Von der Nothilfe zur Erfolgsstory

Dominique Spirgi

Von Dominique Spirgi (sda)

Do, 22. August 2019

Basel

Der Basler Kunstkredit, geschaffen als Hilfe für darbende Künstler, existiert t 100 Jahre und hat heute wichtige Vermittlungsfunktionen.

BASEL. Er ist ein Baustein der Basler Kultur- und Stadtpolitik: der Kunstkredit. Mittlerweile existiert das Instrument 100 Jahre (Hintergrund). Zunächst als Nothilfe für darbende Künstler gedacht, hat das Fördergefäß inzwischen bleibende Spuren im Basler Stadtbild hinterlassen und wiederholt Kontroversen stimuliert. Am 22. August wird das Jubiläum mit einem Festakt im Kunstmuseum gefeiert.

Ein Schnauz erregte 1950 die Gemüter in Basel. Es handelte sich um die Gesichtsbehaarung in der Darstellung eines Schmieds im Sgraffito "Das Meer" des Basler Künstler Max Kämpf (1912-1982). Die Symbolfigur für das Handwerk war Teil eines Wandgemäldes für die frühere Basler Handelsschule. Das Werk war zuvor im Wettbewerb des Basler Kunstkredits mit dem 1. Preis ausgezeichnet worden. Grund der Erregung war, dass der Kopf mit dem Oberlippenbart manche an das Konterfei des sowjetischen Diktators Josef Stalin erinnerte. Angestachelt von empörten Artikeln in der Tagespresse verfügte die Basler Regierung sodann, diesen Teil des Sgraffitos zu eliminieren. Kämpf wurde erst nach der Aktion informiert.

Kämpf ist nicht der einzige Künstler, der im Laufe der Kunstkredit-Geschichte in Skandale reingezogen wurde. Auch Niklaus Stoecklin (1896-1982) sorgte 1920 als einer der ersten unterstützten Künstler überhaupt für Debatten. Die Darstellung sich küssender Paare für die Eheverkündigungs-Tafel auf dem Münsterplatz wurde als anstößig empfunden. Im August 1921 wurde ein Farbanschlag auf das Fresko verübt. Kontroversen dieser Art gibt es bis in die Gegenwart. 1976 erreichten sie einen Tiefpunkt, als die grellbunt bemalte abstrakte Polyesterplastik "Lieu dit" von Michael Grossert (1926-2014) auf der Heuwaage mit Schmähworten gegen den Kunstkredit verschmiert wurde. Das Ganze artete zum Politikum aus: Der Große Rat stimmte deutlich einem Antrag zu, den Kunstkredit aus Protest um einen symbolischen Franken zu kürzen.

Andererseits wurden viele der öffentlichen Werke wohlwollend aufgenommen. Ein bekanntes Beispiel ist die 1980 fertiggestellte Bronzeskulptur "Helvetia auf Reisen" von Bettina Eichin am Kleinbasler Kopf der Mittleren Brücke. Die konventionelle Machart und die gute Verständlichkeit sorgten dafür, dass diese von Beginn an mehrheitsfähig war. Das gilt aktuell auch für den Bronze-Seelöwen von Urs Cavelti. Seit 2017 balanciert das naturalistisch dargestellte Tier auf seiner Schnauze am Rand der Außenterrasse des Schulhauses Erlenmatt. Der Künstler spielte bewusst mit dem Umstand, dass Seelöwen-Skulpturen in Parks oder auf Spielplätzen allgegenwärtig sind.

Aufträge für Kunst am Bau oder Kunst im öffentlichen Raum machen nur einen, wenn auch den von der Öffentlichkeit am meisten beachtete Teil der Kunstförderung durch den Kunstkredit aus. Daneben vergibt die Kunstkreditkommission Werk- und Projektbeiträge sowie sporadisch den Basler Kunstpreis. Zudem wird mit weiteren Kantonen der Wettbewerb um den Schweizer Performancepreis organisiert. Dazu kommen jährlich Ankäufe von Werken von Basler Künstlern. Zum Teil hängen diese in Büros der Kantonsverwaltung oder sind in öffentlichen Gebäuden ausgestellt. Die Liste der Künstlerinnen und Künstler in der Sammlung des Kunstkredits gleicht einem Who’s who der Nordwestschweizer Kunstszene. Darunter sind auch bekannte Namen wie Jean Tinguely, Meret Oppenheim, Miriam Cahn oder Rémy Zaugg, dem das Kunstmuseum derzeit eine Ausstellung widmet (BZ vom 19. August) – alles Kunstschaffende, deren Werke auch in international bedeutenden Sammlungen vertreten sind.

Ausstellung: bis 1. September ist in der Kunsthalle Basel (Steinenberg 7) unter dem Titel "Blind Date" die Jahresausstellung des Kunstkredits zu sehen, Di - Fr 11 bis 18 Uhr, Do bis 20.30, Sa/So 11 bis 17 Uhr. Zum 100. Geburtstag wurden zudem rund 500 Werke im Internet zugänglich gemacht unter: