Sprachfestival

Ihre Mischung von Autoren hält die Mundart-Literaturwerkstatt lebendig

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 15. April 2019 um 11:00 Uhr

Schopfheim

Am Wochenende ging die Mundart-Literaturwerkstatt in Schopfheim, Weil am Rhein und Basel über die Bühne. Erstmals war auch eine Slam-Poetin mit dabei.

"Alte Hasen" und neue junge Stimmen der Dialektszene waren bei der Internationalen Mundart-Literaturwerkstatt Schopfheim zu erleben. Nicht leicht ist es für Mitbegründer und Organisator Markus Manfred Jung, immer wieder jüngere Autorinnen und Autoren zu finden, die sich nicht nur in Lesungen dem Publikum stellen, sondern vor allem dem konstruktiven Arbeiten an ihren Texten. Denn das, die eigentliche Werkstatt mit Diskussion über Texte, ist für Jung der Kern an diesem Schriftstellertreffen.

Erstmals, und das war spannend, bereicherte eine Slam-Poetin die Runde. Noch dazu eine, die sich in der Spoken Word-Szene längst einen Namen gemacht hat: Daniela Dill aus Basel. Beim Auftakt im Weiler Stapflehus trug die Schweizer Slammerin ihre Mundarttexte klassisch vor, tags darauf in St. Agathe in Fahrnau performte sie ein bisschen mehr in rhythmisiertem Sprachklang, was sie sonst nur bei Gereimtem in Hochdeutsch macht. Zum vorgegebenen Thema Heimat schaute sich die Liestalerin das "moderne Wohnen" in der Schweiz näher an, bei dem alles zurechtgestutzt ist: Haus, Garten, Hund und die Bewohner, die sich hinter Glasfronten abschotten und heimlich "ganz normal" leben. Mit ähnlich kritischer Schärfe und ironischer Schreibe betrachtet Daniela Dill Paare, die in getrennten Wohnungen leben, und das Thema Hochzeit. Das ist erfrischend und genau beobachtet.

"De Opa isch weg"

Seine Landsleute guckt der Schwabe Olaf Nägele durch die humoristisch-satirische Brille an. Der Journalist und Werbetexter, der schwäbische Krimis schreibt, trat an, um die Schwabenklischees mit pointiertem Sprachwitz aufzubrechen. Zum Beispiel bedeuten Sparsamkeit und Maulfaulheit für Nägele einfach "Sprachverknappung". Der Bandwurmtitel "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" hieße auf schwäbisch kurz und griffig "De Opa isch weg". Die Geschichten und Dialoge über Ehepaare, die Nägele gewitzt vorträgt, sind oft dem Alltag abgelauscht und umso trefflicher in der Realsatire. Doch auch über Heimat und Entfremdung macht sich der gewitzte Schwabe seine Gedanken.

Wie kontrovers der Begriff Heimat heute definiert werden kann, stellte sich bei der Werkstattarbeit am Thema "Heimatland – Fluch oder Segen" heraus. Heimat, das kann Landschaft sein, Essen, Kultur, Literatur, Musik, ein Kreis von Menschen, die sich verstehen, vor allem aber Sprache, sagte Moderator Volker Habermaier. Aber was macht Heimat heute aus? Darüber sinnierte auch Martin Lukas Blum aus Vorarlberg, Theologe und "ein reflektierter, sprachsensibler Dichter" (Habermaier). Blums gefühlvolle, tief gehende Texte forderten nicht nur wegen des Dialektklangs zum intensiven Hinhören auf.

Markus Manfred Jung trägt ernste Texte bei

Für Mundartlyriker Markus Manfred Jung bedeutet Heimat auch Erinnerung. Erinnerung an "daheim". Für die Generation seines Großvaters, der zwei Weltkriege durchmachen musste, sei das Heimatland aber zum Fluch geworden, thematisierte Jung in seinem Werkstatttext.

Dass solche ernsten Texte bei den Lesungen ebenso ihren Platz und Aufmerksamkeit fanden wie die rockigen alemannischen Lieder des südbadischen Liedermacher-Duos Martin Lutz und Karl David, die im Publikum richtig gute Stimmung machten: Diese Mischung hält die Mundartliteratur lebendig.