Novartis modernisiert Werk in Stein am Rhein

Millionen für neue Therapien

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 28. November 2019 um 19:14 Uhr

Wirtschaft

Basler Pharmakonzern investiert 90 Millionen Franken in Stein am Rhein. Dort werden neue Gentherapien für schwere Krankheiten produziert.

Die Produktion von Medikamenten ist im Umbruch. Neben die hohen Stückzahlen klassischer Medikamente treten neue Gen- und Zelltherapien. Der Basler Pharmakonzern Novartis, der den Anspruch hat, führend zu sein auf dem Gebiet, hat sein Werk im aargauischen Stein für mehr als 90 Millionen Franken (82 Millionen Euro) zur Produktion einer neuen Leukämie-Therapie modernisiert.

Am Donnerstag war die offizielle Eröffnung, im ersten Quartal 2020 soll die kommerzielle Produktion beginnen. Das Werk ist mit rund 1800 Mitarbeitenden der größte und wichtigste Produktionsstandort von Novartis, einen "Schlüsselstandort" nennen ihn die Verantwortlichen. Die neue Produktion der CAR-T-Zellen zur Leukämie-Behandlung ist aus Sicht von Novartis-Chef Vasant Narasimhan ein Meilenstein.

Erst im August 2018 hatte der Konzern nahezu parallel mit der Ankündigung, an seinen Schweizer Standorten mehr als 2000 Stellen zu streichen, die Ansiedlung der Produktion neuen Gen- und Zelltherapie am Standort Stein bekanntgegeben. Inzwischen wurden die ersten sechs Chargen der unter dem Namen Kymriah vermarkteten Therapie hergestellt.

Mittlerweile sind nach Konzernangaben bereits 185 Mitarbeitende in dem Bereich tätig, zu 90 Prozent intern für die komplexe Produktion umgeschult. Bis 2022, wenn der Ausbau abgeschlossen sein soll, können weiter 265 hinzukommen. Die Erwartungen jedenfalls sind groß. Die amerikanischen Zulassungsbehörden haben Kymriah laut Narasimhan zumindest als Durchbruch bewertet. Letzterer sieht denn auch den Anfang einer "fundamentalen Veränderung der Medizin" und die offizielle Eröffnung der Produktion in Stein als "historischen Tag für Novartis", wie er sagte. "Das ist der Anfang", befand der Konzernchef.

Anders als bei der herkömmlichen Herstellung von Medikamenten wird bei Zell- und Gentherapien für jeden Patienten eine persönliche Medikation hergestellt. Dazu werden einem Patienten, der meist schon verschiedene Therapien durchlaufen hat, eigene Blutzellen entnommen, die dann nach Stein verschickt werden. "Hier reichern wir einen Teil der weißen Blutkörperchen, die T-Zellen, an und verändern sie genetisch so, dass diese die Krebszellen im Blut des Patienten erkennen und bekämpfen können", sagt Dorothea Ledergerber, Projektleiterin des Werks für Zell- und Gentherapien in Stein. Die veränderten Zellen werden dann zurück ins Krankenhaus geschickt und per Infusion verabreicht.

Einstweilen darf die Therapie nur verwendet werden, wenn alle anderen Verfahren erfolglos bleiben. Doch derzeit laufen Studien, ob auch klassische Stammzelltherapien ersetzt werden können. Die Nachfrage ist offenbar größer als von Novartis erwartet. Am Züricher Kinderspital würden bereits sieben Kinder mit dem neuen Medikament behandelt, wurde am Rande der Eröffnung bekannt.

Auf der Kostenseite gibt es noch offene Fragen. In der Schweiz wird die auf eine einmalige Blutbehandlung beschränkte Therapie derzeit mit einem Listenpreis von 370 000 Franken bewertet. In Deutschland kooperiert Novartis mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig.