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29. Januar 2016 08:59 Uhr

Anschlag auf Flüchtlingsheim

War die Handgranate scharf? Schwere der Straftat hängt von Zünder ab

Bei der Granate, die auf eine Flüchtlingsunterkunft in Villingen geworfen wurde, handelt es sich um eine Kriegswaffe aus dem ehemaligen Jugoslawien – ob diese einen Zünder hatte und damit scharf war, steht noch nicht fest. Ermittler untersuchen zudem, wem der Anschlag galt.

  1. Ein Modell der Handgranate M52 aus dem ehemaligen Jugoslawien wird während einer Pressekonferenz gezeigt. Unbekannte haben eine Handgranate dieser Bauart auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft in Villingen geworfen. Foto: dpa

  2. Unbekannte haben eine Handgranate auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft in Villingen geworfen. Foto: dpa

  3. Unbekannte haben eine Handgranate auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft in Villingen geworfen. Foto: dpa

  4. Unbekannte haben eine Handgranate auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft in Villingen geworfen. Foto: dpa

  5. Die Ermittlungen der „Soko Container“ laufen. Foto: dpa

  6. Der Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen Rupert Kubon (SPD, Mitte) informiert sich bei Polizeibeamten. Foto: dpa

Nach dem Anschlag mit einer Handgranate auf eine Flüchtlingsunterkunft untersuchen die Ermittler, ob die Kriegswaffe des Modells M52 aus dem ehemaligen Jugoslawien einen Zünder hatte und damit tatsächlich scharf war. "Es steht fest, dass sie mit Sprengstoff gefüllt war", sagte Johannes-Georg Roth, Leiter der Staatsanwaltschaft Konstanz, auf einer Pressekonferenz in Villingen-Schwenningen am Freitag. "Ob ein Zünder verbaut war, ist bisher nicht bekannt. Das ist die entscheidende Weichenstellung." Denn nur mit einem Zünder wäre die Granate funktionsfähig.

"So ein Zünder löst sich nicht in Luft auf." Harri Frank
In diesem Fall würde es sich um ein schweres Verbrechen handeln, ansonsten um das Vortäuschen einer Straftat mit einer entsprechenden geringeren Strafe. Die Untersuchung gestalte sich deshalb aufwendig, weil die Granate kontrolliert gesprengt worden war. Verschwunden sein wird der Zünder allerdings nicht, sagt Harri Frank von der Tuttlinger Polizeipressestelle auf Nachfrage der BZ. "Das ist ein mechanisches Bauteil an der Granate. So ein Zünder löst sich durch eine Sprengung ja nicht in Luft auf", erklärt Frank. Von der Sprengung seien die Reste der Granate übrig. "Ob es einen Zünder gab lässt sich also herausfinden." Die Reste werden gerade von der neuen Sonderkommission "Container" ausgewertet. Für die strafrechtliche Bewertung sei das Vorhandenseins eines Zünders entscheidend, so Frank.

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Tödliche Wirkung der Granate erstrecke sich auf Umfeld zwischen 10 und 20 Metern

Der Experte des Landeskriminalamtes, Andreas Stenger, erklärte, von einer scharfen Granate könne nur gesprochen werden, wenn sowohl Sprengstoff als auch Zünder vorhanden seien. Aus Polizeikreisen hatte es zunächst geheißen, die Handgranate sei scharf gewesen.

Bei der jugoslawischen Granate vom Typ M52 handelt es sich nach Angaben von Experten des Landeskriminalamtes um ein absolut tödliches Geschoss. Sie präsentierten in Villingen-Schwenningen ein Modell des grünen eiförmigen Sprengsatzes. Solche Waffen werden normalerweise in Kriegen eingesetzt. Die tödliche Wirkung erstrecke sich auf ein Umfeld zwischen 10 und 20 Metern. Nicht nur der kolossale Druck durch den Sprengsatz gilt als verheerend, sondern auch die Splitter. Durch die Druckwelle können auch Fenster bersten.

Menschen waren in unmittelbarer Nähe der Granate – Motiv unklar

Mit einer Handgranate hatten Unbekannte in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt. Der Sprengsatz wurde in der Nacht zum Freitag über einen Zaun auf das Gelände der bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle (BEA) in Villingen geworfen. 176 Menschen leben dort. Der Splint, mit dem solche Sprengkörper gesichert werden, war gezogen, die mit Sprengstoff gefüllte Granate explodierte jedoch nicht. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Nach neuen Erkenntnissen sind Menschen allerdings in unmittelbarer Nähe gewesen. Die Granate sei an einem Sicherheitszaun abgeprallt und neben einem Container des Sicherheitsdienstes liegengeblieben. Darin befanden sich nach Auskunft von Klemens Ficht vom Regierungspräsidium Freiburg zur Tatzeit drei Sicherheitsleute. Es könnte sich nach Angaben der Polizei auch um einen gezielten Anschlag gegen das Wachpersonal handeln. "Es könnte sowohl gegen Flüchtlinge als auch gegen den Wachdienst gewesen sein", sagte ein Polizeisprecher am Freitag. "Das Motiv wissen wir noch nicht."

Noch gibt es keine Verdächtigten

Ob der Container die Mitarbeiter bei einer Detonation geschützt hätte, könne man noch nicht sagen, sagte Dietmar Schönherr von der Kriminaldirektion Rottweil. Splitter der Granate hätten beispielsweise durchs Fenster schlagen können. "Das hätte zu schweren Verletzungen oder auch zum Tode der Personen führen können." Insgesamt seien in der Nacht 14 Security-Mitarbeiter im Einsatz gewesen.

Noch gibt es laut Polizei keine Verdächtigten. Befragungen in der Nachbarschaft der Asylbewerberunterkunft hätten allerdings den einen oder anderen Hinweis erbracht, der nun geprüft werde.

Dass eine Kriegswaffe auf eine Einrichtung für Kriegsflüchtlinge geworfen worden sei, sei besonders zu verurteilen, sagte der Freiburger Regierungsvizepräsident Klemens Ficht in einer Pressekonferenz.

In der "Soko Container" ermittelten 75 Beamte

Nach dem Anschlagsversuch hat die Polizei nun eine Sonderkommission eingerichtet. In der "Soko Container" ermittelten 75 Beamte, um die Hintergründe der Tat aufzuklären, sagte Dietmar Schönherr, Leiter der Kriminaldirektion Rottweil, am Freitag in Villingen.

Soko-Chef Rolf Straub äußerte sich zurückhaltend zum Stand der Ermittlungen. Es werde geprüft, ob es sich um eine fremdenfeindliche Tat handele. Aber auch andere Möglichkeiten würden in Betracht gezogen. Befragungen in der Nachbarschaft hätten einige Hinweise erbracht, aber sie seien zu unkonkret, "um auf bestimmte Personen zuzugehen".

Sprengung hinter Strohballen

Ein Sicherheitsmann bemerkte die Granate gegen 1.30 Uhr auf dem Boden und alarmierte die Einsatzkräfte. Die Polizei sperrte das Gelände und angrenzende Straßen weiträumig ab. Die BEA, in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, befindet sich in einem Wohngebiet. Gegen 5 Uhr fuhr dann ein Landwirt mit Strohballen vor. Diese lud man ab und positionierte sie um die Granate. Entschärfer des LKA aus Stuttgart sprengten sie, ein dumpfer Knall war zu hören. 20 Bewohner der Einrichtung mussten kurzzeitig ihre Betten verlassen. Sie wurden vorübergehend in freien Wohnungen untergebracht und kehrten nach der Sprengung der Handgranate wieder in ihre Schlafräume zurück.

Erstmals Einsatz von Sprengstoff

Der Angriff auf das Flüchtlingsheim in Villingen ist bundesweit der erste Fall, bei dem Sprengstoff zum Einsatz kam. "Bis jetzt hatten wir zwar mehrere Fälle, in denen Pyrotechnik verwendet wurde", sagte eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden. "Dass nun eine Kriegswaffe zum Einsatz gegen eine Flüchtlingsunterkunft kam, ist neu."

Das BKA sei in dem Fall bislang nicht tätig, dazu müsste es erst von der zuständigen Staatsanwaltschaft beauftragt werden, erklärte die Sprecherin. Es finde jedoch eine fachliche Zusammenarbeit mit den Ermittlern vor Ort statt. Die BKA-Sprecherin warnte davor, die Lage vorschnell zu bewerten: "Eine seriöse Einschätzung kann erst erfolgen, wenn alle Umstände berücksichtigt wurden."

Politiker verurteilen Anschlag

Den versuchten Anschlag auf die BEA in Villingen verurteilen Regierungspräsidentin Schäfer, Landrat Hinterseh und Rupert Kubon, OB von Villingen-Schwenningen einhellig: "Wir sind erleichtert, dass kein Mensch bei diesem heimtückischen Versuch zu Schaden gekommen ist. Wir sind entsetzt und verurteilen jede Form von Gewalt, die sich gegen die Flüchtlinge, aber auch gegen die Mitarbeiter in unseren Unterkünften richtet. Die Sicherheit der Flüchtlinge und der Mitarbeiter hat für uns höchste Priorität."

Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zeigte sich bestürzt. Die Gewalt habe ein erschreckendes Ausmaß angenommen. "Wir können alle nur dankbar sein, dass dieses Mal niemand verletzt wurde", sagte Maas am Freitag in Berlin. Die Täter dürften nicht ungestraft davonkommen.

"Bei Gewalt hört es dann auf." Thomas de Maizière
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat den Wurf einer Handgranate auf eine Flüchtlingsunterkunft in Baden-Württemberg als "feigen" Angriff bezeichnet. Die Attacke in der Nacht mit dem Sprengsatz, der jedoch nicht explodiert war, sei "inakzeptabel", sagte de Maizière am Freitag dem Sender N24.

Er verstehe die Sorgen und Kritik der Bürger in der Flüchtlingsdebatte, sagte de Maizière weiter. "Aber bei Gewalt hört es dann auf", stellte der Minister klar. Die Bundesregierung wolle weder, dass Asylbewerber straffällig werden, noch dass gegen diese Straftaten begangen würden.

"Rechter Straßenterror"

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck, innenpolitischer Sprecher, bezeichnete die Tat als "rechten Straßenterror". Er teilte mit: "Wir brauchen eine Flüchtlingsschutzpolitik." Er forderte einen Gipfel im Kanzleramt mit Diskussionen, "die am Wohl und Schutz der Flüchtlinge orientiert sind und nicht nur an deren Abwehr".

Im Südwesten gab es nach Auskunft des Innenministeriums vom Freitag im vergangenen Jahr 68 Übergriffe gegen Flüchtlingsunterkünfte. Davon waren 61 politisch motiviert und werden von den Sicherheitsbehörden als "Kriminalität Rechts" eingestuft. Unter den 68 Straftaten waren acht Brandstiftungen. In elf Ermittlungsverfahren wurde mindestens ein Tatverdächtiger ermittelt.

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Autor: David Weigend, Lothar Häring, Julia Dreier, dpa, epd, aktualisiert um 18.14 Uhr