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03. Mai 2017

Ausstellung

Im Kunsthaus Baselland begegnen sich der Konzeptkünstler Golia und der Maler Amm

Roboter und saugende Bilder

  1. Piero Golia und sein Kunstroboter im Kunsthaus Baselland Foto: Annette Mahro

Einen Moment lang währt der Eindruck, sich wohl doch in der Tür geirrt zu haben. Reicht der lange Arm der Hannover Messe jetzt bis nach Muttenz oder schwappt der allgegenwärtige Begriff Industrie 4.0 jetzt auch über auf die Kunst? Ein tonnenschwerer Riesenroboter ist es jedenfalls, der sich im Kunsthaus Baselland am Phänomen des kreativen Prozesses abarbeitet. Besucher können ihm h beim Denken zusehen. Soll er den Pinsel in die blaue Farbe tauchen, oder – schneller Schwenk des vielgelenkigen, orangefarbenen Maschinenarms auf seiner 14 Meter langen Schiene – in die grüne, wenn nicht vielleicht doch lieber wieder zurück zum Ausgangspunkt fahren? Dann scheint sich wieder, bei wie zum Grübeln elegant zurückgeworfenem Arm, die Frage aufzutun, wo mit dem Malakt zu beginnen sei.

"The Painter" (Der Maler), der Titel schwebt lapidar über Piero Golias schwergewichtiger Installation. Dem 1974 geborenen Konzeptkünstler geht es dabei weniger um das automatisierte Kunstschaffen, wie es etwa Jean Tinguely mit seiner Frage nach der künstlerischen Urheberschaft im Blick hatte, noch um den eigentlichen Entstehungsprozess eines Werks. Stattdessen hat der Italiener Golia, der heute in Los Angeles lebt und arbeitet, vor allem die Kunst als theatralischen Akt im Blick. Und weil jedes Theater des Publikums bedarf, setzt sich sein Roboter immer erst dann in Bewegung, wenn er sich beobachtet weiß beziehungsweise ihm der Sensor im Eingangsbereich seines Showrooms Besucher gemeldet hat. Das speziell fürs Kunsthaus geschaffene Werk beruft sich auf Paradebeispiele des Metiers, wie etwa den Meister der Action Paintings Jackson Pollock (1912-1956), bei dem zuerst der Malakt an sich zur Geltung kommt, das Endergebnis dagegen aber beinahe nebensächlich wird.

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Golia nimmt indes das System Kunst als Ganzes in den Blick, wobei sich keineswegs zufällig ergibt, dass sein Ausstellungsbeitrag auch während der Art Basel vom 15. bis 18. Juni zu sehen sein wird, die den Anspruch erhebt, die weltweit bedeutendste Kunstmesse zu sein. Schließlich spiele gerade hier das Entertainment eine geradezu unermesslich wichtige Rolle, befindet der Künstler. Golias Roboter, der übrigens schon in einer anderen künstlerischen Sparte aktiv war und aus der römischen Filmstadt Cinecittà stammt, ist denn auch so programmiert, dass er zusätzlich auf die Menge der im Raum befindlichen Besucher reagiert. Nur für sie wird der gewaltige Arm aktiv, gäbe es doch genau genommen auch die ganze Welt nicht ohne die Wahrnehmung. "Die Dinge existieren, weil es Zeugen dafür gibt", sagt Golia.

Verglichen mit den gut acht Tonnen physischer Roboter- und Schienenpräsenz wird es bei Markus Amm, dem zweiten neu ins Kunsthaus hinzugekommenen Künstler nahezu sphärisch. Der Prozess des Entstehens spielt jedoch auch bei dem in Genf lebenden Deutschen eine wichtige Rolle. Seine meist kleinformatigen Farbschattenarbeiten, die die große Halle des Kunsthauses säumen und sich auch in einem Teil des Obergeschosses wiederfinden, nehmen sich von Ferne betrachtet wie Reminiszenzen an Mark Rothko aus, wobei Amm alle Farbfeldmalerei quasi umkehrt. Die Farbe zieht den Betrachter ins Bild, wirkt meditativ und gleichzeitig unwirklich. Der 1969 geborene Amm arbeitet üblicherweise an einer Vielzahl von Bildern gleichzeitig, die er auf mehrfach plan geschliffenen Gipsoberflächen aufbaut. Auf diesen Malgrund lässt der Künstler extrem verdünnte Acrylfarben fließen, bevor er etwa mit Lösungsmitteln oder Pigmenten weiter in den mehrwöchigen Entstehungsprozess eingreift, die Konturen verschwimmen lässt, Teile wieder entfernt oder hinzufügt.

Im Obergeschoss warten weitere prozesshafte Eingriffe, diesmal auf Photopapier, das Amm mehrfach geknickt, gerollt oder zerrissen hat, bevor die Risse dann wieder selbst Einfluss auf den Belichtungsprozess nehmen. Im andern Fall hat der Künstler Fotopapiere zu geometrischen Formen gefaltet und wieder auseinander geklappt und belichtet, bevor die Entwicklerflüssigkeit sich ihren Weg entlang der Faltungen gesucht hat. Was vorher dreidimensional war, wird jetzt geschützt hinter Glas wieder flach und bewahrt die Geschichte der einstigen Form. Von hier aus führt der Kunsthausweg wieder zurück zu den kontemplativ in sich gekehrten Fresken verwandten Bildtafeln, die ihrerseits weniger vom Entstehen als vom Entschwinden erzählen. So etwas wie ein unwirklicher Hauch von einem Bild weht den Besucher da an.

Markus Amm / Piero Golia: bis 16. Juli, Di-So 11-17 Uhr Kunsthaus Baselland, St. Jakob-Straße 170, Muttenz.

Autor: Annette Mahro