Am Regal statt am Herd

Ein Koch in Kurzarbeit

Ulrike Ott

Von Ulrike Ott

Sa, 04. April 2020 um 00:00 Uhr

Beruf & Karriere

Nichts ist so, wie es war, seit das Coronavirus unseren Alltag bestimmt. Die Menschen bleiben zuhause, sie meiden Kontakte und können oft nicht mehr ihrem gewohnten Job nachgehen.

Weil die meisten Geschäfte, Restaurants und Cafés geschlossen haben, sind zum Beispiel Verkäuferinnen oder Beschäftigte in der Gastronomie in der Kurzarbeit und wollen doch nicht alle tatenlos zuhause sitzen.

Das geht auch Tomislaw Kesina so. Der 32-Jährige ist gelernter Koch und rührt normalerweise im Hotel-Restaurant Kaiserstühler Hof in Breisach in Töpfen und Pfannen, um die Gäste zu verwöhnen. Zwar hat er immer mal wieder Nebenjobs gehabt, um sich und seiner vierköpfigen Familie endlich den Traum einer eigenen Immobilie erfüllen zu können. Jetzt aber ist nicht nur die Erfüllung dieser Vision in weite Ferne gerückt, auch seine Alltagssituation ist eine völlig andere. Seit wenigen Wochen arbeitet der aus der Nähe der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik stammende junge Mann in einem Lebensmitteldiscounter der Münsterstadt, um dort zwei- bis dreimal morgens beim Auffüllen der Regale zu unterstützen. Was Kesina zunächst nur als neue Möglichkeit eines Zusatzverdienstes betrachtet hatte, ist für ihn in der Zwischenzeit – seit der Restaurantschließungen ist natürlich auch er in Kurzarbeit – nicht nur wichtiger zusätzlicher Broterwerb geworden, sondern auch eine Möglichkeit zu helfen.

Alle Hände voll zu tun

Die Kolleginnen und Kollegen in der Filiale hätten alle Hände voll zu tun und zusätzliche Unterstützung sei gerade in dieser Branche wichtig. Viele Lebensmittelhändler seien auf zusätzliches Personal angewiesen, um die Aufgaben überhaupt erfüllen zu können.

Und auch wenn seit der Grenzschließung nach Frankreich die elsässischen Kunden, die sonst bekanntlich einen Großteil des konsumfreudigen Klientel in Breisach ausmachen, wegbleiben würden, falle Tag für Tag sehr viel Arbeit an. "Die Regale sind sehr schnell wieder leer gekauft", sagt der sympathische junge Mann, der jetzt seit gut sechs Jahren in Deutschland und seither in Breisach lebt. Das sei quer über das gesamte Angebot und mal mehr oder weniger so und nicht nur beim Klopapier auffällig. Den Run auf dieses begehrte Gut, der an seinem Arbeitsplatz allerdings auch schon wieder etwas nachgelassen habe, verstehe er überhaupt nicht. Es werde auch in seinem Betrieb immer wieder nachgefüllt und Engpässe gebe es keine. "Alles ist vorhanden", erklärt er. Tomislaw Kesina macht sein neuer Zusatzjob viel Spaß, weil er für Abwechslung im Alltagseinerlei sorgt. Er vermisst jedoch seine Kolleginnen und Kollegen im Restaurant und vor allem seinen Platz am Herd. Er liebe es, für viele Leute zu kochen, die gutes Essen zu schätzen wüssten. Keinen anderen Beruf könne er sich vorstellen und er freue sich auf die Zeit, wenn wieder Normalität einkehre.

In der Zwischenzeit kocht Kesina mehr als sonst für seine Frau (sie arbeitet normalerweise im nun ebenfalls geschlossenen deutsch-französischen Kindergarten in Breisach) und die beiden Kinder. Gerichte wie sonst im Kaiserstühler Hof, deutsche, französisch inspirierte, mediterrane und dort gerne bestellte Klassiker wie Geschmortes; oder Fisch. Auch die Küche seiner kroatischen Heimat kommt am heimischen Herd zum Tragen. Über Cevapcici und Co. freut sich bei den Kesinas nicht nur der Nachwuchs. Das ist ein Stück alte Heimat.

Dabei denkt Kesina auch ab und an seine Mutter, die normalerweise im Frühsommer anreist, um ebenfalls im Kaiserstühler Hof zu helfen. Dreimal war sie schon in Breisach. In diesem Jahr fällt der Besuch aus. Das ist in Zeiten von Corona einfach nicht möglich. Schade, sagt Tomislaw Kesina, der wie alle auf bessere Zeiten hofft und sich auf den Tag freut, wenn er wieder für Restaurantgäste wirken darf. Bis dahin wird er weiter im Lebensmittelhandel jobben. Und so wie es aussieht, auch über diesen Tag hinaus.

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