Buchtipp

Auf Café-Fahrt in Südbaden

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 19. September 2021 um 07:00 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag Sie sind Genussoasen, Rückzugsorte, das zweite Wohnzimmer und der beliebte Treffpunkt: Jutta und Daniel Höllstin haben ein Buch über besondere Cafés in der Region geschrieben.

Auf Abstand zum schnöden Alltag gehen, in eine andere Welt eintauchen, entspannen und genießen: Das kann man in guten Cafés, die durch herzliche und kompetente Gastgeber bestenfalls sogar zum zweiten Zuhause werden: "Ich liebe kultivierte Cafés schon seit meiner Schulzeit in Lahr. Vier richtig schöne hat es damals dort gegeben", sagt Jutta Höllstin. Sie ist im Schuttertal aufgewachsen, lebt heute als Übersetzerin in Freiburg und ist Co-Autorin eines neuen Café-Führers. Im "Süßen Löchle", einem mehr als 100 Jahre alten Café mit Biedermeier-Fassade in Lahr, hat sie nicht nur verlängerte Pausen verträumt. Was ihr bis heute leicht fällt, sitzt man dort doch "in einer Art Museum für Café- und Konditorei-Zeitgeschichte", so Jutta Höllstin.

Im Jahr 2005 wurde das Gebäude mit seiner Innenausstattung und dem Zubehör als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung ins Denkmalbuch des Landes Baden-Württemberg eingetragen – auf Initiative der Lahrer Bürger, die ihr Kleinod ungern zu etwas anderem als einem Kaffeehaus mit einzigartiger Atmosphäre umgewandelt sehen wollten. "Daran sieht man, wie wichtig so ein gutes Café für einen Ort ist und dass historische Plätze belebt bleiben oder andernfalls wiederbelebt werden müssen", sagt Jutta Höllstin. Sie bedaure, dass mancherorts leider niemand mehr die hohe Pacht oder Miete bezahlen könne. Oft liege es auch am Kunden, ob dann etwa globalisierte, modern-nostalgisch anmutende Kettencafés in historische Gemäuer einziehen.

Das Café als Pflichthalt bei einer Tour

In ihrer persönlichen Café-Bestenliste hat das "Löchle" in Lahr jedenfalls schon seit Jahrzehnten einen festen Platz – zusammen mit anderen gastlichen Orten, die oft Entdeckungen ihrer regelmäßigen Ausflüge in der Region sind. "Am Wochenende eine Tour zu machen, ohne irgendwo einzukehren, das kommt für meine Frau nicht infrage", sagt ihr Mann Daniel, der unter anderem als Fotograf arbeitet. Einige ihrer gemeinsamen Favoriten haben Platz in ihrem im Vorjahr im Eigenverlag erschienenen Buch "Heimatliebe Südwesten" gefunden. Landschaften und Menschen aus acht Regionen zwischen Kinzigtal und Hochrhein, Wutach und Grand Ried haben die Höllstins hier so eindrucksvoll in Schrift und Bild porträtiert, dass Wolfgang Abel, Verleger und Autor des Oase Verlags in Badenweiler, das Paar fragte, ob es sich vorstellen könne, auch für ihn auf Entdeckungsreise zu gehen.

"Ich hatte ihm immer mal wieder ein paar Tipps für seine Reiseführer gegeben. Dass er uns ausgerechnet als Autoren für eines meiner Lieblingsthemen vorschlug, hat mich sehr gefreut", sagt Jutta Höllstin. Ein paar Cafés hatten die Höllstins sofort im Kopf, sie fragten sich aber, ob es in der Region überhaupt noch eine nennenswerte Zahl klassischer Kaffeehäuser gibt.

Erstaunliche viele Entdeckungen

"Die Vielfalt an entdeckten Cafés und deren Café-Konzepten war uns so nicht bewusst. Das reicht von zeitgenössischer urbaner Café-Gastronomielandschaft mit Café-, Rösterei- und Bakery-Konzepten, bis hin zur ländlichen Omas-Kuchen-Nostalgie", sagt Daniel Höllstin rückblickend. Zwischen Baden-Baden und dem schweizerischen Schaffhausen waren die Höllstins auf der Suche nach Cafés unterwegs, machten Station im französischen Schlettstadt und Berlingen am Bodensee. Alle der 43 ausgewählten Vertreter sind nicht nur hinsichtlich der besonderen Atmosphäre, Qualität und des Service eine Reise wert: "Sie lohnen unserer Ansicht nach auch wegen ihres reichhaltigen historischen Umfelds oder ihrer Lage eine weitere Anfahrt", sagt Jutta Höllstin und vermutet, dass nicht allzu viele Freiburger etwa jemals in Königsfeld gewesen sind, wo das Café Sapel zu finden ist. "Was kann es Schöneres geben, als neben einem hervorragenden Café auch neue Orte zu entdecken?", fragt sie. Im Buch mit dabei sind daher auch Kulturtipps für die jeweiligen Standorte und Anregungen für Spaziergänge und Wanderungen.

Ihre Lieblingsorte zu nennen, fällt Jutta Höllstin schwer. Sie freut sich darüber, dass es noch immer Häuser mit langer Tradition gibt, die ohne Marketingkonzepte bei Jung und Alt ankommen. Dass es viel Arbeit ist, ein Café auf hohem Niveau am Laufen zu halten, dass man es lieben und mit Herzblut dabei sein muss, das erfahren die Höllstins immer wieder. Geschultes Personal braucht man und am besten eine Familie, die mitzieht. Ein Glück, wenn Konditorinnen und Konditoren nicht lange nach einer Nachfolge suchen müssen.

Ruheorte, hinter denen viel Arbeit steckt

"Wir haben in unseren Gesprächen davon gehört, wie hart die Inhaber, Betreiber und Mitarbeiter für Ihre Existenz arbeiten müssen. Leider wissen Gäste guten Service und Qualität manchmal nicht zu schätzen", sagt Daniel Höllstin. Dass der Gang ins Café und die klassische Kaffeefahrt ins Grüne nie aus der Mode kommen werden, davon ist Jutta Höllstin überzeugt. "Wir haben noch eine Liste mit vielen Cafés, die wir aus Platzmangel nicht berücksichtigen konnten", sagt sie und blickt positiv in die Café-Zukunft: "Auch ganz junge Leute lieben es, sich in einem schönen Café zu treffen. Dort kommt man in unserer Zeit auch einfach zur Ruhe".
Jutta und Daniel Höllstin: Süße Stücke. Ausgesuchte Cafés im Südwesten. Oase Verlag, Badenweiler 2021. 288 S., 22 Euro