Virusforschung

Kann ein Antigen-Test helfen, die Corona-Krise zu meistern?

Michael Brendler

Von Michael Brendler

Di, 31. März 2020 um 11:28 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Um die Corona-Krise in den Griff zu bekommen, sollte laut der WHO massenhaft getestet werden. Doch die Testkits sind knapp, die Maschinen überlastet. Kann der sogenannte Antigen-Test helfen?

"Du kannst kein Feuer löschen, von dem du nicht weißt, wo es brennt", warnte vor kurzem der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Testen, testen, testen!", laute deshalb das Motto im Kampf gegen die Pandemie.

Die Südkoreaner haben es vorgemacht. Noch im Februar zählte das Land die zweitmeisten Infizierten. Dann startete Südkorea eine beispiellose Testoffensive: Mit 5477 Tests pro Million Einwohner hält das Land einen einsamen Weltrekord. Das Leben im Rest des Landes konnte deshalb relativ normal weitergehen.

Wer von seiner Infektion nichts weiß, wird das Virus ahnungslos in der Welt verbreiten

Aktuell hat man die Epidemie im Griff, das können nicht viele Staaten von sich behaupten. Einer neuen Studie zufolge haben sich 44 Prozent der Infizierten bei jemandem angesteckt, der noch keine Symptome hatte. Bezieht man milde Symptome mit ein, sprechen andere Studien gar von Zweidrittel der Infektionen. Verhindern lasse sich so etwa nur mit einem Kraftakt wie in Südkorea, sagt die Epidemiologin Emma Hodcroft.

Denn solche symptomlosen Überträger ließen sich nur dann herausfiltern, erklärt sie, wenn jeder die Chance auf einen Test bekommt, egal ob mit oder ohne Krankheitsanzeichen. Wer von seiner Infektion nichts weiß, wird das Virus ahnungslos in der Welt verbreiten.

Und auch, ob Maßnahmen wie Schulschließungen und Social Distancing ihren Zweck erfüllen, wisse man nur, wenn die Ausbreitungswege des Virus nachvollziehbar bleiben, sagt die Wissenschaftlerin, die am Biozentrum der Universität Basel die Ausbreitung des Erregers simuliert. Das Berliner Robert-Koch-Institut, RKI, hat sich trotzdem für einen anderen Kurs entschieden. Laut dessen Vorgaben sollen Ärzte nur noch Menschen Rachen- und Nasenabstriche entnehmen, die nicht nur Husten, Fieber oder andere Verdachtssymptome haben, sondern bei denen durch den Kontakt mit Infizierten eine Ansteckung auch wahrscheinlich ist – oder, wenn sie Teil einer Risikogruppe sind. Und selbst dieser restriktive Kurs ist zunehmend nicht mehr durchzuhalten.

Zunächst waren das Nadelöhr nur die Maschinen. Zunehmend mangelt es aber weniger an Geräten, sagt Daniela Huzly, die Leiterin der Virus-Diagnostik an der Uniklinik Freiburg, sondern an Nachschub, um sie zu betreiben. Für ihre Untersuchungen sind sie und ihre Kollegen auf Test-Kits und Reagenzien angewiesen. Immer mehr Chemikalien und Ersatzteile werden knapp, weil die Produzenten, die vor allem in China und den Vereinigten Staaten sitzen, die Lieferungen schuldig bleiben.
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Mit großem Rummel hat vor kurzem das Pharmaunternehmen Roche sein neues Roboter-Labor Cobas in die Corona-Diagnostik eingeführt – es schafft 4000 Tests in 24 Stunden. Und kommt jetzt vielerorts wie an der Uniklinik Freiburg und im Kanton Bern mit der Lieferung der Test-Kits nicht hinterher. Baden-Württemberg hat angesichts dieser Engpässe bereits seine offiziellen Empfehlungen geändert. Dort sollen jetzt nur noch Patienten der Risikogruppen und medizinische Angestellte getestet werden.

Selbst wenn sich die Nachschubprobleme lösen lassen, wird die RKI-Linie in ganz Deutschland nicht mehr lange durchzuhalten sein. Es zeichnet sich der Zeitpunkt ab, an dem die PCR-Geräte bereits damit ausgelastet sind, die schweren Verdachtsfälle zu prüfen – solche Ausmaße hat die Epidemie schon erreicht. Menschen mit Husten und Fieber würden dann nach Hause geschickt, um abzuwarten, ob die Krankheit sich verschlimmert.

Blutuntersuchungen erfassen die frischen Infektionen nicht

Die Opfer dieses Kampfes um verbleibende Kapazitäten drohen schon jetzt diejenigen zu werden, die die Tests am notwendigsten bräuchten, berichtet Daniela Huzly aus ihrer täglichen Praxis. Menschen, die mit Atemproblemen in die Krankenhäuser eingeliefert werden und bei denen die Antwort auf die Frage, ob es Covid-19 ist, entscheidend dafür ist, welche Therapie eingeleitet wird .

Eine mögliche Alternative wären Blut-Untersuchungen, mit denen die vom körpereigenen Immunsystem gebildeten Antikörper gegen das Virus nachgewiesen werden. Diese Schnelltests werden schon im Internet angeboten. Schon nach 20 Minuten, verspricht ein Anbieter, habe man Gewissheit, ob man infiziert ist oder nicht. Es reicht, zwei Tropfen Blut auf ein Kästchen aufzubringen, ein roter Streifen zeigt, ob man positiv ist. Das Verfahren misst die Antikörper, mit denen sich das Immunsystem gegen den Erreger wehrt. Die werden aber erst am Ende der ersten Erkrankungswoche gebildet. Eine frischere Infektion wird also übersehen.

Zudem haben die Tests eine gewisse Fehlerrate, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten dem NDR. 13 Prozent der Infizierten werden übersehen – und das sind nur Herstellerangaben. Der Vorteil aller Antikörper-Tests: Sie verraten nachträglich, ob jemand infiziert gewesen ist.



Christian Drostens große Hoffnung ist dagegen ein sogenannter Antigen-Test. Auch an ihm wird gearbeitet, er würde nicht mehr das Erbgut, sondern die Eiweiße des Erregers aufspüren. Aussehen soll das wie eine Art Schwangerschaftstest, auf den das Abstrich-Material aufgebracht wird. Herzstück dieser Tests ist eine Membran mit Antikörpern, die nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip das Virus aufspüren.

Weil die Viren sich so rasant vermehren, ist Drosten zuversichtlich, dass die Teststreifen schon zwei, drei Tage nach einer Infektion Erreger nachweisen. In Taiwan und den USA werden gerade vielversprechende Kandidaten entwickelt. Ab Mai oder Juni könnten die ersten Produkte verfügbar sein, prognostiziert Drosten, dann wäre die Massentestung umsetzbar.