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26. September 2013

Die Verwandlung als Gesetz

Sonderausstellung mit Bildern und Grafiken von Christoph Meckel im Kunstpalais Badenweiler.

Innerhalb der nicht eben mitgliederreichen Vereinigung künstlerisch-literarischer Doppelbegabungen kommt Christoph Meckel eine Sonderstellung zu. Von Salomon Gessner und Goethe bis zu Ernst Barlach und Günter Grass überwiegt meist ein Talent – in diesen Fällen das literarische – das andere bei weitem. Bei Meckel ist man sich spontan nicht im selben Maße sicher, wem denn der Lorbeer gebührt: dem Literaten oder Künstler. Gegenwärtig gründet sich Meckels Ruhm zwar hauptsächlich auf seine Lyrik und die autobiografische sowie fiktive Prosa.

Jedoch, Meckels Bilder und Grafiken vor Augen, wie sie zurzeit das Kunstpalais Badenweiler ausstellt, wollen sich Zweifel einstellen, ob nicht doch der Zeichner und Grafiker am Ende die bedeutendere der beiden in Personalunion vereinigten Gestalten sei: der Schöpfer der "Weltkomödie" mit ihren mehr als 2000 Radierungen, nicht gerechnet ungezählte weitere Arbeiten – Bilder, Zeichnungen und Mischtechniken. Zwar hat der in Freiburg und Berlin lebende Künstler-Dichter zwischen seinen beiden Talenten strenge Gütertrennung festgelegt. Doch nicht nur in seinen Manuskript- und Typoskriptbildern, von denen im Kunstpalais einige zu sehen sind, sind sie in Mischwirtschaft vereint.

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Ein merkwürdiger und vielgestaltiger Kosmos, die Meckel’sche Bildwelt; die Metamorphose ist ihr herrschendes Gesetz. Eine kleine Kreisform durchläuft eine geheimnisvolle Verwandlung vom Rad zum Zahnrad zum menschlichen Kopf. Und die gut zwei Dutzend Mischtechniken am Beginn des Parcours haben Assemblagen blätterartiger Gebilde, die sich fächerartig zu einer Art Paravent fügen. Man könnte sich an eine Bühnenkulisse erinnert fühlen, das Stück aber spielt dahinter. In der Anmutung wechseln die plan versammelten, spitz zulaufenden Gebilde in fließendem Übergang zwischen Blatt- und Baumform, Insekten- und Vogelflügel oder -schnabel. Um in den Radierungen als Bootsegel und Sense wiederzukehren.

Auch wenn die seltsamen, in der falschen Richtung aufgestellten Kulissen auf den ersten Blick etwas Stilllebenartiges haben, bei näherem Zusehen entdeckt man, dass sie voll von verstecktem Leben sind. Hier äugt uns ein winziges Mondgesicht unscheinbar entgegen. Dort macht sich ein Vogel durch Mimikry an die Fächerformen nahezu unsichtbar. Oder es parodiert ein mit dem Kopf herausragender Fisch mit aufgerissenem Maul fröhlich die an Pelikanschnäbel erinnernden Fächerformen.

Meckels Bildkunst quillt über von solchen und anderen Wesen. Was sie alle miteinander verbindet? Eine unauslöschliche Heiterkeit. Doch warum sind diese Figuren so fröhlich? Weil sie sich diesseits des Herrschaftsgebiets der Logik und des gesunden Menschenverstands bewegen. Weil sie, Deckfiguren des Künstlers selbst, bar jeder instrumentellen und ökonomischen Vernunft sind, wie sie unser Leben bestimmen. Selbst die Gesetze der Schwerkraft scheinen aufgehoben in ihrer Welt. Akrobatische Schwerelosigkeit ist ihr Hauptcharakteristikum, der Kopfstand die einfachste ihrer Übungen.

Noch dem Diktat der Zeit sind sie entronnen. In der Kaltnadelradierung "Tafel" von 2002 sehen wir ein loses Agglomerat aus abstrakten, zeichen- und dinghaften oder auch animalischen Formen wie in freiem Fall begriffen: Kreissegment, Pfeil oder Vogel. Auch kleine Kreisformen mit zeigerartigen Elementen purzeln da in der Luft: Chronometer, kein Zweifel. Diese Uhren aber gehen anders. Ihre Zeiger haben keine einheitliche Stellung. Sie weisen vielmehr in alle Richtungen.
– Kunstpalais Badenweiler, Blauenstr. 2. Bis 27. Oktober, Mittwoch bis Samstag 14–18 Uhr, Sonntag 10–18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz