Fleischerzeugung

Bei "Schlachtung mit Achtung" sterben die Tiere ohne Stress

Mathias Heybrock

Von Mathias Heybrock

So, 18. April 2021 um 07:00 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag Die Lörracher Plattform SMA-Fleisch vertreibt Rindfleisch von Tieren, die stressfrei geschlachtet wurden. Das kann auch die Fleischqualität verbessern.

Auf einer Schwarzwälder Weide grasen Kühe, in ihrer Mitte ein Hänger, aus dem eine Rampe herausgefahren wurde. An dieser Rampe befindet sich ein Gatter, wie die Tiere es aus dem Stall kennen: Stecken sie dort den Kopf zum Fressen hindurch, fixiert eine herunter klappende Stange den Schädel – so bleibt jedes Tier an seinem Platz und streitet nicht mit den anderen ums Futter.

Sobald das Tier entspannt frisst, wird es betäubt

Das Tier, das nun auf die Rampe kommt, weil es dort Futter gibt, tritt seinen letzten Gang an: Sobald es gemächlich frisst, wird es mit einem Bolzenschuss betäubt und mit der Rampe automatisch in den Hänger gezogen. Der schließt sich daraufhin und ergibt einen Schlachtraum, der allen Hygienevorschriften entspricht. Im Hänger wird die Kuh dann getötet und ausgeblutet, seit ihrer Betäubung sind keine 60 Sekunden vergangen. Dann geht es nach Wies im Wiesental, ins Schlachthaus.

Ein Tod auf der Weide, ohne Angst, ohne Qualen: Das ist "Schlachtung mit Achtung" – die Losung, unter der Sandra Kopf und Thomas Mayer ab 2012 in Kandern eine mobile Schlachteinheit entwickelten, die inzwischen Marktreife erlangt hat.

Keine quälend langen Tiertransporte

Seit 2018 organisiert der Lörracher Julian Liewer den Vertrieb des Fleisches unter dem Label "SMA-Fleisch". "Kühe sind Herdentiere", erläutert er: "Schon allein von der Gruppe getrennt zu werden, bedeutet für sie großen Stress. Die anderen Kühe auf der Weide wittern das und geraten dann ebenfalls in Unruhe." Wenn man das weiß, ahnt man, wie die Tiere bei der industriellen Schlachtung empfinden müssen, bei der sie nach einer quälend langen Fahrt im Transporter an einem riesigen Schlachthof ankommen, in dem die Luft von Stresshormonen gesättigt ist.

"Der gesamte Vorgang ist transparent nachvollziehbar", erklärt Julian Liewer
"Schlachtung mit Achtung" ist für Liewer eine Win-Win-Win-Situation: Für die Tiere bedeutet es einen schmerz- und stressfreien Tod nach einem guten Leben auf der Weide und im heimischen Stall. Für den Landwirt, dass er weniger Zeit investieren muss: Wird Vieh lebend verladen, wollen Leitzäune aufgestellt und die Tiere mit Personal in den Transporter getrieben werden. All dieser Aufwand und die damit verbundene Aufregung entfällt.

Für die Konsumenten bedeutet es: Die Gewähr, Fleisch von einem Tier zu verzehren, das nicht gelitten hat. "Der gesamte Vorgang ist transparent nachvollziehbar", erklärt Julian Liewer: Die Schlachtung wird mit einer Kamera automatisch gefilmt, sie kann nicht abgeschaltet werden.

"Darüber hinaus ist bei unserem Verfahren die Fleischqualität besser", sagt Liewer: "Weil die Stresshormone fehlen, die den PH-Wert des Fleisches erhöhen – das dann weniger weniger gut reift und schneller verdirbt."

Im Angebot ist unter anderem Fleisch vom Hinterwälder-Rind: Eine alte, schmackhafte und vom Aussterben bedrohte Rasse, die sich besser als jede Ziege und jede Maschine auf den Steilhängen des Schwarzwalds hält – und daher auch für den Erhalt der hiesigen Kulturlandschaft von großem Wert ist. Aber auch Fleisch von anderen Rassen vertreibt Liewer. Alle Landwirte erhalten mehr als das doppelte der üblichen Marktpreise. Zusätzlich bekommen sie Prämien, damit sie den Tieren die Hörner nicht stutzen.

Teurer als konventionell erzeugtes Fleisch

Für ein Kilo hochwertiges Hackfleisch zahlt der Kunde bei SMA-Fleisch 27 Euro, für ein Kilo Schmorstücke 33 Euro. Liewer weiß, dass das teurer ist als Fleisch aus konventioneller Erzeugung und Menschen bei Lebensmitteln oft sehr preissensibel sind. "Wenn wir den Kunden aber deutlich machen können, wie gut unser Delikatessen-Fleisch ist, wie sehr wir auf das Tierwohl, aber auch auf faire Preise für die Erzeuger achten, wird unser Markt wachsen."

Mit dem ersten vollen Betriebsjahr – 2019 – war der Händler jedenfalls zufrieden, "am Ende hatten wir den Umsatz um etwa 20 Prozent gesteigert." Seit der Pandemie ist es schwieriger. "Es fehlt uns die regionale Gastronomie, etwa der Rebstock in Egringen." Dafür stellt Liewer gerade eine Kooperation mit mehreren Metzgereien auf die Beine. Auch die im Markgräflerland stark vertretene Einzelhandelskette Hieber gehört zu seinen Kunden.

Verkauft wird das Fleisch online in ganz Deutschland, "auch aus Hamburg erhalten wir regelmäßig Bestellungen, so Liewer. Der Versand erfolgt in wiederverwert- sowie kompostierbaren Verpackungen, die mit Trockeneis gekühlt werden.
Infos: sma-fleisch.de