Familienrezept zur Holunder-Saison

Leckeres aus Holunder: Ein Geheimrezept wird gelüftet

Ronja Vattes

Von Ronja Vattes

So, 10. Mai 2020 um 07:00 Uhr

Gastronomie

Das Leben wird leichter, lichter und einfach: dufte! Verführerisch zart verströmen jetzt im Frühling die frischen Holunderblüten ihren Duft. Und verheißen ganz besondere Genüsse. Eine Liebeserklärung.

Es gibt Geheimnisse, die werden nur ungern verraten und erst recht höchst widerstrebend geteilt...

Was war ich erleichtert, dass meine Kinder auf diese schrecklich schmierige Nuss-Nougat-Creme standen, die es ausnahmsweise zum Sonntagsfrühstück gab. Für die kleinen Gläschen mit dem sanftgelben Gelee interessierten sie sich lange nicht. Und ich gab mir Mühe, betont beiläufig und höchst sparsam davon zu verwenden.

Die Gläschen sind mein Schatz, mein Glück im Glas

Jedes Jahr, wenn die ersten warmen Wochen übers Land ziehen fühle ich mich wie eine Spionin, die auf der Lauer liegt. Bei jeder Autofahrt, jedem Familienausflug und jeder Radtour scanne ich die Natur: Na, ist da nicht etwas Weißes zu sehen? Meist sind es anfangs bloß olle Schlehen. Aber da: Knospen da nicht doch schon ein paar zarte Blüten? Und dann endlich: Erlösung – die ersten Holunderblüten gehen auf!

Und ich weiß: Rund 40 Kilometer entfernt hat auch meine Mama sie erspäht. Und sie wird nun losziehen, die Blütendolden tütenweise bei Nachbarn, an Böschungen und in der freien Landschaft abknipsen, um daraus den besten Brotaufstrich der Welt zu köcheln: mein geliebtes Holunderblütengelee.

Liebe in Gelee-Form

Wie jedes Jahr werde ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen haben. Weil sie das alles nur für mich macht – sie selbst isst kaum etwas davon, freut sich aber umso mehr, dass ich von ihrem Rezept so begeistert bin. Und hat in schweren "Heul!-Ich-hab-nix-mehr!"-Notzeiten immer noch irgendwo im Schrank hinter den Töpfen ein Gläschen versteckt. Inzwischen ist meine Mama auch älter, sind meine Kinder auch größer geworden. Das birgt zwei Probleme: Meine Mama wird das alles irgendwann nicht mehr können – und meine Kinder beginnen, mir das Holunderblütengelee wegzufuttern.

Kinderleicht herzustellen: Holunderblüteneis

Mehrfach habe ich schon auf Wochenmärkten, in Reformhäusern, im Supermarkt und selbst im Feinkosthandel das ein oder andere Gelee probiert: Keines kam an den Geschmack von Mamas bestem Holunderblütengelee heran. Die einen Anbieter mischen den zarten Holunderblütensud mit Apfelsaft, andere mit Traubensaft oder viel zu viel Zitrone – örgs! Das konnte ich selbst den Kindern nicht unterjubeln.

Der Älteste macht zum Glück noch immer einen Bogen ums Holunderblütengelee, statt dessen stellt er inzwischen jedes Jahr Holunderblüteneis her. Dafür braucht er nur eine Flasche Bio-Holunderblütensirup aus dem Drogeriemarkt und ein 500g-Glas Bio-Naturjoghurt (3,8 Prozent) aus dem Schwarzwald und je nach Geschmack noch etwas Zucker. Dann schüttet er das Joghurt in einen gefriertauglichen Plastikbehälter und rührt so lange vorsichtig von dem Holunderblütensirup unter, bis die Mischung schmeckt. Dann kommt das Ganze ins Eisfach, immer mal wieder umrühren, bis das Eis die richtige Konsistenz hat: fertig! Und gleich darauf: leer.

Unerreicht: Holunderblütentorte in St. Märgen

Und sein jüngerer Brüder schwärmt noch Jahre später von einer Fahrt in den Schwarzwald, als wir einen Zwischenstopp im Landfrauen-Café Goldene Krone in St. Märgen einlegten. Für ihn gab es dort "die weltbeste Eisschokolade", so sein glückliches Urteil. Und für mich ist die im Garten des Cafés verspeiste, sagenhaft gute Holunderblütentorte legendär und bislang unerreicht!

Jetzt ließe sich über die Holunderblüten noch allerlei Wissenswertes (soll bei Atemwegsinfekten und als Schwitzkur helfen) und mitunter auch Skurriles erzählen (im Volks- und Aberglauben etwa galt das Umschlingen des Holunders jungen Bäuerinnen als Mittel gegen Kinderlosigkeit, weiß Wikipedia).

Trotz Pandemie zum süßen Stoff

Das Wichtigste aber: Dieser Tage habe ich gemeinsam mit meiner Tochter (auch sie ist dem Gelee verfallen) meiner Mama unter Einsatz von Mundschutz und Desinfektionsmittel das Rezept abgeluchst sowie mehrere Gläser des frisch eingekochten Holunderblütengelees. Es fühlte sich an wie ein geheimer Besuch bei einem Drogendealer. Endlich wieder Stoff für ein Jahr.

Danke, Mama!
Rezept: Holunderblütengelee

Zutaten: 10–15 Blütendolden, 750 ml Wasser,
500 g Gelierzucker (Verhältnis 2:1), 1 Bio-Zitrone gut gewaschen und in Viertel geschnitten
Wichtig: Die Blüten sollten wirklich geöffnet sein – und nach dem Pflücken zügig verarbeitet werden, da sie schnell welken.
Zubereitung: Das kalte Wasser in einen großen Topf geben, den Gelierzucker ohne Wärmezufuhr darin auflösen, Zitronenstücke und die (je nach Pflückort lieber vorsichtig abgebrausten) Blütendolden hinzufügen und mindestens 8 Stunden (besser 12!) abgedeckt ziehen lassen.
Dann die Dolden und Zitronenstücke wieder entnehmen, alles sanft ausdrücken (geht am besten in einem Sieb über dem Topf) und die Flüssigkeit nach Packungsanleitung ca. 4 Minuten aufkochen, bis sie geliert (Schaum etwas abheben), zügig in saubere Marmeladengläser füllen und gut mit den Deckeln verschließen. Das zarte Holunderblütengelee passt am besten zu hellen Brötchen oder frischem Brot. Guten Appetit!

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