Bunte Happen fürs Auge

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Di, 26. September 2017

Ausstellungen

KUNST IN KÜRZE: Galerie Kralewski und Fischmüllers Kabinett in Freiburg, Kunstverein Kirchzarten.

Naomi Middelmann
"Das Leben nennt der Derwisch eine Reise, / Und eine kurze", sagt bei Kleist der Prinz von Homburg in der Arrestszene vor seiner vermeintlichen Hinrichtung. Der Monolog in der existentiellen Situation zeigt den jungen Delinquenten aufgeschlossen für östliche Lebensweisheiten. "Migrations" nennt Naomi Middelmann eine Serie von Tintenzeichnungen in der Freiburger Galerie Kralewski, doch mit den aktuellen Bildern von Migration bringt das Auge sie eher nicht in Verbindung. Existentiell erscheinen die ausdrucksvollen Blätter in einem allgemeinen Sinn. Ein Migrationsfeld ganz eigener Art scheint auf: das des menschlichen Daseins, mit seinen Höhe- und Tiefpunkten, seinem ewigen Hin und Her. Das Leben: selbst eine Reise und Migration. "Night falls on me", ist auf einer Zeichnung zu lesen – als Kommentar zu einer figürlichen Szene, die expressiven ins Abstrakte, Surreale kippt.

"Painting deconstructed" nennt die in Lausanne lebende junge Deutsch-Amerikanerin, die in New York Kreatives Schreiben und Politik studierte, die Schau. Malerei dekonstruiert sie in Assemblagen aus zerschnittenen, zerrissenen Leinwänden, Recycling ausgemusterter älterer Arbeiten. Gewollt unsauber hat sie die zerfasernden Fragmente mit der Rückseite nach oben zusammengenäht respektive -getackert sowie mit Farbspuren, informellen Setzungen und einer gezielt unleserlichen Handschrift überzogen. Als poweres Patchwork halten die "Bilder" der modernen Patchwork-Existenz den Spiegel vor. In quaderförmigen Blöcken aus in Kunstharz eingeschlossenen Farbpigmenten mutieren sie gelegentlich zum Objekt. Malerei als bunter Happen fürs Auge, als krude Farb-Materie, Farbe in Aspik.

Im Gestus von Entzug und Verweigerung weist diese Malerei aufs Gemachtsein, Zusammen-gestückelt-Sein von Kunst selbst, Denunziation der Ideologie organischer Ganzheit. Einige dreidimensionale Stücke evozieren im Anklang der in Streifen aus Leinwand gehüllten Holzgevierte an Wickel und Bandage Szenen aus dem beschädigten Leben. "Life package" – ein ziemlich schräg gewickelter Christo mit losen, irrlichternden Leinwandfäden.

Yulong Lin
Trotz konzeptueller Note viel eher Malerei im konventionellen Sinn sind die Bilder von Yulong Lin im Kunstverein Kirchzarten. Früher malte der 25-jährige Chinese aus Singapur exquisite Aquarelle mit Motiven wie Stadtlandschaften und ländlichen Szenen, mit Papageien oder Wasserlilien. Jetzt tritt er uns als reiner Stilllebenmaler gegenüber. Zu sehen sind isolierte Dinge, pro Bild je eins: ein Schirm etwa, ein Vorhang oder eine angeschnittene Melone. Freilich zeigt alles einen Zug ins Geometrisierte, Abstrakt-Entwirklichte.

In den buntfarbigen und wässrig-lasierenden Malereien in Acryl sind die meist stark überdimensional wiedergegebenen Dinge transparent auf den Hintergrund. Manche lassen sich kaum oder gar nicht identifizieren. Insgesamt erscheinen die Motive als bloßer Anlass für ein freies Spiel mit Farbe und Form. Es sind malerische Meditationen über die Dingwelt, die den Gegenstand ein Stück weit ins Ideelle entrücken, ohne ihn gänzlich zu entmaterialisieren. Geradezu ostentativ weist jedes einzelne Bild wie gemalt wirkende Farbrinnsale auf, die das darstellerisch ein Stück weit entrückte Motiv schließlich doch an die (Farb-)Materie zurückbinden.

Nina Liška Rieben
Fischmüllers Kabinett in Freiburg stellt die junge Bernerin Nina Liška Rieben aus. Die fünf vor Ort entstandenen Werke wirken minimalistisch, unspektakulär, doch gerade in dieser Zurückgenommenheit liegt ihre Stärke. Sie lässt dem Betrachter Raum für eigene Gedanken, in denen das Werk sich erst vollendet. Denn die Arbeiten realisieren sich nicht in retinalen Sensationen, vielmehr in prozessualen, gedanklichen Vorgängen im Kopf des Betrachters. Der sieht beispielsweise an einer Wand eine großformatige Fotografie mit dem Motiv einer Fotografie, die an exakt dieser lediglich seitenverkehrt wiedergegebenen Wand hängt. Sie zeigt zwei durch ein Kabel verbundene Steckdosen in einer leeren Raumecke – ein Kunstwerk? Abgebildet in einem Kunstwerk, das wiederum in einem Kunstwerk abgebildet ist, der real an der Wand hängenden Fotografie?

Das Kabinett in der Gerberau wird zum Spiegelkabinett. In "Catcher (waiting for meaning)" geht, in Umkehrung der traditionellen Verhältnisse, nicht der Betrachter auf die Jagd nach Bedeutung, sondern das Kunstwerk selbst. Auch der – fiktive – künstlerische Werdegang (an dem die Bernerin noch bastelt) ist als ironisches Spiel mit Usancen, Ritualen und Erwartungen in der Kunstsphäre konzeptuelle Kunst in Reinform.

Galerie Kralewski, Basler Str. 13, Freiburg. Bis 22. Oktober, Di bis Do 14–18 Uhr.
Kunstverein Kirchzarten, Burger Str. 8. Bis 8. Oktober, Fr bis So 17–19 Uhr.
Fischmüllers Kabinett, Fischerau 10. Freiburg. Bis 8. Oktober, Mo bis Fr 16–18 Uhr.