Im Vorhof der Hall of Fame

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Fr, 16. Juni 2017

Ausstellungen

Liste, Volta, Scope und Selection, die Parallelmessen der Art Basel, bieten sehr Unterschiedliches.

Den Überblick in Sachen Kunst zu behalten ist in Basel niemals schwieriger als mitten im Juni. Während der Art, die 291 Galerien präsentiert, zieht es Besucher aus der ganzen Welt sowohl in die Museen als auch zu den zahlreichen Parallelmessen, die im kleineren oder größeren Radius andocken. Deren mit Abstand älteste, die "Liste" im Werkraum Warteck, jährt sich 2017 bereits zum 22. Mal. Mit im Boot sind hier 79 Aussteller aus 34 Ländern. Die "Volta" gibt es seit dreizehn Jahren. Zum vierten Mal begrüßt sie mit aktuell 70 Ausstellern in der Markthalle beim Bahnhof SBB ihre Besucher. Ihr Elfjähriges begehen daneben sowohl die Scope mit ebenfalls 70 Galerien als auch die Selection Art Fair, die mit 15 Ständen mit Abstand kleinste Messe am Rand. Beide sind fußläufig von der Art zu erreichen.

Wer Rang und Namen hat oder wenigstens den nötigen finanziellen Hintergrund, der lässt sich publikumswirksam aber am liebsten von einer der schwarzen Limousinen mit dem Art-Basel-Logo von Messe zu Messe kutschieren. Kein Weg führt dann an der "Liste" vorbei, die sich als wichtigste Kunstmesse speziell für junge Galerien versteht und gleichzeitig Sprungbrett sein will für eine mögliche spätere Aufnahme an der echten Hall of Fame des Kunstadels. 1996 als Alternative zur allzu etablierten Art gegründet, lockt die "Liste" bis heute aber auch mit deutlich günstigeren Standmieten.

Wer hier mitspielen will, muss dennoch ein Bewerbungsverfahren durchlaufen. Dossiers von mehreren hundert Galerien gehen Jahr für Jahr ein. Jonathan Garnhams Blank Gallery aus Cape Town, Südafrika, gehört 2017 zu den Ausgewählten und präsentiert unter anderem Arbeiten von James Webb. Der Südafrikaner zeigt auf wasserlösliches Papier geschriebene und dann verflüssigte Gedichte, die jetzt in Flaschen aufbewahrt und dekorativ aufgereiht als philosophisch poetische Medizin eine neue Realität bekommen. Ein loderndes Feuerbild des Thailänders Korakrit Arunanondchai, der es bereits ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft hat, erregt daneben Aufmerksamkeit am Stand der Londoner Galerie Carlos/ Ishikawa.

Zu den Besonderheiten der "Liste" gehören auch die regelmäßig eingeladenen Special Guests. In diesem Jahr sind es das Basler Haus für elektronische Kunst HeK, das Fotomuseum Winterthur, die Kunstinitiative Kaskadenkondensator und der Gewinner des Helvetia Kunstpreises 2017 Andriu Deplazes, der zusätzlich zum Preisgeld von 15 000 Franken eine kostenlose Einzelausstellung in den Räumlichkeiten der alten Warteck-Brauerei bekommt. Für Messebesucher braucht es hier allerdings einen guten Orientierungssinn und ein Mindestmaß an Sportlichkeit, um durch alle fünf Etagen zu kommen.

Mit dem 1929 errichteten Kuppelbau der Basler Markthalle kann auch die "Volta" mit einem speziellen Ort punkten. Hier wird vor allem auf Solo Shows einzelner Künstler gesetzt. Niek Hendrix am Stand von Roger Katwijk aus Amsterdam gehört etwa dazu. Der Holländer beruft sich unter anderem auf den Kunsttheoretiker der Renaissance Leon Battista Alberti und dessen Ratschlag an Künstler, den Bilderrahmen als ein Fenster zur Welt zu sehen, über das der Betrachter ein Stück seiner selbst kennenlerne. Hendrix beruft sich jetzt auf die Unzahl von Bildern, die uns täglich bombardieren, greift einzelne heraus, kombiniert sie mitunter neu und schafft auch durch die reine Schwarzweißabbildung eine neue Lücke zur Realität.

Aufsehenerregend machen sich daneben handgearbeitete Teppichbilder des Aserbaidschaners Faig Ahmed aus, der seine Werkstücke scheinbar zusammenfließen und sich von der Wand herab hier und da blumig ausbreiten lässt. Eine schwarze Masse ergießt sich, ihrerseits Faden für Faden eingeknüpft, über einen weiteren Teppich, den der Künstler "Fuel" (Treibstoff) nennt. Auf den ersten Blick weniger spektakulär scheinen dagegen die Acrylbilder von Jochen Hein, die die Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs präsentiert. Hier kommt es auf die Machart an. Der gebürtige Husumer hat seine Landschaftsbilder oder figürlichen Arbeiten schichtweise aufgebaut und die stellenweise fotorealistische Zeichnung im Anschluss wieder frei gekratzt. Man habe sich schon mehrfach um eine Teilnahme an der Messe bemüht, heißt es von Galerieseite. Diesmal hat es erstmals geklappt und die gleich zum Auftakt reichlich vergebenen roten Punkte, die den Verkauf signalisieren, sprechen dafür, dass die erste Teilnahme nicht die letzte sein wird.

Zusätzlich zu den Neben- gibt es auch Schwestermessen, wie die seit 2001 bestehende Art Basel Miami. In umgekehrter Richtung schlug die in Miami und New York domizilierte "Scope" 2007 erstmals ihre Zelte in Basel auf. Ohne ausdrückliche Spezialisierung gibt es hier viele Zitate nach Klassikern sowie Fotografie und Video-Arbeiten. Die Zürcher Galerie Laurent Marthaler zeigt hier etwa den Schweizer Daniel Cherbuin, der David Hockneys Poolbild "A Bigger Splash" von 1967 per Videoanimation gleichsam belebt weiterdenkt. Bei der Kölner Bart Gallery findet sich hoch inszenierte Fotografie, darunter Björn Thomas’ letztes Abendmahl "The Last Supper", für das der Künstler frei nach Leonardo da Vinci an die Stelle von Jesus Christus und seiner zwölf Apostel 13 voll tätowierte und extrem finster blickende Gestalten gruppiert hat. Sasha D espacio de arte aus dem argentinischen Córdoba zeigt sehenswerte, in unzählige Streifen fragmentierte Fotoporträts von Javier Bellomo.

Ein ungewöhnliches Konzept verfolgt auch die ebenfalls seit 2007 bestehende "Selection". Hier sind in diesem Jahr nicht Galerien zu Gast, sondern es ist mit der Brüssler Young International Artists YIA Art Fair gleich eine ganze Messe. Die 15 vertretenen Galerien geben ein recht diffuses Bild ab und bringen beispielsweise, wie die Mailänder Galerie Il Mappamondo auf engstem Raum, aber ohne erkennbaren Zusammenhang Namen wie Maurice Utrillo, Lucio Fontana, Alberto Magnelli oder Andy Warhol zusammen oder sie präsentieren, wie etwa Virginie Barrou Planquart aus Paris ausdrücklich "verspielte Kunst" des Franzosen Stephane Gautier, bei dem geflügelte Herzen oder vergoldete Bärchen eine Rolle spielen. Das bewege sich, so das Programm, an der Grenze von Kunst und Design. Wohl wahr.

"Liste" bis So 18. Juni, Werkraum Warteck, Burgweg 15, Fr/Sa 13-21 Uhr, So 13-18 Uhr. "Volta13" bis Sa 17. Juni, Markthalle, Viadiuktstr. 10, täglich 10-19 Uhr.

"Scope" bis So 18. Juni, Webergasse 34, Fr/Sa 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr.

"Selection" bis So 18. Juni, Riehentorstr. 31, Fr/Sa 12-21 Uhr, So 12-19 Uhr.