Menschen

Vom Flüchtlingsheim an die Uni: Erijana Alievska studiert VWL in Freiburg

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 03. November 2022 um 13:00 Uhr

Freiburg

Lernen hat sie immer begeistert: Erijana Alievska stammt aus Mazedonien und studiert nun Volkswirtschaft in Freiburg. Der Gang an die Uni gelang ihr durch gute Noten und dank des Vereins "Mikixx".

Früher, als es am Platz der Alten Synagoge noch die Wiese mit vielen Studierenden gab, war Erijana Alievska (19) von dem Ort fasziniert: "Leute, die studieren, fand ich immer toll", sagt sie. Nun ist sie selbst Studentin im ersten Semester. So selbstverständlich wie für andere ist das für sie nicht: Ihre Familie ist aus Mazedonien eingewandert, Erijana Alievska ist die Erste, die studiert. Unterstützung bekam Erijana Alievska vom Verein "Mikixx", der lernmotivierte Kinder mit Migrationshintergrund fördert.

Die Begeisterung fürs Lernen begann früh: Als Erijana Alievska in die Schule kam, hat sie vor Freude nicht geschlafen. Damals lebte sie in Nordmazedonien. Kurz vor ihrem neunten Geburtstag zogen ihre Eltern – die Mutter Kosovo-Albanerin, der Vater Mazedonier – mit ihren vier Kindern 2012 nach Freiburg. Hier kam noch ein fünftes Kind zur Welt, Erijana Alievska ist die Älteste. Sie erinnert sich, wie "grauenvoll" sie es fand, dass sie plötzlich in der fremden Umgebung nichts mehr verstand. Ihre Cousins, die schon länger hier lebten, brachten ihr bei, auf Deutsch zu zählen, und in der Flüchtlingsunterkunft an der Hermann-Mitsch-Straße bekam sie bei der Hausaufgabenbetreuung von den Sozialarbeiterinnen viel Lob.

Verein Mikixx kümmert sich gezielt um Grundschulkinder aus Migrationsfamilien

Nur kurz ging sie in eine Vorbereitungsklasse und wechselte dann in die dritte  Klasse der Tulla-Grundschule. Dort war ihre Klasse international gemischt, Erijana Alievska ging gerne hin: "Ich habe die Schule geliebt", sagt sie. Weil ihre Lehrerin schnell merkte, wie motiviert Erijana Alievska war, schaltete sie 2013 den Verein Mikixx ein. Seit 2007 kümmern sich Ehrenamtliche gezielt um Grundschulkinder aus Migrationsfamilien. Bisher gingen 61 Prozent der so geförderten Kinder aufs Gymnasium, 32 Prozent auf Realschulen – laut Mikixx sind das deutlich höhere Quoten als sonst bei Kindern aus Migrationsfamilien.

Erijana Alievska wusste anfangs nicht, warum sie einmal in der Woche von Marita Steinberg-König aus dem Unterricht geholt wurde, zuerst zum Einzellernen in einem Extra-Raum, später außerhalb des Unterrichts. "Ich dachte, ich brauche Hilfe", sagt sie. Dass sie als begabt aufgefallen war, verstand sie erst später. Erijana Alievska genoss die Zeit mit Marita Steinberg-König: Den Unterricht, die zusätzlichen Freizeitausflüge. "Sie war für mich schnell die Oma, die ich nie hatte, und ein großes Vorbild, sie ist eine tolle Frau", schwärmt Erijana Alievska. Marita Steinberg-König ist pensionierte Lehrerin für Englisch und Geschichte, doch Erijana Alievska kam mit Fragen zu vielen Themen auf sie zu.

Ihr muslimischer Glaube ist ihr wichtig

Während Erijana Alievskas Zeit am St.-Ursula-Gymnasium begleitete Marita Steinberg-König sie weiter. Im Lauf der Jahre wurden die Treffen seltener, doch auch noch in der Zeit vor dem Abi haben sich die beiden mindestens einmal im Monat gesehen. Auch ihre Eltern seien mit Marita Steinberg-König und ihrem Mann befreundet, erzählt Erijana Alievska. Anfangs war ein Ratschlag von Marita Steinberg-König an Erijana Alievska gewesen, sich mehr deutsche Freundinnen zu suchen. So kam es, dass sie irgendwann nur noch Deutsch sprach. Deutschland ist längst ihre Heimat. Immer aber hat sie sich auch bewahrt, was ihr wichtig ist, vor allem ihren muslimischen Glauben. Seit sie aufs Gymnasium kam, trägt sie ihr Kopftuch, obwohl ihre Eltern skeptisch waren. Erijana Alievska hat nie Diskriminierungen erlebt, auch einen Job in einem Modegeschäft bekam sie problemlos.

Durch ihre guten Schulleistungen sicherte sie sich und in der Folge davon ihrer Familie den Aufenthalt in Deutschland. Nun will sie bald den deutschen Pass beantragen. Sie hat sich für ein Volkswirtschaftsstudium entschieden, weil sie im Wirtschaftsunterricht die "logischen Gedankengänge" mochte. Und sie träumt davon, irgendwann ein Unternehmen zu gründen – und dann gezielt Menschen einzustellen, die weniger Chancen als andere haben.
Mikixx: Zurzeit unterstützt der Verein Kinder an sechs Grundschulen. Gesucht werden neue Engagierte, Hauptthema ist die sprachliche Förderung, auch außerschulische Aktivitäten wie Theater- und Museumsbesuche oder Lesewettberwerbe gehören dazu. Weitere Infos: www.mikixx.de