Nach Kundgebung Pax Europa

Harsche Kritik an der DIA-Vorsitzenden Simone Schermann

Klaus Fischer

Von Klaus Fischer

Mi, 06. November 2019 um 16:24 Uhr

Ettenheim

Martin Gross, Ex-Mitglied des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises Ettenheim, fordert Distanzierung von Schermann zu Rechtspopulismus. Runder Tisch soll Klärung schaffen.

Für Kritik sorgt der Auftritt von Simone Schermann, Vorsitzende des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises (DIA) Ettenheim, bei der Kundgebung des rechtspopulistischen Vereins Pax Europa in Lahr mit Michael Stürzenberger als Hauptredner. Von einer "seltsamen Allianz" spricht Joachim Schwab, bis vor einem Jahr DIA-Mitglied. Und Scheuermanns Vorgänger im Amt, Martin Gross, erklärt "Rechtspopulismus verträgt sich nicht mit den Idealen des DIA". Er verlangt eine Distanzierung von Schermann.



Bei der Kundgebung am 4. Oktober auf dem Lahrer Sonnenplatz versuchte Michael Stürzenberger, der wegen Volksverhetzung verurteilt worden ist und vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet wird, seine islamkritischen Thesen zu verbreiten. Es kamen auch rund 100 Menschen zusammen, die gegen die Anti-Islam-Kundgebung friedlich demonstrierten. Darunter auch Vertreter von Kirchen, die in einem improvisierten Chor gegen die rechtspopulistischen Parolen ansangen. Chorleiter war Martin Gross, von 1999 bis 2018 Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises.

Islamfeindliche Thesen auf Youtube

Bei der Kundgebung anwesend war auch Gross’ Nachfolgerin im Amt, Simone Schermann. Sie stand allerdings nicht im vielstimmigen Chor gegen die Rechtspopulisten, sondern griff an der Seite von Stürzenberger dessen islamfeindliche Thesen auf. Was in einem Video auf der Pax-Europa-Homepage festgehalten wurde und auf Youtube abrufbar ist, wiederholte Simone Schermann auch auf Anfrage der Badischen Zeitung. Sie nehme zunehmenden Antisemitismus in Frankreich und in Deutschland wahr, dem Staat und Staatsmacht offenbar hilflos gegenüber stünden oder ihm bewusst nichts entgegensetzten. Juden, sie selbst ist Jüdin und lebt in Freiburg, könnten in Deutschland nicht mehr in Freiheit und Sicherheit leben. Das jüngste Beispiel sei der Anschlag von Halle. Viele Juden seien deshalb bereits ausgewandert. Seit etwa einem Jahr besitze auch sie einen jüdischen Pass und trage sich selbst mit dem Gedanken, nach Israel auszuwandern.



Die Ängste der jüdischen Bürger in Deutschland teilten sowohl Achim Schwab als auch Martin Gross durchaus. Indes, sich deshalb aber als DIA-Vorsitzende auch öffentlich mit Rechtspopulisten gemein zu machen, ist für beide nicht akzeptierbar. Für Martin Gross hat Simone Schermann hier eine Grenze überschritten. "Rechtspopulismus hat nichts zu suchen bei der Pflege der Freundschaft zu Israel", kritisiert er den öffentlichen Auftritt Schermanns an der Seite Stürzenbergers.

Martin Gross fordert Distanzierung Schermanns

In einem Brief an den zweiten Vorsitzenden des DIA, Robert Krais, fordert er die Vorsitzende deshalb auch auf, sich von der "Konsolidierung mit Michael Stürzenberger bei der Kundgebung in Lahr" öffentlich zu distanzieren. Andernfalls würde der DIA in seiner Arbeit unglaubwürdig werden.

"Frau Schermann hat sich hier vor den Karren der Rechten spannen lassen. Ich sehe das so, auch wenn sie bei der Kundgebung nicht ausdrücklich dem Gesamtpaket islamfeindlicher Parolen von Stürzenberger zugestimmt hat. Sie hat den DIA mit ihrem Auftritt politisch und in der öffentlichen Wahrnehmung in eine prekäre Situation gebracht. Frau Schermann muss ihre Aussagen öffentlich zurechtrücken. Die Arbeit des DIA steht für Versöhnung und nicht für Radikalisierung. Wenn sie nicht überzeugend von diesen Rechtspopulisten abrückt, halte ich sie als Vorsitzende des DIA für nicht länger tragbar", erklärt Gross gegenüber der BZ.

Gross verweist auch auf den Zentralrat der Juden in Deutschland, der ausdrücklich vor einem Zusammenwirken mit politisch rechtsgerichteten, rechtspopulistischen Gruppierungen und Bewegungen gewarnt habe.

Vorsitzende schon vor ihrem Auftritt umstritten

Unterdessen war die DIA-Vorsitzende schon vor ihrem Auftritt bei der Pax Europa Kundgebung in Lahr unter DIA-Mitgliedern und Ex-Mitgliedern nicht unumstritten. Vor allem ihre bedingungslose Unterstützung des Staates Israel sorgt unter den Mitgliedern für Irritation. Weil er in Teilen des Vorstands schon vor der Wahl Schermanns zur Vorsitzenden im Mai 2018 gespürt habe, dass Kritik an der Siedlungspolitik oder am Umgang mit Palästinensern durch den Staat Israel unerwünscht sei, habe er sich nicht mehr einer Wiederwahl gestellt und die Mitgliedschaft im DIA auch aufgekündigt, erklärt Martin Gross der BZ. Gross: "Der DIA steht für die Pflege der Freundschaft mit Israel. Das heißt aber nicht, dass Kritik unter Freunden nicht mehr erlaubt sein darf."



Die Wahl der Freiburgerin an die Spitze des Deutsch-Israelischen Vereins in der Hauptversammlung in der ehemaligen Synagoge in Altdorf im Mai 2018 blieb dann auch nicht ohne Widerspruch unter Mitgliedern. Der ehemalige Schulamtsdirektor Joachim Schwab hatte geheime Wahl beantragt, wurde aber in der Versammlung überstimmt. Auch soll es nach der Erinnerung Schwabs in der Versammlung zu einem Wortgefecht zwischen Schermann und Margret Oelhoff gekommen sein, weshalb die Ehrenbürgerin von Ettenheim noch in der Sitzung ihren Austritt aus dem DIA erklärt hatte. Auch Joachim Schwab kehrte Wochen später dem Arbeitskreis den Rücken.

Unter anderem auch, weil bekannt wurde, dass Simone Schermann Gründungsmitglied der im Oktober 2018 gegründeten JAfD, der Jüdischen Bundesvereinigung in der AfD, war. Aus ihr ist Schermann nach eigenen Angaben wenige Monate später wieder ausgetreten.

Robert Krais teilt Kritik nicht

Robert Krais indes, seit Mai des vergangenen Jahres zweiter Vorsitzender des DIA und seit Jahrzehnten einer der Motoren des Arbeitskreises, teilt die harsche Kritik an der Vorsitzenden nicht. "Ich sehe die Aufgabe des DIA nicht nur als Erinnerungsarbeit an den toten Juden, sondern auch als Beistandsarbeit für die bei uns lebenden Juden. Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, ob Juden sich heute und in Zukunft in Deutschland noch sicher fühlen können", erklärt Krais. Diesen Fragen stelle sich Simone Schermann und komme zu anderen Ergebnissen und Aktivitäten als andere Mitglieder oder Ex-Mitglieder. Krais: "Aber ist das nicht auch das Wesen der Demokratie?"

Im Raum steht jetzt ein Treffen, eine Art runder Tisch mit der DIA-Spitze und den Kritikern, unter anderem Martin Gross, das zur Klärung der Aussagen von Simone Schermann bei der Pax-Europa-Kundgebung beitragen soll. Die Forderung nach einer "öffentlich erfahrbaren Distanzierung von dieser Konsolidierung mit Rechtspopulisten" bleibe aber bestehen, erklärte der frühere DIA-Vorsitzende Martin Gross.