Systemfehler

Die Lörracher Kreiskliniken müssen 10.372 Euro Schmerzensgeld zahlen

Willi Adam

Von Willi Adam

Do, 10. September 2020 um 18:06 Uhr

Kreis Lörrach

Das Landgericht Freiburg sah es als erwiesen an, dass ein Mann vor vier Jahren im Lörracher Krankenhaus starb, weil er falsch behandelt wurde. Es habe große Mängel im Krankenhausablauf gegeben.

Die Kliniken des Landkreises Lörrach müssen der Familie eines verstorbenen Patienten 10.372 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz bezahlen. Dies entschied das Landgericht Freiburg im Fall eines Mannes, der mit Verdacht auf Herzinfarkt und entgleister Diabetes in die Notaufnahme eingeliefert wurde, in der Klinik jedoch nur auf Lungenentzündung diagnostiziert wurde und am Abend des Folgetags starb.

Ein Gutachter hatte in der mündlichen Verhandlung dem Klinikum schwerwiegende Systemfehler nachgewiesen. So ist zu erklären, dass das Landgericht Freiburg der Klage gegen das Haus stattgab, nicht jedoch den Klagen gegen einzelne Ärzte. Für eine erfolgreiche Klage gegen einzelne Ärzte hätten ihnen nicht nur Fehler nachgewiesen werden müssen, wie sie das Gutachten eindeutig belegte. Vielmehr hätte es sich um grobe Fehler handeln müssen. Diese Annahme ergibt sich aus dem Urteil und aus der mündlichen Verhandlung. Eine ausführliche Urteilsbegründung des Gerichts liegt noch nicht vor.

Große Mängel im Krankenhausablauf nachgewiesen

Der Zivilsenat des Landgerichts Freiburg mit der Vorsitzenden Richterin Dorothee Granderath hatte zum Abschluss der mündlichen Verhandlung einen Vergleich mit einer Zahlung von 10.000 Euro vorgeschlagen, der nur wenig unter der jetzt im Urteil festgesetzten Summe lag. Der Familie des Verstorbenen war es jedoch "nicht um das Geld gegangen, sondern um die kritische Überprüfung der Abläufe im Krankenhaus", wie deren Anwalt Sascha Berst-Frediani betont.

In diesem Sinn hatte die mündliche Verhandlung und dabei vor allem der Vortrag des Gutachters Thomas Wittlinger zumindest für den Zeitpunkt des Vorfalls vor fast vier Jahren große Mängel im Krankenhausablauf belegt. So hat ein junger Assistenzarzt bei der Aufnahme Untersuchungen versäumt, mit denen laut Gutachter der Herzinfarkt zweifelsfrei hätte nachgewiesen werden können.

Die Sicherungssysteme fehlten

Dieser Fehler war nach Erfahrung und Wissensstand des jungen Arztes individuell kein grober Fehler. Auch sei es in deutschen Krankenhäusern üblich, dass unerfahrene Assistenzärzte in den Notaufnahmen eingesetzt würden. Allerdings müsse es dafür Sicherungssysteme geben, die in diesem Fall nicht funktioniert hätten oder nicht vorhanden gewesen seien, hatte der Gutachter in der mündlichen Verhandlung gesagt. In der Folge der ersten Fehleinschätzung wurde der damals 74-jährige, akut herzkranke Mann nur auf Lungenentzündung behandelt und von einem Oberarzt in eine geriatrische Station verlegt. Eigentlich wäre eine Überwachung mit weiteren Herzuntersuchungen angezeigt gewesen.

Nach dem Tod wurden bei einer Autopsie in Basel der Herzinfarkt, Wasser in der Lunge und die entgleiste Diabetes nachgewiesen. Wegen des komplizierten Krankheitsbilds hat sich im Nachhinein nicht mehr zweifelsfrei sagen lassen, ob der Mann ohne Behandlungsfehler überlebt hätte. Die vergleichsweise geringe Summe ergibt sich auch aus dem Umstand, dass nach damaliger Rechtslage Schmerzensgeld an die Angehörigen nicht für den Tod, sondern nur für das Leiden des unbemerkt gestorbenen Mannes in seinen letzten Stunden zu bezahlen ist.