Die Stadt als Erfahrungsraum

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Mi, 12. Juni 2019

Lörrach

Kristin Wenzel zeigt auf dem Bahnhofsplatz und in der Galerie 143 Werke, die Architektur ins Bewusstsein bringen.

LÖRRACH. Zur Art Basel präsentiert Simone Czech in ihrer Galerie 143 die zweigeteilte Ausstellung "Display Gardens", in der sich die Künstlerin Kristin Wenzel skulptural und installativ mit der Stadt als Erfahrungsraum auseinandersetzt und Architektur als einen Ort ins Bewusstsein bringt, an dem Erinnerungen entstehen können. Die Zweigeteiltheit der Werkschau kommt bei der Vernissage am Samstag, 15. Juni, zum Tragen, die um 18 Uhr auf dem Bahnhofsplatz an der Vitrine am nördlichen Tiefgaragenabgang beginnt und um 19 Uhr in der Galerie 143 in der Rainstraße 21 ihre Fortsetzung findet.

Den Transitort, an dem man ankommt oder abfährt, bespielt Kristin Wenzel als Teil eins der Ausstellung temporär. Die seit langem leer stehende Vitrine dort stellte die Stadt zur Verfügung. Die Künstlerin entwickelte diese ortsspezifische Arbeit in den vergangenen drei Wochen zwischen Bahnhof und Baustelle. Teil zwei befindet sich in der Galerie. Die Künstlerin geht also in den Spagat und zeigt, dass man beides machen kann: nicht kommerziell im öffentlichen Raum arbeiten und im semi-öffentlichen Raum einer Galerie mögliche Käufer erreichen.

Wie sie Kunst von innen nach außen holt und auf diese Weise (Un-)Orte in der Stadt für die Bevölkerung zurückerobert, kann man als demokratische, nicht elitäre Art der Kunstpräsentation ansehen. In der Vitrine bietet die in Bukarest lebende Künstlerin eine Alternative zum Werbedisplay an.

Mit ihren Skulpturen und Installationen geht sie aber auch den entgegengesetzten Weg und bringt Architekturelemente von außen nach innen, also zurück in die Galerie und setzt beides in Kontext. Die Vitrine, auf die beim Eintritt der Blick fällt, ist als Referenz zu der auf dem Bahnhofplatz gemeint. "doom and gloom" nannte Wenzel das darin arrangierte Untergangsszenario, dem sich freundlichere Arbeiten anschließen. Ein an Neujahr aufgeklaubter Feuerwerkskörper mutet wie der vergessene Rest eines Kettenkarussells an, das man empathisiert. Auf diese Weise in eine Skulptur integriert, gibt die Künstlerin einem Überbleibsel einen neuen Charakter. Das Werk weckt aber auch andere Assoziationen, zum Beispiel an eine Unterwasserwelt.

Für ihre modellhaften Arbeiten sammelt Kristin Wenzel Dinge, Rollen zum Beispiel oder Fliesen aus den 1960er Jahren, die in Bukarest zuhauf von den Wänden fallen. Abgüsse davon werden zu Mosaiksteinen ihrer transformierten Architektur. Die Ausstellung begreift diese architektonischen Elemente – größtenteils Ausformungen aus den Ostblockstaaten – als Landschaften. Das erklärt sich daraus, dass die junge Künstlerin aus dem letzten Pionierjahrgang in Ostdeutschland aufgewachsen ist. Sie erlebte die Wendezeit aus kindlicher Sicht, liebt Beton, Nachkriegsarchitektur und Modernismus. Aus oben genannten Spezialarchitekturen, zum Beispiel den Nachbau der schweren Eisenlaterne, die noch heute auf dem Rathausplatz von ihrer Geburtsstadt Gotha steht und wie ein Alien wirkt, erbaut sie die Kulisse einer Bühne für ihre subjektiven Erinnerungen – auch wenn die nicht mehr allzu viel mit der Realität zu tun haben. Ihre Werke sind eben nicht von einem universellen, sondern einem individuellen Wahrheitsgehalt.

Am Ende ist es gar nicht wichtig, wo die Bausteine herstammen, weil jeder als Teil der Installation ein Eigenleben entwickelt und beim Betrachter andere gedankliche Verknüpfungen weckt. Über den Titel "Display Gardens" kam Kristin Wenzel auf die Idee, den rumänischen Künstler Vlad Brateanu einzuladen, zu dessen Fotoserie "Tree of heaven" sie ihre Arbeiten in Kontext setzt. Der "Himmelsbaum" parasitiert die Stadt Bukarest und findet überall seinen Weg. Er schlingt sich um Zäune und erobert sein Territorium auch in streng entwickeltere Architektur, was zeigt, wie flexibel und gleichzeitig stur er ist. Auf seinen Fotografien reflektiert und analysiert der Künstler die Bedingungen von Plastizität, Zurückhaltung und Spannung im Bereich der Natur.