Schatten aus Beton

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Mi, 14. Februar 2018

Ausstellungen

KUNST IN KÜRZE: Streifzüge durch Freiburg und Emmendingen.

Matthias Dämpfle
Grau und recht angefleddert steht gleich am Eingang ein Schuhpaar, das aus einem Beckett-Stück in die Galerie Kralewski gefunden haben könnte. Allerdings handelt es sich um Abgüsse, die wie alle Exponate der Ausstellung "the same in new" aus Beton sind. Dabei fallen die Schuhe als einzige Objekte auf, die am Boden stehen, denn bis unter die Decke setzen sich Figuren und Allerweltswörter fort, die Matthias Dämpfle (Jahrgang 1961) in der linearen Abfolge eines Frieses installiert hat.

Die einzelnen Stücke tragen Titel wie "Kleine Frau", "Mittlerer Mann" oder "Junge", spielen aber im Gegensatz zu ihren lakonischen Benennungen in einem beschwingten Ballett aus Posen und Körperhaltungen zusammen. Wenn der grobschlächtige Beton sich zu solch schwerelosen Flugnummern aufschwingt, verdankt sich das einem künstlerischen Überschuss aus ungewöhnlichen Prozeduren. Mit dem Diamantbohrer graviert Dämpfle in die glattgeschliffenen, schematisierten Körperwölbungen seiner Rohlinge verschieden dichte Punktefelder, um Gesichter, Muskelstränge und Kleidungsstücke einzuzeichnen. Was die Attraktion dieser Skulpturen ausmacht, ist der verblüffende Widerspruch zwischen glatten Oberflächen und der dreidimensionalen Suggestion, die mit der Feinkörnigkeit von Schwarzweißfotos die Immaterialität von Hologrammen vortäuscht. Und wenn die Figuren sich bei genauerem Hinsehen noch als Hohlformen herausstellen, weiß man, dass selbst Schatten aus Beton sein können.

Lilli Benkert
Angeblich soll es in Irland mehr Schafe geben als Menschen. Diesen Eindruck zumindest brachte die Emmendinger Malerin Lilli Benkert von ihren häufigen Inselaufenthalten mit. Die Ausstellung "Schaf-Welten" in der Emmendinger Galerie im Tor vermittelt nicht nur irische Impressionen, sondern auch die Begeisterung für das Tier, das der Künstlerin zum universellen Sujet wurde. Als Agnus Dei, das Jesus Christus versinnbildlicht, bis hin zum realen Opfertier wie im Islam, stahlt das Schaf bis heute eine religiöse Symbolkraft aus.

Aber es ist nicht nur seine mythische und kulturelle Tragweite, weshalb die Künstlerin es unter allen Kreaturen so herausstellt, sondern auch die persönliche Faszination von besonderen Eigenschaften, die sie dem Schaf zuschreibt. Seine Sanftheit und Zurückhaltung in der symbiotischen Beziehung mit dem Menschen zusammen mit jener archaischen Symbolik verweben sich zu einem Bedeutungsgeflecht, aus dem heraus sich die Arbeit von Lilli Benkert entfaltet. Was sich allerdings vom Holzschnitt bis zum Zementbild durchzieht, sind die dünnen, überlangen Beine unter den kugeligen Körpern, was motivisch nicht zufällig an kindliche Kopffüßler erinnert.

Vor längerer Zeit nämlich erkannte Benkert in diesem entwicklungspsychologischen Standard ein nachdrückliches Zeichen für aufzuarbeitende Kindheitserlebnisse. Wenn auch auf einem Umweg über manch wunderliche Tierdarstellung: So nah beieinander sollten Kunst und Leben sein.

Henny Fleischmann
Die Flügel der antiken Sagenhelden Daedalus und Ikarus, die römischen Schreibtafeln, Kerzen, Krippenfiguren, Deko-Kitsch bis zu den kuriosen Berühmtheiten bei Madame Tussaud: alles aus Wachs, dem geschmeidigen und leicht modellierbaren Universalstoff, der fast zwangsläufig zum künstlerischen Gebrauch animiert. So auch die Freiburger Künstlerin Henny Fleischmann, deren Objektbilder in der Katholischen Akademie ausgestellt sind. Der Titel "Schichtung + Struktur" gibt bereits einen sachdienlichen Hinweis auf Technik und Gehalt der Arbeiten.

Am auffälligsten wirkt das intensive Weiß der noch stark zum Tafelbild tendierenden Objekte im geräumigen Foyer der Akademie. Textile Komponenten wie Fäden, weitmaschige Netze sowie angedeutete Nähte treten als grafische Strukturen hervor und durchweben die schneeigen Oberflächen – wie sich generell zeigt, welch reichhaltige Ansammlung von Alltagsdingen sich mit einem Stoff wie Wachs homogenisieren lässt. Kabelbinder oder ein Schwarm Nadeln, die durch eine halbtransparente Lasur drängen, Tackerklammern, die sich zum Muster ordnen, oder die Konturen von Schwarzweißfotos, die unter einer milchigen Membran verschwimmen – es ist das Wachs selbst, das von sich aus nach Expansion strebt, sich alles Habbare einverleibt, um es in kompakte und immer wieder überraschende Oberflächen zu verwandeln.

Galerie Marek Kralewski, Freiburg Baslerstr. 13. Bis 11. März 2018, Di bis Do 14–18 Uhr.
Galerie im Tor, Emmendingen, Lammstr. 30. Bis 11. März 2018, Mi 14–17, Sa 11–14, So 11–17 Uhr.
Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg, Wintererstr. 1. Bis 12. April 2018, Mo bis Fr 8.30–18.50 Uhr.