiburg hielt dagegen – und bekam Pfiffe und Buhrufe. Das Rathaus verfolge eine "gemeinwohlorientierte und nachhaltige Digitalisierungsstrategie", stellte Oberbürgermeister Martin Horn klar.
"Lassen Sie sich nicht von Flugblättern in die Irre treiben." Bernd Mutter, Stadt Freiburg
Die kommunalen Handlungsmöglichkeiten zum Thema Mobilfunk seien jedoch begrenzt. Auch der städtische Digitalisierungsbeauftragte, Bernd Mutter, erklärte, dass "eine Verhinderungsplanung" rechtlich nicht zulässig sei – das Ravensburger Modell hätten die Gerichte wieder einkassiert. Bei der Risikobewertung orientiere sich die Stadtverwaltung an "fundierter und breit getragener wissenschaftlicher Erkenntnis". Mutter forderte die Zuhörer auf, sich ein eigenes Bild zu machen: "Lassen Sie sich nicht von Flugblättern in die Irre treiben." Der leitende ärztliche Direktor der Uniklinik, Frederik Wenz, wies darauf hin, dass schnelle Datenübertragung Leben retten könne, etwa bei der Ortung von Unfallopfern. Eingeladen hatte die Stadtverwaltung zudem Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Das BfS sieht bei 5G zwar noch Forschungsbedarf, hält Mobilfunk im Rahmen der geltenden Grenzwerte jedoch für unbedenklich. Allenfalls kritisch könne das Telefonieren mit Handy am Ohr sein, sagte Ziegelberger – sie riet zum Headset oder zu Freisprecheinrichtungen.

Wie geht es jetzt weiter?
Während der Versammlung konnten die Bürger per Zettel Fragen stellen. Am besten gefüllt war die Box zum Thema Gesundheit. Moderator Alexander Bode zog im Losverfahren Fragen, die das Podium diskutierte. Alle eingereichten Aspekte wird die Stadtverwaltung schriftlich aufarbeiten und sie dem Gemeinderat vorlegen. Eine verbindende Wirkung hat die Einwohnerversammlung nicht. Bernd Budzinski schlug der Verwaltung einen Runden Tisch vor, um eine Strategie gegen den ungehinderten Mobilfunkausbau zu entwickeln. Das Aktionsbündnis kündigte zudem weitere Aktionen an. "Die Debatte", so sagte Tjark Voigts, der Vorsitzende der Initiative zum Schutz vor Elektrosmog Südbaden ISES, "ist noch längst nicht zu Ende."

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