Von Küste und Kaiserstuhl

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 09. Juni 2019

Gastronomie

Der Sonntag Martin Winter verbindet in seinem Meer Gin Botanicals aus zwei Welten.

Es klingt wie ein Märchen, ist aber eine wahre Geschichte: Kapitän Martin Winter hat am Kaiserstuhl geankert und brennt dort seinen "Meer Gin" aus einer außergewöhnlichen Melange von aquatischen und südbadischen Aromen.

Das Blau des Meeres hat er eingefangen und es leuchtet in der kleinen Flasche mit dem goldfarbenen Segelschiff so verlockend, dass man sie augenblicklich entkorken möchte. Was dann passiert, erfreut die Nase wie eine frische Brise an der Küste: Wacholder, Anis und Pfeffer hat man bei einem Destillat wie diesem schon erwartet, doch Martin Winters "Meer Gin" macht seinem Namen Ehre und verblüfft darüber hinaus mit einer frischen Dosis Seeluft– komponiert aus einer dezenten Meersalz-Note und einem Hauch Algen. Den ätherischen Körper von Fichtennadeln schnuppern erfahrene Genießer noch ohne Hilfe ebenso heraus wie das Aroma von Zitrusfrüchten. Dann hilft Winter mit Hinweisen weiter, die sich auf die Grundidee seiner ungewöhnlichen Kreation beziehen, mit der er nie Mainstream sein wollte: "Meine Idee war es, die Aromen meiner alten Heimat im Norden mit der meiner neuen Heimat am Kaiserstuhl zu verbinden", erklärt er.

1967 in Plön geboren und an der holsteinischen Ostseeküste aufgewachsen, wollte Martin Winter schon immer zur See fahren. Zunächst studierte er in den USA, wurde Master of Business Administration Resource Management und ging dann zur Marine. Als Offizier bereiste er die Welt, erlebte auf der "Gorch Fock" eine fast einjährige Regatta der weltgrößten Segler, wurde Kommandant der Fregatte "Lübeck" und arbeitete zuletzt für die deutsche Vertretung bei der Nato in Brüssel. Nach Freiburg führte ihn 2010, damals noch unter dem Namen Martin Wilhelm, das deutsch-französische Gipfeltreffen und in das Weinhaus "Alte Wache" am Münsterplatz das breite Angebot feiner Destillate. Eine glückliche Entscheidung, denn hier traf er mit Geschäftsführerin Alixe Winter seine künftige Frau.

Für den Kaiserstuhl und die frühe Pensionierung entschied sich Martin Winter bald danach und wurde in Burkheim, dem Heimatort seiner Frau, sesshaft. Dass die Schnapsbirne aus dem Badischen und die Rapsblüte von der Schlei einst in einem besonderen Gin zusammenfinden würden, war anfangs noch nicht abzusehen: "Meine Frau ist Küferin und der Schwiegervater war bereits leidenschaftlicher Brenner. Mich hat die neue Welt des Genusses und der Sensorik sehr fasziniert", erzählt Winter. Bevor er die Prüfung zur "Staatlich geprüften Fachkraft für Brennereiwesen" in Offenburg ablegte, arbeitete er als Vertriebschef beim Weingut Franz Keller und beim Etikettenhersteller Vollherbst. Wissen, das auch in die Entwicklung des eigenen Labels einfloss, das den Namen "Winters Brandschätze" trägt.

Winter mag Sprachspiele und über jenes mit dem Umwidmen des negativ besetzten Begriffs aus dem Seeräuber-Vokabular freut er sich ebenso wie über die blaue Färbung des Destillats mit einer Essenz aus Spirulina-Algen. "Das mineralische Aroma erhält der Gin übrigens durch weiße Herzmuscheln. Meine Eltern, die noch an der Ostsee wohnen, sammeln sie für mich und schicken sie mir", sagt Martin Winter und ergänzt: "Mit dabei sind aber auch Heideröschen, die dort oben auf den Steinwällen wachsen." In der Tat eine ungewöhnliche Komposition, in der viel Herzblut und eine dreijährige Entwicklungsphase stecken. Man mag des Gins angesichts des gegenwärtigen Überangebots überdrüssig geworden sein, diesen sollte man aber in Verbindung mit einem feinen Tonic kosten – und sich dabei Geschichten von einem weit gereisten Seemann erzählen lassen.
Winters Brandschätze, Edeldestillate von Martin Winter, Kontakt: Telefon 01 72/2 75 90 46, http://www.brandschaetze.de "Meer Gin" in der 200-ml-Flasche kostet 19 Euro, 500 ml kosten 35 Euro.