Ein Loch für die Ewigkeit?

Stefan Tolksdorf

Von Stefan Tolksdorf

Fr, 27. Februar 2015

Ausstellungen

Beim Mannheimer Kunsthallen-Streit geht es um mehr als um eine wegen der Renovierung des Museums abgebaute Installation.

Das Kunstmuseum hat eine fest umrissene Funktion: Es ist der Ort, an dem zur Dauerkonservierung geadelte Werke ihren Ikonenstatus bewahren, wo sie, durch "innovative" Ausstellungen reanimiert oder in Ehren ergraut und meist unbemerkt im Depot verschwinden. Ein in der Regel kein sehr spannender Ort. "Kunstsarg", hört man einen an solchen Ort zwangsversetzten Schüler mitunter stöhnen: "Tödlich langweilig!"

Dabei fehlt es von Seiten der Kuratoren und Museumspädagogen nicht an Versuchen, das Klischee vom elitären Bildungstempel zu durchbrechen, und auch die Künstler steuern zuweilen kräftig gegen.
Zum Beispiel Nathalie Braun Barends. Die Deutsch-Chilenin hat ab dem Jahr 2006 für die Mannheimer Kunsthalle zwei multimediale Werke entworfen, die das konventionelle Bild vom Museum buchstäblich sprengen: die Kunsthalle nicht als abgehobener Kunstspeicher, sondern als lebendiger Organismus – offen gegen die Welt in allen Dimensionen. Das war die Idee.

Die erhoffte Öffnung wörtlich nehmend, ließ Braun Barends sämtliche Geschosse des Athene-Trakts der Mannheimer Kunsthalle kurzerhand durchbohren. Verantwortlich zeichnete die damalige Museumsleitung. Das "Loch von Mannheim" erregt noch immer die Gemüter. Was zunächst gelobt wurde, dann aber einen Skandal entfachte, war nicht nur eine provokante Beschädigung der Bausubstanz, kein bloßes "Loch", wie die Gegner sagen, sondern konzipiert als inhaltlich komplexes Work in Progress – in sieben Rauminstallationen. Die Künstlerin stellt die Frage nach einer Neuverankerung der Kunst zwischen Natur und Kultur, Geist und Materie.

Zugegeben: Manche Kommentare der vor Ideen sprudelnden Künstlerin mögen pragmatische Zeitgenossen irritieren, liegt ihren Arbeiten mit den kuriosen Titeln "HHole" und "PHaradise" doch ein in Kunstkreisen skeptisch beäugtes holistisches Weltbild zugrunde: Wiederverzauberung der Welt. Seit Joseph Beuys nicht unbedingt mehr en vogue. Die Künstlerin und ihre Ideen vermochten aber tatsächlich zu verzaubern – wenn auch nur kurzzeitig, denn die Existenz der bereits abgebauten und arg dezimierten Werke steht seit längerem in Frage.

Aufgekauft –
oder eine Dauerleihgabe?

Auch der seit 2009 amtierenden Kunsthallenchefin Ulrike Lorenz ist das "Loch" ein Dorn im Auge, obwohl sie das Werk nicht in seiner früheren Form sah. Zum einen schätzte sie dessen Wert gering, zum anderen sei die feuerpolizeilich ohnehin bedenkliche Installation den aktuellen Umbaumaßnahmen im Weg, ihre Entfernung deshalb unvermeidlich. Wie und ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, darüber lässt sich spekulieren.

So besteht berechtigter Grund für die Annahme, dass es sich bei der geplanten Entsorgung auch um einen Akt der damnatio memoriae handelt: Den Auftrag zu den zwei Werken erteilte der umstrittene Kunsthallendirektor Rolf Lauter – heute in Mannheim so etwas wie eine Persona non grata.

Hier stellt sich die Frage, ob der Wert eines Kunstwerks von der Einschätzung des jeweils amtierenden Administrators abhängt. Sie ist natürlich zu verneinen: Das Werk hat sich im geschützten musealen Raum vor und in der Zeit zu behaupten, und jede Generation wird es für sich neu erfinden. Man darf es freilich auch verwerfen – aber bereits nach wenigen Jahren? Erschwerend wirkt im Mannheimer Kunststreit der rechtliche Status des Werks. Wurde es, wie Ulrike Lorenz behauptet, von der Stadt angekauft oder handelt es sich bei der grundsätzlich unabgeschlossenen Arbeit um eine "Dauerleihgabe"? In diesem Fall dürfte das Gericht Schwierigkeiten haben, den Forderungen der Stadt zu entsprechen, selbst wenn es sich um baulich fest integrierte Installationen handelt. Es geht bei dem seit Jahren juristisch ausgefochtenen Streit ums Mannheimer Loch aber um mehr: um die grundsätzliche Frage, ob und unter welchen Umständen Kunstwerke aus öffentlichen Räumen entfernt oder gar vernichtet werden können, was gerade bei so genannter "Kunst am Bau" nahezu täglich geschieht. Der kuriose Kunstprozess vor dem Mannheimer Landgericht, der im März in die nächste – womöglich letzte – Runde geht, könnte so zum Präzedenzfall werden.