Äpfel und Birnen

Streuobsternte fällt überaus mager aus – wegen der Trockenheit im Vorjahr

Julia Jacob

Von Julia Jacob

Mo, 14. Oktober 2019 um 12:50 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag 2019 ist kein gutes Jahr für die Streuobsternte. Einer der Gründe ist der extrem trockene Sommer 2018 – und auch sonst haben Steuobstwiesen einen schweren Stand. Immer mehr werden zu Bauland.

Wer dieser Tage übers Land fährt, kann sie entdecken: Äpfel und Birnen, die zwischen den Zweigen verstreuter Obstbäume leuchten. Viele liegen schon im Gras. Kommt niemand einsammeln?

"Wenn die Leute einfach auf die Wiesen gehen und sich bedienen, sehen wir das nicht gern", sagt Gert Willmann, Obstbauer in Rente aus dem Eggenertal bei Schliengen. Wenn jemand mal einen Apfel beim Spaziergang aufsammelt, sei das natürlich kein Problem. Nur körbeweise dürfe das Naturgut nicht mitgenommen werden, klärt Willmann auf, der auch Vorstandsmitglied im Kreisobst- und Gartenbauverband Lörrach ist und weiß, was seine Kollegen ärgert.
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Auch rechtlich gibt es daran nichts zu rütteln: Wer was mitnimmt, was ihm nicht gehört, begeht Diebstahl. Fallobst ist da keine Ausnahme. Besonders in diesem Jahr ist es für die Besitzer der Streuobstbestände ärgerlich, wenn sich Leute selbst bedienen. 2019 ist kein gutes Jahr für die Streuobsternte.

Aus Wiesen wurde Bauland

Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist der extrem trockene Sommer 2018, der die Bäume bei der Ausbildung der Fruchtanlage für das kommende Jahr gestresst hat. Zudem war 2018 ein Jahr mit großem Behang, was den Bäumen mehr abverlangte als ein Jahr mit durchschnittlichem Ertrag. Und auch der Apfelwickler, dessen Wurm sich durch den Apfel bohrt, sorgt beim Streuobst für Verluste.

Er bekomme viele Anfragen von Leuten, die selbst keine Obstbauern sind, gerne aber mal etwas ernten wollen, sagt Klaus Nasilowski, Obstbauberater beim Landratsamt Lörrach. "Doch die Bäume sind leer." Und nicht nur das. Auch der Bestand wird immer kleiner. Verlässliche Aussagen über die Anzahl der im Landkreis wachsenden Bäume lassen sich kaum treffen. Die letzte offizielle Zählung gab es vor 20 Jahren. Damals wurden rund 232 Bäume bei einem Erkundungsflug erfasst. Heute, schätzt Nasilowski, dürfte nur ein Drittel davon übrig sein. Einige Wiesen wurden über die Zeit zu Bauland.

Gesteigertes Interesse am Fallobst

An vielen Standorten verschwinden die Streuobstbestände auch, weil sich niemand mehr um sie kümmert. Oft seien sie in Besitz von Erbengemeinschaften, Menschen, die weit entfernt leben und nicht die Zeit haben, regelmäßig zum Baumschnitt in die alte Heimat zu fahren. Doch ohne Pflege verbuscht das Offenland und Parasiten setzen den Bäumen zu.

Paradoxerweise gibt es mittlerweile ein gesteigertes Interesse am Fallobst – von Menschen, die selbst nicht im Besitz eines Obstbaumes sind. Der Fachbereich Landwirtschaft im Landratsamt hat diese Entwicklung nun aufgegriffen und eine Online-Börse initiiert, auf der sich Suchende und Anbieter treffen können. "Derzeit gibt es leider nur Anfragen, aber keine Angebote", bedauert Nasilowski, der über die Gründe nur spekulieren kann. Denn die Besitzverhältnisse im Streuobstbestand sind schwer zu überblicken, der direkte Kontakt mit den Eignern sich selbst überlassener Flächen kommt selten zustande.

Auch beim trinationalen Umweltzentrum (Truz) ist man mit dieser Gemengelage vertraut. Derzeit kartiert das Truz den Streuobstbestand auf dem Tüllinger Berg, wo ebenfalls Parzellen verwildern. Immerhin zeigte eine Flyeraktion im letzten Jahr Erfolg. "Es haben sich daraufhin erstaunlich viele Besitzer bei uns gemeldet", freut sich Astrid Deek, die das Projekt betreut. Mit Baumschnittkursen will das Umweltzentrum in Weil am Rhein dazu beitragen, den Bestand zu erhalten, der auch für seltene Vogelarten eine Heimat ist.
  • Vortrag "Lebensbäume im Porträt – Streuobst am Dinkelberg", 7. November, Ortshalle Schopfheim-Wiechs; 16. Oktober, Feuerwehrhaus in Adelhausen, jeweils 19 bis 21 Uhr.
  • Aktion: Garten- und Obstwiesenbesitzer können bei einer Rabattaktion des Truz mit den Städten Lörrach und Weil am Rhein noch bis Freitag, 18. Oktober, vergünstigt Obstbäume der Baumschule Kessler (Wehr) beziehen. http://www.truz-naturschutz.org