Achtung: Wadenbeißer!

Stefan Zahler

Von Stefan Zahler

Sa, 04. August 2018

Reise

In Albstadt auf der Schwäbischen Alb ist der Wandertourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Region setzt aber zunehmend auch auf Mountainbiker und Adrenalinjunkies /.

Hans-Hubert Vogts war keiner vom Schlage eines Cristiano Ronaldo oder eines Lionel Messi. Der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler, Spitzname "Berti", war eher der Typ Terrier. Einer fürs Grobe, ein echter Wadenbeißer, der den gegnerischen Stürmern nicht von der Seite wich und ihnen mit seinem kampfbetonten Spiel oft genug das Leben schwer machte. Das machte Berti durchaus erfolgreich: 1972 wurde er Europameister, zwei Jahre später gar Weltmeister. Daneben wurde Vogts mehrfach deutscher Meister und Uefa-Pokalsieger. Eine beeindruckende Karriere.

Beeindruckend und seinem Namen alle Ehre macht auch der Wadenbeißer, den wir an einem sonnigen Sommertag auf den Höhen der Schwäbischen Alb kennenlernen: den Wadenbeißer-Trail. Er ist das jüngste "Kind" des Mountainbikekonzepts der Bikezone Albstadt. Dabei schrecken die nackten Fakten zunächst mal zumindest keinen ambitionierten Mountainbiker: 17,9 Kilometer Länge, 520 Höhenmeter. Das dünkt nach einer lockeren Feierabendrunde – ist aber zumindest in Teilen durchaus wadenbeißerverdächtig.

Los geht’s am Freizeitgelände Waldheim. Nicht inbegriffen bei den gut 500 Höhenmetern des Trails ist die Anfahrt. Vom Albstadter Stadtteil Ebingen geht es auf Teer zum Teil anspruchsvoll nach oben ins Naherholungsgebiet über dem Tal. Gleich der erste Teil der Strecke steckt den Rahmen: Ein traumhafter Singletrail – das sind jene schmalen Wege, die normalerweise für Mountainbiker tabu sein sollten – schlängelt sich inklusive einiger anspruchsvoller Haarnadelkurven Richtung Tal.

Auf diesem Singletrail ist das Fahren mit dem Mountainbike nicht verboten, sondern ausdrücklich erlaubt. Der Weg wurde eigens für Freunde der grobstolligen Räder angelegt. Wanderer müssen dort draußen bleiben.

Der Waldboden ist weich, die Strecke nicht arg steil, Wurzelwerk und Steine behindern nicht den Fahrspaß. Es sind diese Komponenten, die dafür sorgen, dass Biker gerne vom "Flow" sprechen. Es ist so ziemlich das höchste Lob, das ein Mountainbiker einem Trail zusprechen kann.

Der Wadenbeißer-Trail ist jung, gerade mal ein Jahr hat er auf dem Buckel. Er ist Teil eines Masterplans, der 2010 erarbeitet wurde. Vor acht Jahren wurde in Albstadt ein runder Tisch mit Tourismusverantwortlichen, Forst, Waldbesitzern und Vereinen gegründet mit dem Ziel, ein Wander- und Radwegkonzept für die Region zu entwickeln.

Mountainbiker gibt es dort oben auf der Alb zwar schon lange – am 7. Juli fand die 24. Auflage des Albstadt-Bike-Marathons mit rund 2500 Teilnehmern statt. Mit einem eigenen Wegenetz wollte man aber zum einen die Attraktivität für Biker steigern, und zum anderen den latent schwelenden Dauerkonflikt zwischen Wanderern und Mountainbiker befrieden. "Mit diesem Konzept entzerrt sich das gut", sagt Jana Bombarding, zuständig für das Marketing bei Albstadt Tourismus.

Nach der ersten schönen Abfahrt geht es abwechselnd auf breiten Waldwegen und schmalen Trails weiter. Noch ist vom Wadenbeißer, über die knapp 18 Kilometer hat er einen Singletrailanteil von 30 Prozent, nichts zu sehen, pardon zu spüren; einzelne kurze Passagen lassen aber erahnen, dass da noch etwas kommen kann – ja, muss.

Bei der Konzeption des Wadenbeißers wurden alte Karten aus den Archiven studiert, auf denen sogenannte Rückegassen eingezeichnet sind. Rückegassen sind unbefestigte forstwirtschaftliche Wege, die zum Abtransport von gefällten Bäumen aus dem Wald angelegt wurden. Zudem wurden gemeinsam mit dem Forst alte, zugewachsene Schneisen im Wald gesucht, die sich als Mountainbikewege eignen. Zupass kam den Entwicklern dabei, dass einer der Förster passionierter Biker ist, wie Bombarding erklärt. "Dazu mussten wir aber natürlich noch verschiedene Passagen ganz neu anlegen", sagt Bombarding.

Radeln mit Aussicht bietet der Wadenbeißer auch. Auf knapp 1000 Metern über dem Meer bläst uns ab Kilometer elf ein frischer Wind ins Gesicht. Der Himmel ist auf einmal nicht mehr niveablau, sondern alltagsgrau. Kurz kommt der Gedanke auf, ob es wirklich clever war, aus Gewichtsgründen (geschätzt 70 Gramm?) die Regenjacke aus dem Rucksack geschmissen zu haben. Wie weggeblasen sind zudem die angenehmen 25 Grad zum Tourstart, die Temperaturangabe am Radtacho sackt unter die 20 Grad. Da ist es gut, dass es schon bald wieder bergauf geht und Schweiß die Gänsehaut verdrängt.

Der Masterplan, den Albstadt Tourismus mit seinen Partnern entwickelt hat, ist bis ins Jahr 2020 ausgelegt. Drei Mountainbikestrecken gibt es derzeit, eine vierte soll bis dahin fertig sein. "Das breite Angebot fehlt noch", gibt Marketingexpertin Bombarding zu, gleichwohl gebe es Ausbaumöglichkeiten. Die Weiterentwicklung des bestehenden Plans stehe an.

Wie es sich für moderne Mountainbikestrecken oder auch Wanderwege gehört, gibt es GPS-Downloads, das heißt, Radler oder Wanderer können sich per Smartphone oder Navigationsgerät leiten lassen. Das ist praktisch, aufgrund der exzellenten Beschilderung aber eigentlich nicht notwendig. Blaue Schilder mit Richtungspfeilen und Angaben, wie viel Kilometer noch bis zum Ziel zurückgelegt werden müssen, machen ein Verfahren quasi unmöglich. Dazu gibt es Warnschilder, etwa bei Gegenverkehr oder wenn eine Straße gekreuzt werden muss. Das ist vorbildlich!

Wir nähern uns dem Ziel – und plötzlich kneift er ganz unvermittelt zu. Steil geht es hoch, schmal ist der Trail und die engen Kurven tun ein Übriges, dass der Wadenbeißer seinem Namen doch noch alle Ehre macht. Die Temperaturen sind des Sommers wieder würdig, gerade jetzt, wo es ruhig ein bisschen kühler sein dürfte. Aber der Wadenbeißer ist schließlich kein Wunschkonzert.

Außerdem: Die Trails auch im zweiten Teil der Strecke sind ein Genuss, auch wenn der eine oder andere Ungeübte aufgrund einiger enger Passagen Bekanntschaft mit dem (oftmals) weichen Untergrund oder zumindest den zahlreichen unangenehmen Brennnesseln machen dürfte. Aber das gehört dazu! Spätestens nach dem ersten Weißbier im Bayerischen Biergarten am Freizeitgelände Waldheim ist das vergessen. Beim kühlen Weißbier im Rundumgrün sind wir außerdem sicher: Diese Strecke würde wohl auch Namensvetter Hans-Hubert "Berti" Vogts gefallen.

Nächster Tag, ein paar Kilometer weiter im Albstadter Ortsteil Tailfingen. Aus den Boxen des Bikeparks auf gut 800 Metern kommt gedämpfte Musik. Der Schlepplift des Wintersportvereins Tailfingen am Hang des Schloßbergs surrt gemütlich vor sich hin. Radler, dick eingepackt mit Knie- und Ellbogenschonern, Rückenprotektoren und Vollvisierhelmen, schieben ihre schweren, gefederten Räder zum Lifteinstieg. Die Luft ist sommerschwer, der Himmel sommerheiß – es ist nicht das Wetter, um wie ein moderner Gladiator rumzulaufen. Aber: Ohne geht nichts. Wer den Bikepark befahren will – und das wollen Jahr für Jahr mehr – muss sich an die Regeln halten und für einen optimalen Schutz sorgen.

Der Schlepplift dürfte so ziemlich der best ausgelastete der Republik sein. Wobei der Sommer inzwischen deutlich stärker ist. Knapp an die 100 Betriebstage hatte Parkchef Holger Blum nach eigener Aussage im vergangenen Jahr. Im Winter dagegen waren es um die 30.

Das Abenteuer beginnt mit dem Aufstieg. Bis auf 935 Meter Höhe zieht der Schlepplifte die Downhiller, den Bügel an der Sattelstütze eingeklemmt, den langen Stab über dem Lenker. Es ist ein bisschen tricky, der eine oder andere verliert den Bügel oder das Gleichgewicht oder beides. Ist aber auch kein Ding, probieren geht bekanntlich über studieren.

Vier Strecken stehen zur Auswahl, mit Sprüngen und Steilwandkurven, mit Wellen, Wurzeln und Steinen. Das macht Spaß, will aber gelernt sein. Alwin Krebs ist eigens aus Nürtingen angereist, er ist das erste Mal da. "Die Strecken sind toll, ich werde sicherlich wieder kommen", sagt er und schiebt ein wenig betrübt nach: "Auch wenn ich mein Rad ein bissle geschrottet habe."

Dafür bekam er etwas ganz Wertvolles kostenlos dazu: Adrenalin!

Die Reise wurde unterstützt von

Albstadt Tourismus.