Pilotprojekt

Die Regenerative Landwirtschaft will weniger Chemiekeulen einsetzen

Barbara Schmidt

Von Barbara Schmidt

Mi, 28. Oktober 2020 um 19:49 Uhr

Wirtschaft

Durch intensives Düngen ist vielerorts das Grundwasser mit Nitrat belastet. Einen Ausweg könnte die Regenerative Landwirtschaft bieten. Allerdings ist der Aufwand für die Landwirte enorm.

Die Landwirtschaft steht unter Druck. Nicht nur Billigpreise für Fleisch und Milch lassen Bauern um ihre Existenz bangen, sondern auch Auflagen für mehr Artenschutz und strengere Düngeregeln. Infolge der intensiven Düngung ist vielerorts das Grundwasser mit Nitrat belastet. Einen Ausweg könnte die Regenerative Landwirtschaft bieten, hoffen zumindest die Initiatoren eines Pilotprojekts im Wasserschutzgebiet in Hausen an der Möhlin. Allerdings ist der Aufwand für die Landwirte enorm – und rechnet sich nur, wenn die Verbraucher mitziehen.

Wo Trinkwasser gewonnen wird, gelten für die Landwirtschaft besondere Regeln, damit das Grundwasser nicht verunreinigt wird. Die baden-württembergische Schutzgebiets- und Ausgleichsverordnung regelt zum Beispiel, dass bestimmte Pflanzenschutzmittel verboten sind und in der engeren Schutzzone keine Jauche oder Gülle ausgebracht werden darf. Überschreitet der Nitratgehalt im Wasser bestimmte Werte, spricht das Land von einem Problemgebiet und verhängt zusätzliche Einschränkungen, wie es in dem rund 40 Quadratkilometer großen Wasserschutzgebiet im Bad Krozinger Ortsteil Hausen der Fall ist.

Landwirte werden zu Bodenkundlern ausgebildet

Den Bauern können dadurch wirtschaftliche Nachteile entstehen, die das Land auf Antrag mit einer Pauschale zumindest teilweise finanziell ausgleicht. Eine Möglichkeit ist aber auch, die Anbaumethoden so zu wählen, dass von vorneherein weniger Nitratdünger und Pflanzenschutzmittel benötigt werden. Das ist Ziel des Pilotprojekts, das der Energie- und Wasserversorger Badenova aus seinem Innovationsfonds mit rund 150.000 Euro fördert. Projektträger ist das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald. Der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV) organisiert die Bodenkurse, mit denen alles beginnt.

"Die Landwirte werden zu Bodenkundlern ausgebildet", sagt die Freiburger BLHV-Bezirksgeschäftsführerin Silke Grünewald. Veranstaltet werden die Kurse von den Pionieren der Regenerativen Landwirtschaft in Deutschland, Dietmar Näser und Friedrich Wenz. Ziel ist laut Grünewald, dass der Boden die Pflanzen ganzheitlich ernährt und damit widerstandsfähiger macht. Dafür müssten die Nährstoffe im Boden in einem speziellen Gleichgewicht zueinanderstehen, betont die Agrarwissenschaftlerin. Beispielsweise kann ein zu hoher Phosphorwert die Aufnahme von Zink durch die Pflanze bremsen. Die Bauern lernen, ihre Böden nach einer Methode zu untersuchen, die auf den US-amerikanischen Bodenkundler William Albrecht (1888 bis 1974) zurückgeht. "Die Albrecht-Analyse ist viel umfassender als herkömmliche Bodenanalysen", betont Grünewald.

Entscheidend ist die Bodenstruktur

Die Regenerative Landwirtschaft misst Bakterien, Pilzen und anderen Mikroorganismen im Boden eine wichtige Rolle zu. Entscheidend ist zudem die Bodenstruktur: So wird auf ein tiefes Umgraben möglichst verzichtet. "Die flache Bodenbearbeitung ist ein wichtiger Bestandteil der Regenerativen Landwirtschaft. Um nährstoffreichen Humus aufzubauen, sollen die Flächen dauerhaft begrünt sein, indem unter anderem Zwischenfrüchte angebaut werden. Diese werden nicht geerntet, sondern dienen der Bodengesundheit", erläutert Grünewald. Zwischenfrüchte können etwa Senf, Roggen, Sonnenblumen oder Leguminosen wie Klee und Erbsen sein. Wichtig ist eine gute Mischung, ähnlich wie auf einer Wildblumenwiese. Durch ihre Blüten bieten sie Insekten Nahrung und fördern so die Biodiversität – für Grünewald "ein schöner Nebeneffekt".

"Ziel ist es, durch einen gesunden Boden gesunde Pflanzen zu erhalten." Silke Grünewald
Später arbeitet der Bauer die Zwischenfrüchte flach in den Boden ein, um den Vorgang auszulösen, der in jedem Komposthaufen abläuft: Kleinstlebewesen zersetzen die Pflanzenreste zu Humus. "Diesen Verrottungsprozess kann ich lenken, indem ich Milchsäurebakterien zuführe", erläutert Grünewald. Solche Bakterien seien etwa in Sauerkrautsaft enthalten. Um die Pflanzen zu stärken, eigneten sich sogenannte Komposttees, die der Bauer aus Kompost, Melasse und Wasser brauen könne. "Ziel ist es, durch einen gesunden Boden gesunde Pflanzen zu erhalten, die Pflanzenvitalität auf natürliche Weise zu stärken, so dass der Landwirt beim Pflanzenschutz einspart", sagt die BLHV-Vertreterin. Sowohl konventionell als auch biologisch wirtschaftende Bauern meldeten sich zu den Bodenkursen an. "Die Regenerative Landwirtschaft ist für beide ein vielversprechender Ansatz."

Verbraucher müssen mehr zahlen

Er bedeutet jedoch einen erheblichen Mehraufwand. Damit sich die Arbeit für die Bauern rechnet, müssten Verbraucher bereit sein, für regenerativ erzeugte Produkte einen höheren Preis zu zahlen. Ob das klappt, soll das "Wasser- und Klimaschutz-Brot" (Wa-Kli’s-Brot) zeigen, das seit kurzem auf dem Markt ist.

Das Korn dafür liefert Michael Strub: Der Offnadinger Landwirt hat auf seinen Feldern im Wasserschutzgebiet Hausen dieses Jahr seinen ersten regenerativ erzeugten Weizen geerntet, rund 14 Tonnen. Die Grether-Mühle in Sulzburg hat daraus etwa zehn Tonnen Ruchmehl gemahlen. Das vor allem aus der Schweiz bekannte Mehl hat einen höheren Schalenanteil und "kann sehr viel Wasser aufnehmen, das passte gut zum Thema Trinkwasserschutz", sagt Michaela Reiß, die Chefin der Bäckerei Reiß-Beck. Etwas Roggenmehl, Hefe, Salz, Leinsamen und Maiscrunch vervollständigen das Brotrezept der Bäckermeisterin aus Kirchzarten, die Filialen in Freiburg, Stegen, Herbolzheim, Lahr und Friesenheim hat. Jeder 650-Gramm-Laib des in der Region erzeugten Brotes kostet 4,20 Euro. Die Ernte reicht voraussichtlich für 28.000 Laibe.

Eine Wellnesskur für den Boden

"Wir sind überzeugt, dass wir mit diesem Brot das Bewusstsein für die Bedeutung eines professionellen Trinkwasserschutzes schärfen können", sagt der Badenova-Technikvorstand Mathias Nikolay. "Die Landwirte sollen den Zwischenfruchtanbau wieder für sich entdecken. Das ist wie eine Wellnesskur für den Boden. Außerdem binden Zwischenfrüchte Stickstoff und verbessern die CO2-Bilanz". Daher bezuschusst Badenova den Anbau von Zwischenfrüchten im Winter unabhängig vom Pilotprojekt mit 100 Euro je Hektar.

Ein konsequenter Zwischenfruchtanbau sei sinnvoll, bestätigt Kurt Möller, der Referatsleiter Pflanzenbau am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum (LTZ) Augustenberg des Landes Baden-Württemberg, auf Anfrage der Badischen Zeitung. Der Zwischenfruchtanbau verringere die Gefahr der Nitratauswaschung und verbessere die Bodenstruktur erheblich, "der Boden wird schön locker und fluffig, und erhöht die Wasserinfiltration", erläutert der Agrarwissenschaftler. Daher sollte der Anbau einer Zwischenfrucht mindestens alle zwei Jahre vorgesehen werden. Ein doppelter Zwischenfruchtanbau vor einer Sommerfrucht allerdings erhöhe die Nitratauswaschungsgefahr und den Wasserverbrauch, und bringe kaum einen Zusatznutzen.

Skepsis bei Forschern

Die anderen Methoden der Regenerativen Landwirtschaft sieht Möller skeptisch. Felderhebungen hätten keinen Unterschied zu den Humusgehalten von Referenzflächen gezeigt. Es sei schon lange bekannt, dass sich ganz grundsätzlich der Humusgehalt von Böden nur in sehr geringem Ausmaß verändern lasse. Die Auswirkungen der eingesetzten Mikroorganismen und Komposttees ließen sich in Feldversuchen nicht nachweisen. "Die postulierten Effekte sind wissenschaftlich nicht messbar", bilanziert Möller. Seit 70 Jahren widerlegt sei die Albrecht-Methode.

"Wir wissen heute, dass Pflanzen sehr selektiv Nährstoffe aufnehmen und das Wachstum höchstens im Extremfall von den Nährstoffverhältnissen im Boden beeinflusst wird." Kurt Möller
"Wir wissen heute, dass Pflanzen sehr selektiv Nährstoffe aufnehmen und das Wachstum höchstens im Extremfall von den Nährstoffverhältnissen im Boden beeinflusst wird." Um die Nitratwerte in Problemzonen wie dem Hausener Wasserschutzgebiet zu senken, empfiehlt Möller konsequenten Zwischenfruchtanbau und: "Weniger Stickstoffdünger einsetzen. Das ist der Schlüssel." Die Schweiz und Österreich beispielsweise rieten zu einem Drittel weniger Stickstoffdünger, als die deutsche Düngeverordnung erlaube. Die Folgen für den Ertrag seien überschaubar.

So hätten Langzeitversuche gezeigt, dass das Ertragsniveau bei 20 Prozent weniger Stickstoffdünger langfristig um lediglich 4 Prozent sinke. Bei Mais seien es bei 50 Prozent weniger Dünger 2 Prozent weniger Ertrag. "Und wer weniger düngt, braucht auch weniger Pflanzenschutzmittel", sagt Möller. Denn Mehltau, Blattläuse & Co. profitierten ebenso wie Unkräuter von einem hohen Stickstoffangebot viel stärker als Kulturpflanzen.

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Weitere Informationen über das Projekt unter http://www.waklis-brot.de