Die Bilder im Kopf

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Do, 20. September 2018

Ausstellungen

Arbeiten von Piotr Iwicki beim Merdinger Kunstforum und in der Freiburger Galerie Kralewski.

Mit zwei Ausstellungen ist der Freiburger Medienkünstler Piotr Iwicki derzeit in der Region präsent: Unter dem Titel "Imaginary Pix" finden sich seine Werke im Merdinger Kunstforum, die Freiburger Galerie Marek Kralewski zeigt Fotografien und ein Video zum Thema "Residual Heat / Restwärme".

Iwicki ist ein Perfektionist, der in seinen Serien konzeptuell arbeitet. Seine digital bearbeiteten Fotografien weisen nicht die Spur einer Zufälligkeit auf. Selbst spricht Iwicki von "harten und schönen Bildern" (Galerie Kralewski) sowie von "schockierenden Inszenierungen" (Kunstforum Merdingen). Während sich in der Ausstellung am Tuniberg vielfigurige Kompositionen zu so etwas wie einer "All-over-Fotografie" fügen, konzentriert sich Iwicki in Freiburg auf einzelne Personen oder Teile des menschlichen Körpers. Die Ausstellungen berühren sehr unterschiedlich, doch hier wie da erzeugen die Bilder eine Vielzahl von weiteren Bildern im Kopf des Betrachters.

Bereits vor vier Jahren stellte Iwicki unter dem Titel "One Day More Is One Day Less" in der Galerie in der Basler Straße aus, und in gewisser Weise ist die jetzige Präsentation eine Fortsetzung davon. Iwicki greift erneut das kunsthistorisch hoch interessante Thema "Vergänglichkeit" auf und zeigt die erschütternde Brüchigkeit der menschlichen Existenz. Die am Computer bearbeiteten Aufnahmen stammen größtenteils von ihm selbst und verfügen teils über einen sehr persönlichen Hintergrund. Iwickis Leben ist in seine Kunst eingedrungen, doch von biografischen Aspekten lösen sich die Werke vollkommen ab. Sie entwickeln eine eigene Bildwirklichkeit, die zwischen Schönheit und Schmerz changiert.

Die in blutrote Farbe getauchte Aufnahme ("Whoever Laughs Today Will Cry Tomorrow") einer im Wasser liegenden jungen Frau lockt den Betrachter an, indem sie sein emotionales Empfinden anspricht. Das Mädchen hält eine kleine Kette mit herzförmigem Anhänger in der Hand, doch ihre Augen sind geschlossen, ein Handgelenk weist blutige Verletzungen auf. Es ist das Starke und Schmerzhafte an dieser Aufnahme, dass sie unerwartete Schläge austeilt und den Betrachter damit auf Distanz verweist.

Mit Mut und Wirkungskraft

Ein weiteres Bild, das man nach dem Verlassen der Ausstellung so schnell nicht wieder vergisst, zeigt eine Frau, die ein Wolltuch über den Kopf gelegt hat ("Inconnu"). Farbe und Textur des Bildes erzeugen den Eindruck, als sei ihr Gesicht vollständig mit trockenem, aufplatzendem Lehm überzogen. Ihr Antlitz wirkt brüchig, so, als wäre die Existenz dieser Frau durch tiefe Risse beschädigt.

"Digital" lautet das diesjährige Motto des Merdinger Kunstforums, und so lag es natürlich auf der Hand, mit Piotr Iwicki einen der bekanntesten Vertreter für neue Medien in unserer Region einzuladen. Man mag das Eintreten in das Haus am Stockbrunnen als Schock empfinden. Iwicki zeigt sieben großformatige wirkungsmächtige Massenszenen. Verstümmelte Tote, Knochen, ein Heer von Polizisten und Soldaten in Schutzkleidung, Frauen in schwarzer Burka überziehen die Bildflächen. Es gibt keine dominierenden Bereiche oder Brennpunkte, endlos könnten sich die fest miteinander verwobenen Körper in alle Richtungen ausdehnen. Die Betrachtung ergibt, dass hinter dem Chaos eine Ordnung steht. Iwicki fand Aufnahmen von kleineren Personengruppen in Presse und Netz, fügte sie zusammen und multiplizierte sie am Computer zu einer Art von wiederholbarem Muster. Die spannungsvolle, chaotisch-geordnete Verdichtung und die Inszenierung zu Massenszenen, verbunden mit den medial vermittelten Bildern, die im Kopf des Betrachters aufgerufen werden, diktieren die Art der Wahrnehmung. So fühlt sich selbst die Aufnahme des fröhlichen spanischen Tomatina-Festivals bedrohlich an.

Iwicki zeigt die 2018 entstandenen Arbeiten, die den wenig hoffnungsvollen Untertitel "Die Bilder der Vergangenheit sind die Bilder der Gegenwart sind die Bilder der Zukunft..." tragen, in Merdingen zum ersten Mal. Zu seinem Mut und der Wirkungskraft seiner Aufnahmen muss man dem Künstler gratulieren. Selten wirkt der Besuch einer Ausstellung derart intensiv nach.

Galerie M. Kralewski, Basler Str. 13, Freiburg. Bis 11. Okt., Di bis Do 14–18 Uhr.
Merdinger Kunstforum, Stockbrunnengasse 2a, Merdingen. Bis 14. Okt., Sa 16–18, So, Feiertage 12-18 Uhr.