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26. August 2017

Rund um die Uhr (12)

17 Uhr: Am Schluchsee stechen Freizeitkapitäne in See

Ferienzeit ist meist Freizeit. Trotzdem wird immer gearbeitet – rund um die Uhr sogar. Am Schluchsee sorgt das Ehepaar Müller den ganzen Tag über dafür, dass Freizeitkapitäne in See stehen können. Um 17 Uhr fahren die letzten Boote aus.

  1. Wenn der Vater mit dem Sohne – Urlaubskapitäne auf dem Schluchsee Foto: Wolfgang Scheu

  2. Seit 25 Jahren betreiben Müllers Bootsverleih, Kiosk, Biergarten und Fahrradvermietung an der Staumauer in Schluchsee. Foto: Wolfgang Scheu

  3. Hand in Hand bereitet das Ehepaar Müller den Feierabend vor. Foto: Wolfgang Scheu

Ferienzeit ist meist Freizeit. Trotzdem wird immer gearbeitet – rund um die Uhr sogar. Die Badische Zeitung hat sich 24 Stunden lang umgeschaut. Dabei sind 24 Reportagen entstanden, vom Arbeitsbeginn auf dem Bauernhof über Essen auf Rädern, von der Bereitschaft im Polizeirevier und der letzten Kneipenstunde bis zum Austragen der Zeitung. Heute: Besuch um 17 Uhr beim Bootsverleih am Schluchsee.

Der Werbespruch "Alles Müller oder was?" einer Großmolkerei trifft auch für die Bootsvermietungen am Schluchsee zu. Gerhard Müller und seine Ehefrau Christa Helling-Müller haben ihr Geschäft am größten Schwarzwaldsee stetig ausgebaut. Ihre 99 Boote liegen an den Stegen an der Staumauer, beim Freibad Aqua fun und in der Wolfsgrundbucht bei der Amalienruhe. Jetzt in den Sommerferien ist natürlich Hochsaison und von 8 Uhr bis 18 Uhr sind die drei Standorte für die Bootsvermietung geöffnet.

Um 17 Uhr mieten sich die letzten Tagesgäste an der Staumauer noch ein Elektroboot für eine Stunde, um etwas von der Abendstimmung auf dem Wasser genießen zu können. Sie entfernen sich schnell und geräuschlos vom Ufer. Der Umtrieb auf dem See ist zu dieser Stunde deutlich weniger geworden. Während die Genießer der Abendstunde auf den See hinausfahren, kommen andere mit ihren Ruder- oder Tretbooten wieder zurück. Das heißt für Müllers, die Boote und ihre Besatzung am Steg in Empfang zu nehmen. Routiniert wird das ankommende Boot festgehalten, um den Gästen das Aussteigen zu erleichtern und ihnen wieder zu festen Boden unter den Füßen zu verhelfen. Schließlich soll die Seefahrt nicht mit einem unfreiwilligen Bad im See enden.

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Vor wenigen Tage hat Christa Helling-Müller selbst eines genommen: Beim Ablegen wollte sie einem Boot einen Schubs geben und fiel dabei in den See. Pitschnass kletterte sie auf den Steg und machte sich auf den Heimweg, um die nassen gegen trockene Kleider auszutauschen. "Auch das passiert", sagt Helling-Müller lachend.

Bei den 99 Booten handelt es sich um Ruder-, Elektro-, Tret- und Badetretboote sowie auch zwei Segelboote. Da man für den Schluchsee keinen Segelschein benötigt, können die Segelboote von jedermann gemietet werden. Aber: Bevor abgelegt wird, möchte Gerhard Müller schon wissen, über welche Segelerfahrung die Personen verfügen und wo sie mit welchen Bootstypen zuletzt gesegelt sind.

Und wer mietet welches Boot? Jugendliche nehmen gerne die Badetretboote, um von der kleinen Rutsche aus in den See zu gleiten, während Familien mit kleinen Kindern gerne Elektroboote ausleihen, denn diese sind mit durchgehenden Sitzbänken ausgestattet. In zwei Stunden kann man damit eine ganze Seerundfahrt unternehmen, ohne dass die Wade vom vielen Treten zwickt. Bei Gästen aus Asien steht das Ruderboot ganz oben auf der Wunschliste. Obwohl nicht vorgeschrieben, werden egal in welchem Boot Schwimmwesten an alle Kinder ausgegeben. Auch Nichtschwimmer und ausländische Besucher fragen danach.

Manch einer der Freizeitkapitäne verliert auf dem See wohl die Orientierung, denn oftmals werden die Boote nicht an der Stelle abgegeben, wo sie gemietet wurden. Deshalb müssen abends die Boote an der Staumauer gezählt und mit den drei anderen Standorten abgeglichen werden. Auch mit der Bootsvermietung Todt müssen an manchen Tagen die Boote ausgetauscht werden.

Bevor die Vermietung schließt, werden die Boote am Steg festgemacht und auch gleich für die Nacht gesichert. Wo es möglich ist, werden die Verdecke geschlossen. So bleiben Sitze und Sitzbänke vom Morgentau oder nächtlichen Regenschauern verschont und liegen anderntags schon zu früher Stunde für die ersten Ausfahrten bereit. Nochmal wird nachgeschaut, ob die Gäste nichts vergessen haben. Meist sind es Handtücher, die zurückbleiben, "aber wir haben auch schon Unterhosen gefunden – warum auch immer", erzählt Christa Helling-Müller. Sie trägt übrigens eine Kapitänsmütze, die sie als Hafenmeisterin kennzeichnet.

Am Hauptsitz der Bootsvermietung Müller an der Staumauer werden auch Fahrräder verliehen. Es stehen E-Bikes, Mountainbikes für sportlich ambitionierte Gäste aber auch normale Damen- und Herrenfahrräder zur Auswahl. Der Start zur Tour de Schluchsee könnte nicht idealer liegen: Es geht auf einem Waldweg immer am See entlang – dazu gibt es schöne Ausblicke. 18 Kilometer lang ist diese Tour, die auch für Familien geeignet ist, denn nirgendwo muss man die vielbefahrene B 500 überqueren. Auf dieser langen Schleife bieten sich den Radlern elf Einkehrmöglichkeiten. Und wer nach seiner Bootsrundfahrt oder seiner Tour mit dem Fahrrad den Ausgangspunkt wieder erreicht hat, kann sich am Kiosk von den Strapazen erholen.

Eingestiegen ist Gerhard Müller in die Bootsvermietung 1992, als er Alfred Enderle das Geschäft an der Staumauer abkaufte. Der gelernte Fernmeldehandwerker begann mit 30 Booten und hatte vor, den alten Kiosk wieder mit Leben zu füllen. Dieser war wegen fehlender sanitärer Einrichtungen geschlossen worden. 2007 wurde er abgerissen und neu eröffnet. Dafür musste beispielsweise ein Kanalanschluss geschaffen werden. Diese Arbeiten erfolgten in Eigenregie. Der alte Wintergarten wurde vor sechs Jahren ersetzt.

Christa Helling-Müller stammt aus Koblenz und hat ihren Berufsweg in Häusern begonnen. Bevor sie 2011 mit in die Bootsvermietung einstieg, war sie wirtschaftliche Leiterin einer Rehaklinik in Badenweiler. Voraussetzung für die berufliche Neuorientierung war die Entscheidung von Alfred Schlachter, seine Bootsvermietung zu veräußern. Dieser Aufkauf war die Basis, dass sie in den Betrieb ihres Mannes mit einstieg. Heute sind es bis zu 25 Beschäftigte – Schüler, Aushilfen und Teilzeitkräfte. Zwei Teilzeitkräfte helfen im Winter mit, die Fahrräder reparieren und die Boote auszubessern, kleine Schäden zu beseitigen und alles für die neue Saison wieder herzurichten.

Diesen Winter sollen die Boote und Fahrräder ihr neues Winterquartier beziehen können. Dafür wird m Gewerbegebiet Sägacker eine Halle gebaut. Und in Seebrugg gibt es eine kleine Werkstätte, in der technische Schäden ausgebessert werden.

So langsam legt sich die Hektik des Tages, das letzte Boot schippert über den See und hinterlässt im Wasser eine sanfte Spur. Morgen heißt es am Schluchsee wieder: Leinen los.

Alle Folgen der Serie gibt es unter http://www.badische-zeitung.de/ rund-um-die-uhr-x1x

Autor: Ralf Morys