Wissenschaft

Althistorikerin macht in Basel die älteste Handschrift des Christentums verständlich

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 10. September 2019 um 18:46 Uhr

Basel

Sabine Huebner hat die Papyrus-Sammlung der Uni Basel erschlossen und die älteste christliche Handschrift gefunden. Sie offenbart viel über die Menschen in der Antike – und Parallelen zur Gegenwart.

Alte Geschichte ein Orchideenfach? Da widerspricht Sabine Huebner energisch. Das widerlegen aus Sicht der Professorin und Leiterin des Fachbereichs Alte Geschichte an der Universität Basel schon die Studierendenzahlen. Vor allem aber verkennt das aus Sicht der Althistorikerin den Nutzwert einer Forschung, die die Gesellschaft und den Alltag untersucht.

"Der Aufstieg Roms zur antiken Weltmacht wurde vermutlich durch Klimawandel begünstigt" Sabine Huebner
Derzeit forscht Sabine Huebner in der griechisch-römischen Epoche zwischen 800 vor und 600 nach Christus unter anderem zum Klima. "Es gab immer einen Klimawandel", erläutert sie diese historische Klimatologie. Der war in der Antike – anders als heute – zwar nicht menschengemacht, aber doch ein Faktor, der über Erfolg oder Misserfolg mitentschied. "Der Aufstieg Roms zur antiken Weltmacht wurde vermutlich durch Klimawandel begünstigt", weiß die 43-Jährige.

Eine wichtige Quelle für solche Erkenntnisse sind antike Papyri. Auf diesem Gebiet hat die 1976 in Osnabrück geborene Wissenschaftlerin zuletzt international aufhorchen lassen und selbst in den USA oder Australien für Aufmerksamkeit gesorgt. Ausgangspunkt war die Papyrussammlung der Uni Basel. Mit einer vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsgruppe der Uni hat sie diese editiert und, wie im Juli in der Presse bekannt wurde, die älteste bekannte christliche Handschrift gefunden.

Das Dokument stammt aus dem dritten Jahrhundert nach Christus

Das als Papyrus P.Bas 2.43 bezeichnete Dokument aus dem dritten Jahrhundert nach Christus stammt aus dem römischen Ägypten. Es relativiert unter anderem das nicht zuletzt im Kino gepflegte Bild der Christen als verfolgte Sonderlinge im Römischen Reich; vielmehr waren diese in die Verwaltung des Imperiums eingebunden und im Alltag der multikulturellen Gesellschaft kaum zu unterscheiden von anderen Milieus. Auch solche Einsichten vergegenwärtigen für die 43-Jährige den Nutzwert ihres Faches.

Wie aber fängt eine im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts Geborene überhaupt Feuer für Alte Geschichte? Persönlich interessiere sie das antike Rom seit ihrer Jugend, schildert die Wissenschaftlerin beim Vor-Ort-Termin in dem großen Büro, das moderne Technik kombiniert mit einem Stehregal voll museal wirkender Werke historischer Größen des Faches – vom Basler Universalgelehrten Jacob Burckhardt bis zum deutschen Troja-Entdecker Heinrich Schliemann. Seit sie dann Anfang der 90er Jahre die Via Appia in Rom abgelaufen sei, habe sie die Frage, wie Menschen in der Antike tatsächlich gelebt haben, nicht mehr losgelassen, erzählt sie weiter.

Es gab einen regelrechten Wettlauf der Nationen um die Papyri

Nach dem Studium von Alter Geschichte und Klassischer Philologie in Münster promovierte sie 2005 in Jena, bekam ein Forschungsstipendium für die USA und habilitierte sich 2010 an der FU Berlin. Von 2011 an folgten Forschungsaufenthalte erst in Paris, dann in Rom. Seit 2014 ist sie Professorin in Basel. Dort entdeckte sie die fast einhundert Jahre lang unbeachtete Papyrussammlung und hat sie wissenschaftlich erschlossen. Dass Basel überhaupt eine solche Sammlung hat, erklärt sich mit dem Boom der Papyrologie Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, erläutert Huebner.

Das wiederum ist ein besonders Kapitel in der Geschichte dieses damals – wie alle Wissenschaften – im Zeitgeist von Nationalismen geprägten Fachs. Es gab einen regelrechten Wettlauf der Nationen um die Papyri, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vor allen in Ägypten auftauchten, als Bauern begannen, das organische Material antiker Siedlungen abzutragen, um es als Dünger für ihre Felder zu nutzen.

Auch der Basler Professor für Griechisch Jacob Wackernagel sprang auf den Zug auf und akquirierte 500 Franken beim Freiwilligen Museumsverein für den Ankauf von Papyri. Ein auch auf heutige Verhältnisse hochgerechnet bescheidener Betrag, den ein fachlich wenig kompetenter Kontaktmann in Ägypten in einer Basar-Atmosphäre in eine Kiste mit knapp 70 Papyri investierte und diese nach Basel verfrachtete.

In den 1980er Jahren hat Ägypten die Ausfuhr solcher Zeugnisse gesetzlich verboten

Heute wäre das nicht mehr möglich. , wo sich Papyrus aufgrund der klimatischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen am besten erhalten hat, die Ausfuhr solcher Zeugnisse gesetzlich verboten. Restitutionsansprüche für zuvor ausgeführte Papyri lassen sich daraus aber nicht ableiten. Die Universität Basel ist mit ihren wiederentdeckten Schätzen auf der sicheren Seite. Seriöse Papyrologen befassen sich aber ohnehin nur mit Stücken, deren Herkunft eindeutig zu belegen ist. Heute ist es wesentlich schwieriger geworden, Papyri legal zu erstehen, auch wenn der Hype weiter anhält – vor allem bei Reliquiensammlern wie fundamentalistischen Christen in den USA, die hohe Summen für derartige Papyri zahlen.

Für die Alte Geschichte sind sie neben Inschriften und literarischen Werken von Homer bis Cicero zur wichtigsten Quelle geworden und dank moderner Techniken wie der digitalen Erfassung und Archivierung so zu nutzen, dass der Mehrwert leichter gehoben werden kann. Von diesen Fortschritten profitierten auch Sabine Huebner und ihr Team bei der Zuordnung und Entschlüsselung des Papyrus P.Bas 2.43. Denn durch den Abgleich mit in Datenbanken hinterlegten Papyri sei die Zuordnung und Datierung gelungen, berichtet die Professorin. Dass damit zusätzliche Puzzleteile zum Verständnis der Antike zur Verfügung stehen, ist für die Wissenschaftlerin klar. Denn Schriftlichkeit sei – anders als im Mittelalter – ein prägendes Element im antiken Alltag gewesen. Von der Meldepflicht über Todesfälle bis zur Steuerpflicht: "Alles wurde dokumentiert", weiß Huebner.

Das digitale Zusammenpuzzeln dieser "Mosaiksteine" eröffnet ein vertieftes Bild der Antike

Das Medium dafür war im gesamten Mittelmeerraum Papyrus. Auf Märkten und Plätzen hätten vielerorts Schreiber gesessen, skizziert die Professorin. Zwar waren die Ärmsten der Armen wie meist von der Nutzung ausgeschlossen, in den Mittelschichten aber seien Papyri rund ums Mittelmeer weit verbreitet gewesen, als Medium für Briefe, Verträge, Quittungen und vereinzelt für literarische oder wissenschaftliche Aufzeichnungen. Das zeigt auch ein schon 2018 von Huebners Team in Basel lesbar gemachter griechischer Papyrus des römischen Arztes Galen, eines der bedeutendsten Ärzte des Altertums.

"Die Papyri haben alle größere Kontexte", erläutert Huebner. Es sei tatsächlich so, dass Personen aus den Basler Texten auch in Texten auftauchen, die sich in Straßburg, London oder Berlin befänden. Das digitale Zusammenpuzzeln dieser "Mosaiksteine" eröffne ein vertieftes Bild der Antike jenseits der klassischen Heroengeschichte und sei eine gute Basis für eine Alte Geschichte, die den Alltag, die Kultur, das soziale Leben im Blick habe und sich vom Geist "der alten weißen Männer emanzipiert", sagt die Professorin. Die stehen zwar – wie gesagt – noch wie ein Schatten im Buchregal im Basler Büro. "Doch von denen lasse ich mich nicht einschüchtern", betont die 43-Jährige mit einem Lachen.
Buchtipp: Sabine Huebner, Papyri and the Social World oft he New Testament. Cambridge University Press 2019. 192 Seiten, 22,90 Euro (nur in Englisch).