Landwirtschaft einmal ganz anders

Tomaten mit Geschmack vom Kleinsthof in Tunsel

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

So, 16. August 2020 um 07:00 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag Regionale, nachhaltige Versorgung mit Gemüse vom Kleinsthof – das ist Michael Selinger in Bad Krozingen-Tunsel ein Anliegen. Ein pfiffiges Konzept hat er auch auf die Beine gestellt.

Man kann auch als Quereinsteiger eine erfolgreiche Landwirtschaft aufbauen. Mit einem klaren Ziel, Begeisterung, Mut und einer gewissen Sturheit. Das beweist der Geo-Ökologe Michael Selinger aus Bad-Krozingen-Tunsel seit 2017. Michels Kleinsthof heißt sein landwirtschaftlicher Bio-Betrieb am Ortsrand.

Seit diesem Jahr ist der Kleinsthof ein Betrieb der solidarischen Landwirtschaft und versorgt bis zu 50 Haushalte aus Tunsel und Umgebung mit frischem Gemüse, Eiern, Honig und Getreide.

Anbau im Gewann Lichtacker

Lichtacker heißt das Gewann, auf dem der Kleinbauer sein Gemüse und die Kräuter anbaut. In bunter Vielfalt wachsen Sonnenblumen, über 100 verschiedenen Gemüse- und Kräuterkulturen, die meisten davon alte Sorten. Wärmebedürftige Paprika stehen im großen Folientunnel, der Rest wächst in Beeten.

Ein umgebauter Bauwagen dient samt Dach als Gartenküche. Es wird direkt verarbeitet, was vom Feld kommt. Eine Hühnerschar läuft durchs Kleegras. Mittlerweile haben sich noch die Schwäbisch-Hällischen Hausschweine Edgar und Midgar dazu gesellt.

Die Fläche am Lichtacker und weitere Äcker – insgesamt etwa fünf Hektar – rund um Tunsel, auf denen Dinkel, Weizen, Hafer und Kartoffeln wachsen, gehörten einst Selingers Großeltern. Als Kind war er regelmäßig während der Ferien bei ihnen zu Besuch, aufgewachsen ist er in Merdingen am Tuniberg.

"Endlich kann ich meine Vorstellung einer enkeltauglichen Landwirtschaft verwirklichen", sagt er und meint eine Landwirtschaft, die die Ressourcen Boden und Wasser erhält und verbessert und Treibhausgasemissionen verhindert.

Tomaten sind der Renner

Besonders stolz ist Selinger auf seine Freilandtomaten, alles alte Sorten, die er bereits im vierten Jahr ohne vor Pilzkrankheiten schützenden Tunnel und Pflanzenschutzmittel anbaut. "Die Tomaten sind der Renner auf dem Markt in Staufen, wo ich meine Produkte verkaufe", sagt er.

Die Mitglieder der solidarischen Landwirtschaft jedoch erhalten jede Woche eine Kiste mit den Produkten des Hofs. Dafür bezahlen sie übers Jahr einen festen monatlichen Beitrag – zwischen 60 und 120 Euro. Mit diesen Beträgen kann der Landwirt fest kalkulieren und wird damit unabhängig vom Zwischenhandel und den dort geltenden Marktmechanismen.

Jeden Dienstag werden die Kisten gepackt, die je nach Jahreszeit zwischen drei und viereinhalb Kilo Gemüse enthalten, ausreichend für eine vierköpfige Familie. Abgeholt werden sie auf dem Lichtacker, einige Kisten auch in Staufen auf dem Markt.

Maschinen nur im Notfall

"Das Tolle ist, dass die meisten unserer Mitglieder wirklich aus der Nähe kommen", sagt der Kleinstbauer. Wichtig ist ihm auch der Kontakt. Während der ersten Wochen der Corona-Pandemie sei der Lichtacker für viele Kunden zu einer Oase der Hoffnung geworden, sagt Selinger etwas pathetisch. "Man war froh, mitarbeiten zu können und die Pflanzen wachsen zu sehen".

Zu Selingers Konzept einer Kleinstlandwirtschaft gehört wenig Maschineneinsatz. Fest angestellt ist der Demeter-Landwirt Carlos Mayans Torres, Sven Kraft unterstützt bei der Vermarktung. Allen ist neben der nachhaltigen Gemüseproduktion, der Verbesserung des Bodens, der Gewinnung des eigenen Saatguts, dem Pflanzen von Hochstammbäumen, die sie mit alten Sorten selbst veredeln, auch der soziale Aspekt ihrer Arbeit wichtig.

"Die Gemeinschaft stärkt uns, Kinder sind ganz selbstverständlich dabei und erleben hautnah, wo die Lebensmittel herkommen, die sie essen", sagt Selinger. Oft hat er auch Besuch von Leuten, die einen ähnlichen Betrieb aufbauen wollen, mit denen teilt er seine Erfahrungen gern. "Viele sagen, was ich mache, geht nicht. Ich bin stolz darauf, dass ich jeden Tag das Gegenteil beweisen kann", sagt Selinger.
Michels Kleinsthof am Ortsausgang Tunsel Richtung Schlatt, erster Weg rechts,
Tel.: 01799435647,
http://michels-kleinsthof.de