BZ-Interview

Dehoga-Vorsitzender: "Die Gastronomen sind deprimiert bis verzweifelt"

Ursula Freudig

Von Ursula Freudig

Mi, 13. Mai 2020 um 14:39 Uhr

Gastronomie

Vom 18. Mai an dürfen Gaststätten und ab 25. Mai Hotels wieder öffnen. Hermann Pfau, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Waldshut, fordert einen staatlichen Rettungsschirm für Gastronomiebetriebe.

BZ: Herr Pfau, wie viele Gastronomiebetriebe gibt es im Landkreis Waldshut und was ist Ihre Aufgabe als Vorsitzender?

Pfau: Es gibt im Landkreis Waldshut rund 650 Gastronomiebetriebe, davon sind rund 390 in der Dehoga zusammen geschlossen. Insgesamt beschäftigen die Betriebe rund 2600 Mitarbeiter. Meine Aufgabe als Vorsitzender der Dehoga ist politische Lobbyarbeit und die Informationsvermittlung an Mitglieder sowie die Rechtsvertretung und Beratung der Mitglieder. Seit 20. März sind wegen der Corona-Krise Hotels und Gastronomiebetriebe geschlossen.

BZ: Sie selbst sind Inhaber eines Hotels, wie geht es Ihnen?

Pfau: Es ist ungewohnt ruhig in unserem Hotel. Bei aller Tragik versuchen wir, einen klaren Kopf zu behalten und das Beste aus der Situation zu machen. So bieten wir seit sieben Wochen wie viele andere Betriebe auch, rund 60 sind mir im Landkreis Waldshut bekannt, einen Abholservice an. Unter http://www.support-your-local-gastro.com findet man die Betriebe, die im Kreis Waldshut diesen Service bieten. Ein Abholservice fängt aber nur einen kleinen Teil des fehlenden Umsatzes auf, bei mir sind es etwa 15 Prozent. Wir würden uns freuen, wenn die Bürger uns noch mehr unterstützen würden, indem sie Essensangebote zum Mitnehmen nutzen.

"Rund 98 Prozent aller Beschäftigten in unserer Branche sind in Kurzarbeit."

BZ: Wie ist die Stimmung in Ihrer Branche und wird die Schließung der Gastronomiebetriebe als folgerichtig angesehen?

Pfau: Die Gastronomen und Hotelbesitzer sind deprimiert bis verzweifelt. Die ersten Wochen haben wir die Schließung der Lokale und Hotels nachvollziehen können, doch bezüglich eines Wiedereröffnungstermins hat man uns zu lange perspektivlos im Ungewissen gelassen. Wie jede Branche brauchen wir einfach Umsätze, um über die Runden zu kommen.

BZ: Welche Auswirkungen haben die Schließungen bislang in den Betrieben?

Pfau: Rund 98 Prozent aller Beschäftigten in unserer Branche sind in Kurzarbeit. Jeder Betrieb versucht dadurch, Entlassungen zu vermeiden. Die konsequente Schließung der Betriebe im Zuge des Corona-Beschränkungen ist für alle ein Problem, egal ob Wellness-Hotel, Gasthaus, Kneipe, Bar, Catering-Service oder Sterne-Restaurant. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga nennt die Zahl von 10 000 Betrieben in Baden-Württemberg, die aufgeben müssen.

"Wir brauchen einen staatlichen Rettungsschirm für alle Gastronomiebetriebe"


BZ: Es gibt jetzt fortschreitend für viele Bereiche und Branchen Lockerungen der Corona-Beschränkungen, was gilt für das Gastronomiegewerbe?

Pfau: Endlich haben wir erfahren, dass wir am 18. Mai unsere Restaurants und am 29. Mai unsere Hotels wieder öffnen dürfen. Sobald wir die genauen Anforderungen des Landes erhalten, wird jeder Betrieb bezüglich Tischabstand, Desinfektion und Mundschutz eine Lösung finden. Die Abstandsregelung, Hygienevorschriften und deren Einhaltung sind für uns in einer lebensmittelbearbeitenden Branche Alltag. Ein detaillierter Fahrplan ist in Bearbeitung.

BZ: Und das Kontaktverbot besteht weiter?

Pfau: Ja, aber die Lockerung ermöglicht es, sich mit einer weiteren Familie zu treffen. Allgemein gehen wird davon aus, dass die Bürgerinnen und Bürger wie bisher auch Disziplin und Eigenverantwortung zeigen.

BZ: Werden es Ihrer Einschätzung nach alle Betriebe schaffen, nach den Lockerungen wieder Fuß zu fassen?

Pfau: Im Moment geht der Hotel-und Gaststättenverband davon aus, dass 30 Prozent der Betriebe nicht mehr öffnen werden, wenn keine staatliche Hilfe kommt. Ab 1. Juli gilt, limitiert für ein Jahr, der seit Jahren geforderte reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf Speisen. Das reicht aber nicht. Wir brauchen einen staatlichen Rettungsschirm für alle Gastronomiebetriebe, denn bis zum Öffnungstermin waren unsere Betriebe in der Summe neun Wochen ohne Selbstverschulden geschlossen. Ein nicht getätigter Restaurantbesuch oder eine nicht erfolgte Übernachtung sind am nächsten Tag vorbei, sie können nicht verschoben werden wie zum Beispiel der Kauf eines Produktes.

BZ: Welche Bedeutung hat Ihre Branche für den Arbeitsmarkt?

Pfau: Gastronomie und Hotellerie sind in Deutschland einer der größten Arbeitgeber. Wir verzeichnen mehr Arbeitsplätze als die Automobilbranche. Für die Sicherstellung der Arbeitsplätze unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um die wir uns alle sehr sorgen, brauchen wir finanzielle Unterstützung.

BZ: Werden dieses Jahr die Einschränkungen in der Gastronomie aufgehoben?

Pfau: Nein, ein Zurück zur Normalität wäre zwar wünschenswert, aber ich denke, dass wir dieses Jahr und darüber hinaus, mit Einschränkungen leben müssen, die für alle mit Umstrukturierungen und einem Aufwand verbunden sind. Das Gebot der Stunde und der Zukunft lautet: Abstand.

BZ: Wird die Gastronomie- und Hotelwelt nach Corona eine andere sein als jetzt?

Pfau: Nein, wir Gastronomen und Hoteliers nehmen die aktuellen Herausforderungen in der Form an, dass nach Überstehen der Krise ein Besuch in unserer Gastronomiewelt wieder Genuss, Vertrauen und Freude schenken wird.
Hermann Pfau (52) wurde in Tiengen geboren. Der Küchenmeister ist Inhaber des Hotels "Feldeck" in Lauchringen. Seit 2002 ist er Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, Kreisstelle Waldshut.