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17. Mai 2017

Cancan der Antilopen

Das Hans-Thoma Museum in Bernau zeigt Tierdarstellungen von Abi Shek.

Ein Steinbock als Vorhut; annähernd lebensgroß taucht das Tier mit seinen mächtigen Hörnern beim Aufstieg zum Kassenraum im seitlichen Blickfeld auf: Überraschung beiderseits, auch das pechschwarze, majestätisch in Untersicht posierende Tier scheint verdutzt, unentschieden schwankt es zwischen Angriff und Flucht. Im Treppenaufgang zu den Ausstellungsräumen dann stören wir einen Feldhasen auf – pechschwarz auch er und groß wie ein Schäferhund, mit ausdrucksstark wehenden Löffeln. Wir begegnen zwei Antilopen, die sich auf die Hinterbeine gestellt haben und dem Treppensteiger hochnäsig entgegen- sowie nachgaffen; wogegen die liegende Katze, mit einem Schwanz noch einmal so lang wie das ganze Tier, desinteressiert kaum den Kopf hebt. Oben angekommen scheint uns eine Gämse Warnrufe in Richtung Dachgebälk auszustoßen. Wo, wie wir bald merken, noch weitere Spezies warten.

Wir sind im Hans-Thoma-Museum in Bernau – und wähnen uns gleichzeitig ein wenig im Zoo; was Wunder: Abi Shek stellt aus. Der für seine Tierdarstellungen bekannte Stuttgarter mit israelischen Wurzeln wuchs in einem Kibbuz mit landwirtschaftlichen Nutztieren auf, Schafe, Ziegen und Rinder. Eigentlich wollte der spätere Meisterschüler von Micha Ullman in der Landeshauptstadt bloß studieren. Die Liebe jedoch hielt ihn in Deutschland fest. Mindestens einmal pro Jahr aber muss Abi Shek mit Frau und zwei Kindern zurück in die Heimat. Und zu der gehören, wir sind sicher, die Tiere seiner Herkunft dazu.

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Tierdarstellungen waren und sind, bis hin zu den Meisterwerken auf diesem Gebiet in der englischen Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts, ein niederes Genre der Kunst. Erst Théodore Géricault und dann die Moderne – die Expressionisten zumal, man denke an Marcs Pferde, Beckmanns Katzen – befreiten das Tier aus dem engen Pferch des Repräsentativen oder Genrehaften. Seitdem figuriert es als fremd-vertrautes Gegenüber des Menschen. Ja es kann zu seinem Spiegelbild werden, an dem sich unser eigenes Wesen erhellt. So bei Abi Shek.

Denn Sheks Tierleben will weniger naturalistisch abbilden oder zoologisch informieren, als – bei aller Fremdheit, die Shek dem Tier zugesteht – eine "kommunikative" Beziehung zwischen Betrachter und Sujet herstellen. Durch expressive Überzeichnung, für die sich die ungewöhnliche Technik des Holzschnitts auf Leinwand bestens eignet, treibt er menschlich-allzumenschliche Züge an unseren Mitgeschöpfen hervor: Hochmut beim liegenden Hirsch mit übersteigertem Geweih, Amtsanmaßung bei Antilopen, die sich mit spitzen, langen Hörnern zu Hohepriestern der Tierwelt aufwerfen. Schwatzhaft stecken Vögel die Nasen oder Schnäbel zusammen; zwischen Rabe und Schlange auf Schmusekurs deutet sich eine nachgerade verbotene außerartliche Beziehung an. Köstlicher Humor füllt bei Abi Shek selbst großformatige Leinwände wie beim Cancan der Antilopen an der Stirnseite. – Reduzierte Tierskulpturen aus blattvergoldetem, verzinktem Blech und poetisch-zarte Tuschezeichnungen mit Pflanzenmotiven gesellen sich den Holzschnitten hinzu.

Hans-Thoma-Museum, Rathausstr. 18, Bernau. Bis 23. Juli, Mi bis Fr 10.30–12 Uhr, 14–17 Uhr, Sa, So 11.30–17 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz