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18. Dezember 2013

Ausstellung "Macht der Machtlosen" in Baden-Baden

Gegenstrategien von unten: Ausstellung "Macht der Machtlosen" in der Kunsthalle Baden-Baden.

Baden-Baden in vorweihnachtlicher (Kauf-)Laune, der kleine Weihnachtsmarkt am Rande der City ist gut besucht, in der Fußgängerzone shoppen elegant gekleidete Menschen schon fürs Fest. Aber weiß man, dass der vornehm-beschauliche Kurort an der Oos nicht allein die Stadt in Baden-Württemberg mit prozentual den wohlhabendsten Einwohnern, sondern auch den meisten Hartz IV-Beziehern ist? Man weiß es nicht, und als Johan Holten, der Direktor der Kunsthalle Baden-Baden von der erstaunlichen Statistik Kenntnis erlangte, dürfte er in der Absicht, sein Haus für alle Bürger der Stadt zu öffnen, noch bestärkt worden sein. Womöglich hat ihn die Information mit zur aktuellen Ausstellung angeregt, die die Kunsthalle umgekehrt jetzt auch in den urbanen Raum hineintreten und – wirken lässt.

So führte im Vorfeld der Schau die Berliner Urban-Gardening-Initiative Prinzessinnengarten an Schulen der Stadt Workshops durch und legte, nur ein Beispiel, mit Kindern und Jugendlichen mobile Gärten an. Erwachsene Bürger fermentierten regionales Gemüse, das in großen Gläsern in den Regalen im Café in der Kunsthalle steht. Denn auch dieses selbst ist Teil der Schau und wurde grundlegend umgestaltet. Schüler fertigten nach Selbstbaumodellen des italienischen Designers Enzo Mari das Mobiliar aus Resthölzern vergangener Ausstellungsarchitekturen neu (es scheint der Ehrgeiz jedes neuen Kunsthallen-Direktors zu sein, dem Café ein anderes Gesicht und Design zu verpassen). Ja, der gesamte Café-Betrieb wurde unter ökologischen Gesichtspunkten unter die Lupe genommen, Speisen wurden von der Karte entfernt, andere hinzugefügt, Lieferanten auf Nachhaltigkeit überprüft und gegebenenfalls ausgetauscht …

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Es geht in den mehr externen Teilen der Schau also um so etwas wie ökologische Vernunft, um Ressourcenschonung, um Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit. In den Sälen der Kunsthalle selbst geht es dann konzentriert um die "Macht der Machtlosen" (der Ausstellungstitel ist ein Zitat aus einem Essay von Vaclav Havel): um Phänomene wie Inklusion und Exklusion, um die Sichtbarmachung unsichtbarer Teile der Gesellschaft, um Unterdrückung und Aufbegehren – Veränderung. Die Schau ist der zweite Teil eines Projekts, das die Möglichkeiten künstlerischer Einflussnahme auf die Gesellschaft untersucht. Finanziert durch das baden-württembergische Ministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst, steht sie unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments.

Es beginnt auf dem kleinen Platz vor der Kunsthalle. Dort hat ein VW-Bus geparkt; der Schriftzug "Lufttransa Deportation Class" auf dem Gefährt älterer Bauart erinnert an den der Lufthansa Shuttle-Busse. Über einen versteckten Lautsprecher erteilt eine weibliche Stimme Ratschläge, was man tun könne, sollte man einmal Zeuge einer Abschiebung werden.
Regionales Gemüse im

Kunsthallen-Café

Bei Silke Wagner verschwimmen die Grenzen zwischen künstlerischer und politischer Aktion – wie auf andere Weise auch in den Wandmalereien Alaa Awads. Street Art ist bei dem Ägypter eine Ausdrucksform politischen Protests. Wie in seinen künstlerischen Kommentaren zur ägyptischen Revolution in den Straßen Kairos verwendet er in dem von ihm ausgemalten Saal der Kunsthalle die Bildsprache, Motive und Figuren altägyptischer Kunst.

Der Libanese Rabih Mroué dagegen übersetzt anonym im Netz kursierende Handyaufnahmen von Straßenkämpfen in Syrien in die ästhetisch anachronistische Form des Daumenkinos. Mitten ins Bürgerkriegsgeschehen hineingezogen fühlt sich der Besucher in einer Videoarbeit Mroués, die ohne Tonspur auskommt. Ein Schütze zielt aufs Auge der Kamera. Die fällt plötzlich zu Boden, die Aufnahme bricht ab. Schlimmes ist zu befürchten.

Abschiebung, um wieder an Silke Wagners Arbeit anzuknüpfen, ist in dem 1991 gegründeten virtuellen Staat "NSK State in Time" der slowenischen Künstlergruppe Irwin nicht vorgesehen; in der Kunsthalle haben die Künstler ein Passbüro eröffnet, gegen Gebühr kann der Besucher selbst NSK-Bürger werden. In den Objekten, die die deutsch-iranische Künstlerin Bettina Pousttchi für ihre Rauminstallation verwendet, schwingt das gesellschaftliche Pendant zur Abschiebung – Exklusion – als assoziativer Oberton mit: Absperrgitter. Deformiert und auf niedrigen Sockeln in kleinen Gruppen ineinander verkeilt, entfaltet sich eine komplexe plastische Formenwelt. Das Instrumentarium von Abtrennung und Ausschließung mutiert in den spielerischen Gruppierungen zur Ausdrucksfigur der Freiheit des Ästhetischen.

Abgesperrt, ausgeschlossen, allein gelassen dürften sich die Bewohner eines Viertels der von exzessiver Gewalt und Drogenkriegen heimgesuchten mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez gefühlt haben. Heute ist der Stadtteil verlassen; die Häuser sind verwüstet. Teresa Margolles’ den großen Oberlichtsaal der Kunsthalle diagonal querende Installation aus dem Schutt eines der Häuser ist in ihrem lapidaren Minimalismus ein eindringlicher Kommentar zur Zerstörung gesellschaftlicher Utopien; den Bewohnern war ein "Paradies" versprochen worden.

Dass auch anderes möglich ist, zeigt in dieser dankenswerten und notwendigen Schau ein Beispiel aus Venezuela. Der Torre David im Zentrum von Caracas, als luxuriöser Büroturm geplant, wurde infolge der Finanzkrise von 1994 nie fertig gestellt. Vor einigen Jahren besetzten Hunderte Familien die Bauruine. Und das Architektenduo Urban-Think Tank hat Pläne für leicht realisierbare, kostengünstige Umbaumaßnahmen erarbeitet, die in der Ausstellung den Aufnahmen und Schilderungen der aktuell noch desolaten Wohnsituation zur Seite treten.

– Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8a. Bis 9. Februar, Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz