Backbuch mit Klassikern

NACHSCHLAG: Die Rezepte der Bauersfrau

Ulrike Ott

Von Ulrike Ott

So, 11. April 2021

Gastronomie

Noch ein Backbuch? Und dann noch eins mit altbekannten Rezepten? Klassischer Marmor- und Apfelkuchen, Gugelhupf mit Rosinen, Apfelstreusel, Möhrentorte und Bienenstich. Was zunächst etwas langweilig erscheint, ist es überhaupt nicht. Im Gegenteil. "Nanettes Backbuch" ist eine Zeitreise und damit viel mehr als eine Aneinanderreihung bodenständiger Rezepte. Wer darin schmökert, blickt in den Alltag einer Landbäuerin, die viel erlebt hat. Und dabei Rezepte sammelte, von denen 120 in diesem wunderbar nostalgisch im Leineneinband aufgemachten Buch präsentiert werden.

Nanette Herz hieß die Bauersfrau mit dem kleinen Dutt. Ihr wurde mit diesem Werk posthum ein Denkmal gesetzt. Sie lebte im bayrischen Cadolzburg, hat sich ihr Leben lang mit Brauchtum und Tradition auseinandergesetzt und offenbar gerne Süßes genascht. Als sie 2018 im Alter von 91 Jahren starb, hinterließ sie einen Schatz an handgeschriebenen Rezepten, die in dem Buch zusammengefasst sind. Ihre Familie steuerte noch überlieferte Backtipps bei – etwa, dass Biskuit in einer ungefetteten Form gebacken werden sollte oder dass Hefeteig durch lauwarmen Joghurt oder Buttermilch etwas lockerer gemacht werden könne.
Zwischen den Rezepten mit Fotos, die wie Stillleben aus längst vergangenen Tagen aussehen, sind immer wieder alte Schwarz-Weiß-Abbildungen, die das ländliche Leben und die harte Arbeit aus den 1950er bis 60er-Jahren dokumentieren. In den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit kommt Nanette Herz nochmals selbst zu Wort. Kein Zuckerschlecken war das in jenen Tagen, in denen es allenfalls Muckefuck zur Kaffeetafel gab. Und sie erzählt von dem blauen VW-Käfer, das Auto, das der Familie ein paar Jahre nach dem Krieg etwas Unabhängigkeit schenkte und den ersten richtigen Urlaub an den Rheinfall in Schaffhausen möglich machte.

Torten wurden früher übrigens nur zu besonderen Gelegenheiten serviert – zum Beispiel die sahnegefüllte Haustorte, deren Teig neben Walnüssen, Zitronat und Orangeat aus gekochten und geriebenen Kartoffeln besteht. Nach Nanette Herz’ Meinung gehörte auf jede Kaffeetafel Käse- und Obstkuchen, aber auch kleine Butter- und Nusshörnchen oder knuspriges Schmalzgebäck. Den Krapfen und Küchle sind deshalb gleich mehrere Seiten gewidmet.

Einige der Rezepte sind handschriftlich mit Zubereitungsmengen und -arten verewigt, wie die ausführliche Beschreibung der Herstellung einer Donauwelle. Beim Lesen der Rezepte fühlt man sich wie beim Sonntags-Kaffeekränzchen bei der Oma: Man würde gern sofort Platz nehmen an Nanettes Kaffeetafel.

Stephanie Arlt: Nanettes Backbuch, die gesammelten Rezepte eine Landbäuerin, Ars Vivendi, 192 Seiten, 20 Euro