Szenen einer kaputten Ehe und Szenen aus einem Krankenzimmer

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 30. Oktober 2019

Basel

Im Förnbacher Theater im Badischen Bahnhof Basel laufen zwei Klassiker: "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" und "Der eingebildete Kranke".

Unzählige Flaschen stehen auf einem langen Podest. Im Laufe des Abends werden sie nach und nach geleert. Harte Sachen. Brandy. Whiskey. Je mehr sich die Bar leert, desto bösartiger geht es zu in der Eheschlacht zwischen Martha und George, die sich hemmungslos betrinken und sich die giftigsten Gemeinheiten an den Kopf werfen. In dem Drama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von Edward Albee, das zum Auftakt der neuen Saison im Förnbacher Theater im Badischen Bahnhof Basel gegeben wird, liefern sich Kristina Nel und Matthias Klausener einen schonungslosen Ehe-Krieg bis zur bitteren Neige.

Das sind hochexpressive, leidenschaftlich ausgefochtene Szenen einer zerrütteten Ehe, in denen die beiden Hauptdarsteller bis zur Selbstzerfleischung seelische Abgründe, Lebenslügen, Täuschungen und dunklen Geheimnisse offenbaren. Kristina Nel als verwöhnte Martha, die einen Drink nach dem anderen kippt und im hoch geschlitzten Kleid die Laszive herauskehrt, putzt ihren Mann gnadenlos und hemmungslos herunter. Matthias Klausener als Akademiker George pariert diesen Psychoterror scheinbar gelassen mit perfidem Zynismus, beißender Ironie und sarkastischen Reden über seine Frau, seine kaputte Ehe, das Leben am College. Das entblößende Ehedrama läuft vor den Augen eines jungen Paares ab, das nachts zu Gast ist und hineingezogen wird in diese Schlammschlacht und das abgrundtief böse "Spiel" der Gastgeber. Falk Döhler als Nick, ein ehrgeiziger smarter Neuling am College, und Noemi Schaerer als dessen naiv-aufgekratzte Frau Honey, werden immer mehr zu Spielbällen in dieser Ehetragödie. Zwischen Spirituosen und einer Couch-Landschaft setzt Regisseur Helmut Förnbacher in seiner Inszenierung auf psychologisch packende Personenführung. Seine grandiosen Schauspieler, allen voran Kristina Nel und Matthias Klausener, verausgaben sich emotional bis zum Äußersten. Ein großer Theaterabend, der extrem unter die Haut geht.

Übersetzt in eine zeitgemäße Sprache

Kontrastprogramm dann in der zweiten Saisonpremiere: Molières unverwüstlicher Klassiker "Der eingebildete Kranke" hatte am Mittwoch Premiere in der Theaterhalle. Frech, witzig, modern aufgepeppt kommt diese Gesellschaftskomödie über einen Hypochonder und geldgierige Quacksalber auf die Bühne. Helmut Förnbacher hat das zeitlose Stück von 1673 nach einer alten Übersetzung neu ins Deutsche übertragen, in eine zeitgemäßere Sprache. Dazu passt das entstaubte "Outfit", das der Theaterleiter und Regisseur diesem französischen Dauerbrenner verpasst: eine Chaiselongue, lauter Arzneifläschchen auf dem Boden, bunte aufblasbare Sitzkissen und eine Tafel, auf der die Klistiere und Arzneien notiert werden, bilden den Bühnenraum. Und dann erst die skurrilen und exzentrischen Kostüme von Camilla Fivian und Corinne Baumann, eine Couture zwischen historisch und modisch-hip.

Die Titelrolle ist maßgeschneidert für Dieter Mainka, der damit eine 66-jährige Bühnenkarriere krönt. Er kostet diese Paraderolle des kauzigen Argan, der nach immer mehr Tinkturen und Klistieren verlangt, mit aller komödiantischen Souveränität aus. Im wallenden Morgenmantel gibt er den vermeintlich Leidenden, der eigentlich putzmunter ist und mit Kissen nach seinem vorwitzigen Hausmädchen Toinette wirft. Mia Lüscher ist in der Rolle des rotzfrechen kecken Dienstmädchens ein Wirbelwind und gibt ihrem verblendeten Herrn lautstark Paroli. Ganz die mondäne Madame rauscht Kristina Nel in roter Robe mit Stola als platinblonde und berechnend-geldgierige Gattin Béline auf die Bühne, spielt mit kapriziösem Getue das berechnende Luder. In löchrigen Jeans und Rüschen-Bluse stürzt sich Lea-Sina Bühler als Tochter Angelique in den Gefühlsüberschwang der heiß Verliebten. Zusammen mit ihrem Geliebten Cléante (Stefan Nyffenegger), der sich inkognito in Frauenklamotten ins Haus einschleicht, breiten sie ihre heimliche Love-Story in einem Rap aus.

Eine hinreißende Parodie auf die affektierten, hochnäsigen und selbstgefälligen Quacksalber gibt Lothar Hohmann als Arzt Diafoirus im rosa Lackmantel: eine treffliche Karikatur. Das hat Witz, Tempo, erfrischenden Pep und überspitzte Situationskomik, wie Förnbacher mit seinem Ensemble diese bissige Satire umsetzt, bei der die geldgierige Sippschaft eine harte Lektion erhält.

Termin: Nächste Vorstellungen "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" am 30. Oktober, 12.,15., 21., 27. November; "Der eingebildete Kranke" am 31. Oktober, 3., 8., 17., 26., 29. November, 19.30 Uhr, sonntags 18 Uhr. Tel. 004161/3619033