Der vorgefeierte Art’s Birthday im Freiburger E-Werk

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Di, 17. Januar 2017

Ausstellungen

Heute darf man gratulieren – die Kunst hat Geburtstag. Der Fluxus-Künstler Robert Filliou hat das so festgelegt. Am 17. Januar 1953 vor einer Million Jahren kam die Kunst in die Welt.

In Freiburg hat sich dieses Datum mittlerweile schon herumgesprochen, denn seit vier Jahren kommt der Sender SWR 2 ins E-Werk, um zusammen mit der hiesigen Kulturinstitution den Art’s Birthday hauptsächlich musikalisch zu würdigen. Frank Halbig vom SWR und Nicoletta Torcelli vom E-Werk zeigen sich für das Programm verantwortlich.

Dieses Mal wurde quasi vorgefeiert, weniger euphorisch als die vergangenen Jahre. Vielleicht weil vorher gratulieren ja Unglück bringt oder weil es womöglich nichts zu gratulieren gibt. Haben die schönen Künste gar versagt? Dekonstruktion, Verfremdung, Verzerrung lauten die Schlagworte, die im Prinzip für alle Geburtstagsständchen gelten. An Unmittelbarkeit, ehrliche Emotionen, Betörung und Verführung scheint hier niemand mehr zu glauben. Ohne theoretischen Überbau, spezielles oder gar geheimes Wissen, lässt sich die Kunst kaum adäquat rezipieren, um nicht zu sagen verstehen. Selbst das streicherlastige, vielschichtige aber sonst eher konventionelle Fusion-Jazz-Sextett Polytheistic Ensemble, das zwischen all den Computern und Apparaten wie ein Relikt anmutet, kommt nicht ohne elektronische Sperenzchen aus.

Und wenn The Wombshifter, ein Freiburger Punk-Urgestein bekannt als Bdolf und Fleisch Lego, in "schlechtem, einfachem Englisch" sich in einen manischen Kannibalen-Punk verwandelt und zur billigen Rhythmusmaschine feiste Gitarrensoli spielt, kann man ihn für einen komischen Irren halten oder als bösen Zeitdiagnostiker sehen: "Die Revolution frisst ihre Kinder", transformiert in ein Lied. Haha. Schelmisch wünscht das Urgestein einen heiteren Abend und zitiert einen alten Spruch: "Ist das Kunst oder kann das weg?" Nichts muss weg.

Star des Abends ist Jenny Hval

Die großartige Melody Chua werkelt mit Graduiertenstipendium an der Zürcher Hochschule der Künste an ihrer sensorerweiterten elektroakustischen Flöte. Mit dieser Apparatur und natürlich einem Computer untersucht sie Klänge in Echtzeit, als läge hinter den schönen Tönen so etwas wie ein Geheimnis. Die aufgeräumten, geraden Linien der graphischen Projektionen unterlaufen Gedanken an natürliche, archaische Kräfte. Es ist alles viel komplizierter mit dem Schönen. Und nicht nur ernst. Was steckt dahinter?

Marke Eigenbau scheinen auch die Gerätschaften des Baslers Michel Wintenberg, der in seiner "Symbolic Distortion" elektrotechnisch manipulierte verzerrte Schwingungen einfängt und durch die Lautsprecher in der kalten Bildhauerhalle jagt. Absoluter und nackter kann Musik nicht sein. Daniel Bisig und der Freiburger Ephraim Wegner bewegen sich bei der Dekonstruktion des Gedichtes "jetzt" des Philosophen Max Bense jenseits von Zeitwahrnehmung und vordergründigem Sinn. Sensationell die computergenerierten organischen Strich- und Fleckengemälde von Bisig während sich langsam in all den Soundflächen akustische Buchstaben heraus schälen. Komplexe mathematische und sprachliche Systeme und Prozesse als Ausgangspunkt können klanglich und visuell einfach faszinieren.

Star des Abends ist die Norwegerin Jenny Hval. Ihr aktuelles Album "Blood Bitch" erzählt vom Blut als reinigende, pulsierende aber auch Leben spendende Flüssigkeit. Mystischen Überladungen entgegenwirkend treten die Norwegerin und ihre Mitstreiter in grauen Trainingsanzügen an und wirken wie frisch geduscht im Fitnessstudio. Selbst die roten Bemalungen auf dem grauen Stoff tun dem keinen Abbruch. Blond, zierlich, manchmal androgyn, dann wieder ein Aerobicmodel oder im pinkfarbenen Luftring liegend unterläuft Hval jegliche eindeutige Zuschreibung, kämpft gegen Seelenleid wie gegen Körperoptimierung. Musikalisch und stimmlich zwischen elektronischem Popsong, Hörstück und Geräuscheskapaden oszillierend. Fast schon ein Overkill von widersprüchlichen Zeichen und Bedeutungen: die Sportskameradin an der Tuba oder die halb verspeiste Banane. Jenny Hvals Spiel mit Authentizität, Gefühl und Inszenierung wirkt auch ohne Überbau. Doch mit ist es schöner.