Österreichische Spezialitäten und ein Rezept

Warum die Wiener ihr Kaffeehaus mögen

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 07. März 2021 um 07:00 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag Seit zehn Jahren gehört die Wiener Kaffehauskultur zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Dort findet man nicht nur wunderbare Kaffee- und Kuchenspezialitäten, sondern auch die Möglichkeit des Rückzugs.

300 Jahre ist im Wiener Kaffeehaus schon Alleinsein in Gesellschaft möglich – es steht für Lebensart und Entspannung. Das Kaffeehaus gebe einem, so die österreichische Journalistin Doris Knecht, "egal wie knapp bei Kasse man gerade ist, das zuverlässige Gefühl, richtig zu sein, gut genug, nicht ungleicher als die anderen, willkommen".
Kein Wunder, dass manch ein Wiener, der in der Fremde lebt, unter schmerzhaftem Kaffeehaus-Entzug leidet – wie zum Beispiel Christian Zecha aus Rheinhausen. Seine Eltern sind im zweiten Wiener Bezirk aufgewachsen, die Großeltern betrieben im Prater die Geisterbahn und das Autodrom. "Wie alle Österreicher für Personenkult sehr anfällig, hat mir meine Mutter immer erzählt, ich sei im selben Krankenhaus auf die Welt gekommen wie Romy Schneider", erzählt der 55-Jährige, den es der Liebe wegen nach Südbaden verschlagen hat. "Und damit eigentlich auf vorderösterreichischen Boden", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu – in der Hand einen rosafarbenen Punschkrapfen aus dem Lieblingscafé seiner Tante Renate. Die hat ihm gegen sein Heimweh express aus dem Wiener Café Demel eine Packung mit einem würfelförmigem Krapfen-Sextett gesandt.
Rezept für Marillenknödel

60 g Butter schaumig rühren, eine Prise Salz und fein geriebene Zitrone hinzufügen. 400 g Topfen (10 Prozent Fett) mit einem Ei, einem Eidotter und 150 g Mehl verrühren, ruhen lassen. Marillen mit Marzipan füllen, mit Teig ummanteln. In kochendes Wasser geben bis sie an der Oberfläche schwimmen. Fertige Knödel in gerösteten Semmelbröseln und gemahlenen Haselnüssen wälzen, mit Puderzucker bestäuben.

Hier im Südwesten hat Zecha bisher vergebens nach jener besonderen Atmosphäre gesucht, die Kaffeehäuser in der österreichischen Hauptstadt ausstrahlen: "Im Freiburger Café Huber hinterm Bahnhof erinnern mich aber die kühlen Marmortische und der hohe Raum ein wenig an Wien", sagt Christian Zecha, der als Kameramann auf Reportagereisen rund um die Welt unterwegs ist und dabei immer auch unbekannte Kaffeehäuser sucht. Selten kann man aber, wie in Wien, bereits ab sieben Uhr früh in den Tag starten und bei einem kleinen Schwarzen, auch Mokka genannt, ohne weiteren Konsumzwang bis zum Abend sitzen bleiben. "Und nirgendwo sonst ist es so einfach möglich, sich in Gesellschaft ungestört der Realität zu entziehen", sagt Zecha. Andere Gäste aus dem Augenwinkel beobachten und manchmal auch prominente Stammgäste entdecken: "Als junger Mann habe ich Ilse Eichinger heimlich fotografiert, die im Café Bräunerhof Kreuzworträtsel gelöst hat", erinnert sich Zecha.

Gegen den Hunger gibt es in Kaffeehäusern einfache Klassiker: warmen Apfelstrudel ohne (!) Vanillesoße, Frankfurter Würstel mit Kren (Meerrettich), ein simpler Schinken-Käse-Toast. "Oder Salzstangerl mit Beinschinken, die ein bisschen unserer hiesigen Seele ähneln."
Buchtipp: Christian Brandstätter (Hrsg.): Das Wiener Kaffeehaus. Brandstätter Verlag, 272 Seiten, 200 Abbildungen, 50 Euro

Kaffeehaus-Kulinarik zelebriert er auch zuhause. Am liebsten mit einem Gulasch, wie man es im Café Anzengruber nach einem Rezept von Wirtin Ankica Saric serviert bekommt. Deren Geheimnis ist es, zu gleichen Teilen Zwiebeln und Rindfleisch zu verwenden. "Die Zwiebeln müssen ununterbrochen eineinhalb Stunden bei kleiner Hitze gerührt werden, damit sie satt und süß werden", mahnt Zecha im Auftrag der Wirtin. Seine selbst gedrehten Marillenknödel aus Topfenteig, die er stets eingefroren in Reserve hat, stehen da wesentlich schneller auf dem Tisch. Aber wer mag schon auf die Uhr sehen, wenn es um Genuss geht? Also selbstvergessen weiter rühren und vom Kaffeehaus träumen.