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20. April 2017

Als könnten Puppen träumen

KUNST IN KÜRZE: Ausstellungen im Weinschlösschen, der Galerie Fischmüllers und dem Amtsgericht Freiburg.

Jörg Bollin/Ludwig Mang
In den großzügigen Räumen des Weinschlösschens, alias Elisabeth-Schneider-Stiftung, stehen die Skulpturen und Bildobjekte von Jörg Bollin und Ludwig Mang. "Raumecho" heißt die Ausstellung, in der erst auf einen zweiten Blick die Arbeiten sich dem jeweiligen Künstler zuordnen lassen, denn bewusst verzichtete man auf Hinweise neben den Exponaten. Schnell aber wird klar, dass Mangs Hinterglasbilder und Bildobjekte aus gefaltetem Karton der Konkreten Kunst verpflichtet sind, während Bollins Wandobjekte einer Materialkunst folgen, die sich der Natur und Industrie entnommenen Grundstoffe bedient.

Ludwig Mangs ins Räumliche strebende Filigrane aus ausgeschnittenen Papierteilchen verändern mit Lichtwechseln ihre Erscheinungsform, so dass die schwarz-weiße Geometrie der ornamentalen Strukturen auf spielerische Weise ihre Strenge verliert. Konträr dazu verdichten sich Jörg Bollins Elementar-Stoffe Granit, Stahl und Kupfer zu einem massiven Gegengewicht. Wie bei Mangs Papierarbeiten die Geometrie als Ordnungsprinzip funktioniert, so bei Bollins Wandobjekten der goldene Schnitt.

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Dabei wären zwei Arbeiten hervorzuheben: von Mang eine Serie computeranimierter Hinterglasbilder, auf denen bunte Streifenfelder in dynamische Flächen umschlagen, sowie ein quadratischer Basaltblock von Bollin, wo auf einem Miniaturbildschirm sich wälzende Magmagluten zu sehen sind, so dass zwei Elementarzustände der Materie offenbar werden. Konkrete Kunst und Materialkunst – hier glückt die Kombination dieser zwei gegensätzlichen Konzeptionen.

Joëlle Valterio
Papier als Material beherrscht auch die Szene bei Joëlle Valterios Performance in der Galerie Fischmüllers. Die 1975 geborene Walliserin sitzt im Halbdunkel auf einem Stuhl und beginnt, ein Bein in braunem Packpapier zu verschnüren. Das braucht Zeit, weil sich das Material als sperrig erweist und der Künstlerin eine gewisse Gelenkigkeit abverlangt. Nachdem das rechte Bein verpackt ist, darf das schuhlos am Boden sitzende Publikum das Geschehene verinnerlichen, bis nun unter erneutem Geraschel das zweite Bein in Angriff genommen wird.

Schließlich formt Valterio ihren Kopf zu einem ballongroßen Gebilde aus schründiger Papiermasse um. Das ist der Kipppunkt der Performance, denn plötzlich thront auf diesem Stuhl eine befremdliche Mutantin mit monströsem Haupt, blind, stumm, ohne Physiognomie, wie umpanzert von einem Exoskelett aus zerfurchter Rinde. Zuletzt häutet sie sich und arrangiert die von den Körperformen geprägten Papierobjekte zu einer kleinen Installation.

Was für Beuys der Filz, ist für Joëlle Valterio das Papier. Allerdings leitet die Künstlerin ihre Aktionen von der Schrift und vom Schreiben her, entzieht diesen aber die materielle Grundlage, um aus der Schreibfläche eine Körperoberfläche zu machen.
Quaas/Quaas
Wenn eine Ausstellung, wie von der Gedok im Amtsgericht organisiert, unter dem Titel "Künstlerpaare" firmiert, bietet sich die Option, gemeinschaftlich hergestellte Werke zu zeigen. Das zumindest gilt für eine Serie des Künstlerpaares Almut und Ludwig Quaas zum Thema "Puppe". Auf dunklen Fotos sind Puppen eingewoben in weiße Linienwerke, die als graphische Vorstufen von Ornamenten oder Schriftzügen gelten könnten, dabei so labil und flüchtig, als könnten Puppen träumen. In diesen Bildern finden zwei konträre Ansätze zu einer Synthese. Während Almut Quaas mit "Interieurs" und "Portraits" sich der figurativen Malerei verschreibt, reizt Ludwig Quaas die Möglichkeiten der Abstraktion aus.

Die privaten Interieurs dienen der Künstlerin weniger dazu, ihre Lebensumgebung abzubilden, als vielmehr sich der Wirkung von Lichtverhältnissen anzunähern, wie auch die "Portraits" eher als Untersuchungsfeld für die komplexe Sprache von Mienenspielen erscheinen. Was bei diesen realistischen Bildern formaler Strenge verpflichtet ist, tendiert bei Ludwig Quaas’ Arbeiten systematisch zur Auflösung.

Deren Spektrum erstreckt sich von vollkommen abstrakten, ausschließlich emotionsgesteuerten Farbexplosionen bis zur Dominanz von Netz-, Raster- oder Gitterstrukturen, deren Ähnlichkeit mit Großstadtfassaden sich zu surrealen Alltagsszenen verfremden lässt.

Weinschlösschen, Wilhelmstr. 17a, Freiburg. Bis 24. Juni, Di bis Fr 14–19, Sa 11–16 Uhr.
Fischmuellers.
Kabinett für außerordentliche Erfahrungen, Fischerau 10, Freiburg. Bis 28. April, Mo bis Fr 16-18 Uhr.
Amtsgericht, Holzmarkt 2, Freiburg. Bis 16. Juni, Mo bis Do 8–16, Fr 8–14 Uhr.

Autor: Herbert M. Hurka