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10. Mai 2013

Autogenes Training für Schneewittchen

Die Ausstellung "Küss mich, dann kriegst du die Fernbedienung" im Kunstpalais Badenweiler zeigt "Neue Cartoons zu alten Märchen".

Märchen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Eine besorgte Pädagogik klopft die einst unverdächtigen  Gute-Nacht-Geschichten heute auf kinder- und jugendgefährdende Inhalte ab. Zwar möchte sie ihren vermeintlichen Sexismus vorerst nur aufdecken, nicht tilgen, dafür durchaus ihr veraltetes Vokabular im Einzelfall politisch korrekt aktualisieren; gottlob kommt das Unwort "Neger" lediglich in Kinderbüchern wie "Pippi Langstrumpf" und "Jim Knopf" oder in den Zählreimen von den "Zehn kleinen Schwärzelein" vor. Gleichzeitig existieren Bestrebungen, die biederen Geschichten aus alter Zeit gegen den Strich zu bürsten und ihr sozialrevolutionäres und libertinistisches Potential ins Bewusstsein zu heben. Aus Grimms Märchen werden so "Grimmige Märchen" wie bei Klaus Puth oder Heinz Langer.

Zudem verfälschen selbsternannte Märchenonkel und -tanten mit dem Zeichenstift in der Hand gern die alten Geschichten, indem sie die Protagonisten kurzerhand in die Gegenwart verpflanzen. Cartoonisten wie Peter Gaymann und Matthias Schwoerer drehen Märchenfiguren aufklärerisch um und lassen sie der Gegenwart selbst den Spiegel vorhalten. Handy und Laptop gehören mittlerweile zu ihrer standardmäßigen technischen Ausstattung. Auch was die Sorge für Seele und Körper angeht, sind Märchenfiguren up to date. Dornröschen hat bei Klaus Puth einen Kurs für autogenes Training belegt ("So, wir kommen dann nach hundert Jahren langsam zurück"). Bei Petra Kaster achtet die Eigentümerin des Knusperhäuschens auf ihre Cholesterinwerte. Ihre Immobilie trägt bei Jan Tomaschoff eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und ist zum Wochenendhäuschen oder gleich zum Wohnwagen umfunktioniert. Dagegen lässt er den Rattenfänger von Hameln erfolglos durch die Gassen irren: Alle Kids tragen MP3-Player in der Hosentasche und Stöpsel im Ohr.

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"Es war einmal" war also mal. Märchen heute spielen im Hier und Jetzt – jedenfalls in der Upgrade-Version der Arbeiten von 19 Cartoonisten aus fünf Ländern, die das Kunstpalais Badenweiler zu einer schönen Ausstellung mit "Neuen Cartoons zu alten Märchen" versammelt hat. Angesichts der knapp hundert Blätter lässt sich freilich nicht allein von satirischer Aktualisierung, sondern starker Verwahrlosung der Sitten des Märchenpersonals sprechen. Bei Schwoerer steigt ein nekrophiler Zwerg zum nackten Schneewittchen in den Sarg, während Gaymann den bösen Wolf, dem Rotkäppchen von hinten die Augen zuhält, als promisken Hallodri erwartungsvoll raten lässt: "Rapunzel? Schneewittchen? Dornröschen?". Und ist gleich der Froschkönig rein äußerlich noch derselbe – eben ein Frosch mit Krönchen –, so unterdessen von zweifelhaftem Charakter. In einem Cartoon von Martin Claus ertappen wir ihn beim Seitensprung, wenn er aus den Händen der Prinzessin mit ausgefahrener Zunge einer Fliege nachhechtet.

Neben dem technischen Gerätepark der Gegenwart haben zeitgemäße Formen der Partnervermittlung oder auch die Gender-Debatte Einzug ins Märchen gehalten. Auch die Zielgruppe hat sich zeitgemäß verändert. Sie verlangt mittlerweile nach härterem Stoff. "Es war einmal ein Zombie", lässt Tomaschoff die Großmutter am Bett des Enkels anheben. Zudem stellen die lieben Kleinen heute vorwitzig berechtigte Fragen wie die nach der Baugenehmigung fürs Knusperhäuschen (Oswald Huber). Oder sie monieren gegenüber Mutti, dass Omi beim Vorlesen schon wieder "abgestürzt", sprich: eingeschlafen ist (Harm Bengen). Da macht es doch Sinn, lieber gleich, wie bei Tomaschoff, ein Märchen downzuloaden.
– Kunstpalais Badenweiler, Blauenstr. 2. Bis 2. Juni, Mi bis Sa 14-18, So 10-18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz