Das Gehirn im Fokus

anfe

Von anfe

Sa, 16. September 2017

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Anzeige CorTec entwickelt elektronische Implantate.

elähmte Menschen, die über ihre Gedanken Rollstühle oder Orthesen steuern, oder epileptische Anfälle, die über elektrische Simulationsimpulse verhindert werden können – Zukunftsmusik? Mitnichten: Das junge Medizintechnikunternehmen CorTec hat sich auf Innovationen im Bereich der Neurotherapie spezialisiert.

Das Unternehmen

Das 2010 als GmbH mit Sitz in Freiburg gegründete Unternehmen entwickelte sich aus einem Forscherverbund, der sich 2004 an der Universität Freiburg formierte. Mit dem Ziel, ein System zu entwickeln, mit dem Schwerstgelähmte wieder mehr Selbstständigkeit erlangen könnten, ging die "Brain Machine Interfacing Initiative" an den Start.

Die Idee

Diese sogenannte Hirn-Maschine-Schnittstelle sollte rein auf Basis neuronaler Signale eine Verbindung zwischen Gehirn und Computer ermöglichen: "Bei seiner Aktivität produziert das Gehirn elektrische Signale. Aus diesen Hirnsignalen kann man beispielsweise herauslesen, welche Bewegung ein Mensch gerade ausführt oder sich vorstellt", erklärt Marketingleiterin Christina Schwartz. So ergebe sich bei einer echten oder gedachten Handbewegung nach links ein anderes Signal wie beispielsweise bei einer Bewegung nach unten. "Unser Geschäftsführer Jörn Rickert hat sich in seiner Dissertation damit befasst, solche Signale zu decodieren und diese dann wieder so zu verwenden, dass man sie als Steuersignale nutzen kann", beschreibt Schwartz das Prinzip, das hinter dem Entwicklungsprojekt steckt. Ziel war es zunächst, ein System zu entwickeln, mit dem schwerstgelähmte Menschen auf der Basis neuronaler Signale beispielsweise einen Rollstuhl steuern können.

Die Entwicklung

Schnell stellte der Forscherverbund jedoch fest, dass es für ein solches System mehrerer Komponenten bedarf, die am Markt nicht verfügbar waren: Elektroden, um die Gehirnaktivität in hoher Qualität zu messen, ein elektronisches System, um diese Signale auf einer Vielzahl von Kanälen weiter zu transportieren und eine Software, um das Gemessene in Echtzeit auszuwerten. "Deshalb haben wir begonnen, die Technologie selbst zu entwickeln", erklärt Schwartz. Das daraus entstandene Implantat-System arbeitet im geschlossenen Kreislauf. Das heißt, es misst Hirnsignale, wertet sie aus und kann auf Basis dieser Daten auch eigenständig Stimulationsimpulse generieren. Damit ist es beispielsweise auch als sogenannter "Hirnschrittmacher" einsetzbar, der das Zittern bei Parkinsonpatienten stoppen kann.

Ohnehin sind die Chancen und Anwendungsfelder des Closed Loop Systems und seiner Komponenten immens: So verspricht das System Hilfe bei Epilepsie, indem über Hirnsignale herausgefiltert wird, wann ein Anfall droht, um dann rechtzeitig zu stimulieren, so dass der Patient erst gar keinen Anfall bekommt. Ebenso kann sich die elektrische Hirnstimulation bei chronischem Schmerz oder psychiatrischen Erkrankungen wie starken Depressionen positiv auswirken. Als es jedoch darum ging, ein solches System in den Alltag der Menschen zu bringen, stieß man an die Grenzen dessen, was an der Universität möglich ist: "Deshalb lief alles darauf hinaus, ein Unternehmen zu gründen", sagt Schwartz. Das GO-Bio-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und weitere Fördergelder halfen CorTec bei der Ausgründung.

Die Aufgabe

Um möglichst viele neuartige Therapien schnellstmöglichst zugänglich zu machen, sieht CorTec seine Mission darin, Entwicklungspartner von Unternehmen und Forschern zu sein, die innovative Neurotherapien entwickeln. "Wir verfügen über ein breites Know-how, das Kunden sehr gerne annehmen. Wir begleiten den Weg vom Anfang bis zum fertigen Produkt und liefern die entsprechenden Komponenten", sagt Schwartz. "Martin Schüttler, unser zweiter Geschäftsführer und CTO, hat seit 20 Jahren Erfahrung in der Forschung und Entwicklung von Neurotechnologie gesammelt. Dadurch ist er ein wertvoller Ratgeber für die Projekte, an denen wir arbeiten."

Die Vision

Momentan befindet sich das innovative Closed Loop System in der letzten Phase der präklinischen Testung. CorTec bereitet zusammen mit klinischen Partnern den ersten Einsatz des Implantats im Menschen vor. Doch nicht nur die Entwicklung personalisierter Therapien treibt CorTec an. Auch personell wächst der Medizintechnikhersteller mit zurzeit 38 Mitarbeitern und der Platz wird allmählich eng. Aber Abhilfe ist in Sicht: Voraussichtlich im Frühjahr 2018 zieht CorTec in den FWTM-Kopfbau an der Messe Freiburg.