Film

"Freiburgerinnen mit Hintergrund" erzählen von Ausgrenzung

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 09. Oktober 2020 um 12:53 Uhr

Freiburg

Im Freiburger Kommunalen Kino hatte der Film "Freiburgerinnen mit Hintergrund" Premiere, wegen Corona vor nur 20 Zuschauern.

Sie heißen Iman Ouadria, Turpikai Kabiri, Tú Qùynh-nhu Nguyen und Sagal Adow, und sie sind "Freiburgerinnen mit Hintergrund". Im gleichnamigen Film, produziert vom Verein "Fairburg" für die Interkulturelle Woche, erzählen vier Frauen von der Verbundenheit zu ihrer Heimatstadt. Und vom Alltagsrassismus, hier und überall. Premiere war am Mittwochabend vor einem wegen Corona nur 20-köpfigen Publikum im Kommunalen Kino, mitsamt einem Filmgespräch über Zoom.

Sind sie wütend wegen der Ausgrenzungserfahrungen, die sie immer wieder erleben? Was machen sie mit ihrer Wut? Und was können diejenigen ohne Migrationshintergrund tun, wenn jemand rassistisch angegriffen wird? Die junge Frau, die im Zoom-Gespräch diese Fragen stellt, überlegt, ob es übergriffig sein könnte, sich dann einzumischen. Doch die vier Frauen aus dem Film, die auf der Bühne im Kommunalen Kino stehen, sind sich einig: Auf jeden Fall sollten sich alle immer einmischen.

Und zwar so, dass klar wird: Nicht wer angegriffen wird, hat ein Problem. Das Problem ist der Rassismus. "Und davon bist du genauso betroffen wie wir, denn ohne die Weißen gäbe es keinen Rassismus", bringt Tú Qùynh-nhu Nguyen in ihrer Antwort an die junge Frau ihre Sicht der Dinge auf den Punkt.

Sie studiert Erziehungswissenschaften, reflektiert in ihrer Masterarbeit die kolonialen Strukturen in der Sozialarbeit, die ihrem Eindruck nach geprägt sind vom Ziel, andere zu "integrieren" und ihnen zu "helfen", was im Widerspruch stehe zu einem Umgang auf Augenhöhe. Das erlebe sie auch dann, wenn Kollegen überrascht seien, weil sie die Kollegin und nicht die Klientin sei, erzählt sie. Ganz zu schweigen von den Klischees, die viele mit asiatisch aussehenden Frauen verbinden.

Die leidige Frage nach den Hintergründen

Ihr Vater kam 1988 als Gastarbeiter aus Vietnam in die damals noch existierende DDR. Die leidige Frage nach den Hintergründen: Immer wieder neu schafft sie für die vier Frauen im Film eine Kluft zwischen ihnen und denen, die sie stellen. Jedes Mal empfinden sie dann, dass sie nicht dazugehören aus Sicht der anderen. Doch wie reagieren sie darauf?

Sagal Adow, die gerade ihr Abi gemacht hat, in Österreich Medizin studieren will, in Freiburg geboren wurde und nur einmal in ihrem Leben in Somalia die frühere Heimat ihrer Familie kennengelernt hat, erzählt, wie sie in einem Eiscafé von einem Mann angespuckt wurde, der rief: "Geh zurück in dein Land."

Sie hat sich seit langem angewöhnt, nach außen hin immer freundlich zu bleiben, im Bewusstsein, dass sie nie nur für sich verantwortlich ist, sondern als Repräsentantin angesehen wird. Über ihre Wut spricht sie mit ausgewählten Menschen: "Denn wenn du das nur in dich reinfrisst, zerstörst du etwas in dir." Auch Turpikai Kabiri, die 1980 als 14-Jährige mit ihrer Familie aus Afghanistan floh, in Freiburg ein Kosmetikstudio mit vier Angestellten aufbaute, sich dann auf ihren muslimischen Glauben konzentrierte und ein Waisenhaus in Afghanistan gründete, kennt die wiederkehrenden Erfahrungen, als "anders" abgestempelt zu werden.

Auf Verständnis treffen sie bei denen ohne Migrationsgeschichte meist nur dann, wenn es um krasse Vorfälle gehe, erzählen sie, weniger beim Alltagsrassismus. Deshalb war es Iman Ouadria, die vor einem Jahr ihr Abi und dann einen Freiwilligendienst in Izmir gemacht hat, algerische Wurzeln hat und Botschafterin der Interkulturellen Woche ist, so wichtig, einen Schwerpunkt des Films auf den Rassismus zu legen. Und doch zeigt der Film viel mehr und vermittelt in einer Stunde kurze, aber lebendige Eindrücke von vielschichtigen und selbstbewussten "Freiburgerinnen mit Hintergrund". Voraussichtlich wird er nochmal im Kommunalen Kino und irgendwann dauerhaft Online zu sehen sein, sagt Regisseurin Jenny Warnecke vom Verein "Fairburg".